Itingen/Fülinsdorf
Kommt es bei Harlan zu weiteren Kündigungen?

Harlan-Angestellte zweifeln, dass dieser Stellenabbau der letzte war. Das Baselbieter Amt für Industrie, Gewerbe und Arbeit glaubt zwar, dass das Managment die Firma wirklich retten will. Im ersten Halbjahr sind aber wiederVerluste angefallen.

Michael Nittnaus
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bz Basellandschaftliche Zeitung

Grosses internes Mitarbeitergespräch bei Harlan Laboratories in Itingen vergangenen Dienstag: «Ask Manuela» heisst es auf der Einladung. Manuela Leone, Vorsitzende der Geschäftsleitung, steht den gut 500 Mitarbeitern der Schweizer Standorte Itingen und Füllinsdorf Red und Antwort. 87 von ihnen wurde gekündigt (die bz berichtete). Alle Fragen seien erlaubt, sowieso stünde ihre Türe jedem Mitarbeiter jederzeit offen, versichert Leone.

Jemand meldet sich, beschwert sich darüber, dass die Kündigungen in jeder Abteilung laut vorgelesen worden seien. Die italienisch-stämmige Leone zögert nicht: «We will learn. Next time will be better.» («Wir werden daraus lernen. Nächstes Mal wird es besser sein.») Ein Raunen geht durch den Saal. Ein anwesender Manager eines englischen Harlan-Standorts fasst sich an den Kopf.

Kiga glaubt an Rettung

«Ein Freudscher Versprecher sondergleichen.» Das ist für Arno Wess von der Arbeitnehmervertretung klar, der diese Anekdote gegenüber der bz schildert. Der Versprecher ist für ihn mehr als blosser Zufall. Für Wess und seine Arbeitskollegen Denis Weber und Marion Wild nährt dies den Verdacht, dass bei Harlan weitere Kündigungen folgen werden. «Wir vermuten, dass der Gesamtkonzern die Schweizer Standorte schrittweise aushöhlen will, bis nur noch das absolute Kerngeschäft übrig bleibt», sagt Wess.

«Unser Eindruck ist, dass das Management die Firma wirklich retten will», sagt dagegen Thomas Keller. Der Leiter des Baselbieter Amts für Industrie, Gewerbe und Arbeit (Kiga) begleitete partiell das Konsultationsverfahren und erhielt auch Einsicht in die Geschäftszahlen. Diese weisen laut einem Schreiben der Geschäftsleitung, das der bz vorliegt, für die vergangenen beiden Jahre unbezifferte, grosse Verluste aus.

Im ersten Halbjahr 2011 sei dann nochmals ein Verlust von vier Millionen Franken entstanden. «Diese Zahlen sind plausibel», sagt Keller. «Noch im Februar sprach Frau Leones Vorgänger Kuno Sommer von einer schwarzen Null», entgegnet Wess. Zusammen mit der Gewerkschaft Unia überlegen die Angestellten nun, das Konsultationsverfahren juristisch anzufechten, da Harlan sie ungenügend informiert habe.

Die Arbeitnehmervertretung stimmt unter anderem skeptisch, dass eine ganze Abteilung entlassen wurde, obwohl sie profitabel arbeitete und eine gute Auftragslage herrschte. «Das macht wirtschaftlich keinen Sinn», sagt Wess. Noch seltsamer mute an, dass die identische Abteilung nun in Deutschland neu aufgebaut werde – mit demselben Leiter, aber ohne sein Team.

Kündigungen eine «Schweinerei»

Das bringt Wess, Weber und Wild zur nächsten Kritik: Die 87 Entlassungen würden von unglaublicher Willkür zeugen. So habe es zum einen Mitarbeiter getroffen, die kurz vor der Pensionierung stehen und seit fast 30 Jahre in Itingen arbeiteten. Zum anderen aber auch junge Wissenschafter, die auf dem neuesten Wissensstand waren. «Und bei einem Ehepaar wurde gleich beiden gekündigt», ergänzt Wild. Noch dazu habe niemand eine Begründung erhalten. Das ist zwar bei Massenentlassungen mit Konsultationsverfahren zulässig, doch für Wild nichts anderes als eine «menschliche Schweinerei». Wenig Fingerspitzengefühl bewies die Geschäftsleitung auch bei den Kündigungsschreiben, die im Laufe der Woche verteilt wurden (siehe Ausschnitt oben). «Täglich begegnen mir momentan weinende Kollegen in den Gängen», beschreibt Wild die Stimmung in Itingen.

Nächste Woche findet für die entlassenen Mitarbeiter ein Infoanlass statt. Die Arbeitnehmervertretung möchte dabei mit der Unia Tipps weitergeben, was es bei der Kündigung zu beachten gibt. Auch eine zweite Betriebsversammlung soll stattfinden. «Wir müssen weiter zusammenstehen», betont Wild. Die Geschäftsleitung hat mittlerweile die Gewerkschaft als Verhandlungspartnerin zugelassen – aufgrund einer einstweiligen gerichtlichen Verfügung.

Gegenüber der bz nahm Manuela Leone bis gestern Abend trotz mehrmaligem Nachfragen nicht Stellung.