Pratteln
Kritik eines 96-Jährigen: «‹Fotzelgesellen› haben die Rohner AG heruntergewirtschaftet»

Der Prattler Hans Herzog beobachtete mit Wehmut den Niedergang der Rohner AG, in der er selbst 35 Jahre gearbeitet hatte. Das Unternehmen hat für ihn nichts mehr mit dem Familienbetrieb zu tun, der 1906 von Josef Rohner gegründet worden war.

Michael Nittnaus
Merken
Drucken
Teilen
Hans Herzog zeigt auf ein Foto von 1982, auf dem er mit der Rohner-Geschäftsleitung abgelichtet wurde.

Hans Herzog zeigt auf ein Foto von 1982, auf dem er mit der Rohner-Geschäftsleitung abgelichtet wurde.

Nicole Nars-Zimmer (niz)

Eine gewaltige Rauchsäule stieg in den Prattler Himmel. Brand im Warenlager der Rohner AG. Wir schreiben das Jahr 1982, als Hans Herzog sich sofort auf sein Velo schwang und – noch in den Hausschuhen – zum Firmenareal südwestlich des Bahnhofs radelte. Als er ankam, sah der Chemiker gerade noch, wie Arbeiter einen grossen Behälter aus dem brennenden Gebäude holten und in Sicherheit brachten. Dessen Inhalt: Natrium, das bei Kontakt mit Wasser explodiert.

«Haarscharf sind wir da an einer Katastrophe vorbeigeschlittert. Und das vier Jahre vor Schweizerhalle», erzählt Herzog, als ihn die bz in seinem Haus nahe des Prattler Dorfkerns besucht. Damals war Herzog 59 und Sekretär der Rohner-Geschäftsleitung. Heute sitzt er 96-jährig in seinem blumengemusterten Ohrensessel und hält fest: «Bei chemischen Betrieben kann immer etwas passieren. Doch bei der Rohner AG wussten wir damals immerhin genau, wo was gelagert war – und konnten so rasch reagieren.»

Hans Herzog begrüsst, dass das Areal chemiefrei wird

Nach dem Brand hätte sich der damalige Direktor der Sandoz öffentlich über Rohner ausgelassen und die Schliessung des Familienunternehmens gefordert, erzählt Herzog weiter. «1986 beim Schweizerhallebrand war Sandoz dann plötzlich froh, dass unsere Betriebsfeuerwehr mithalf.»

2019 wäre die Betriebsfeuerwehr der Rohner AG wohl keine so grosse Hilfe mehr gewesen. Sie litt unter akutem Personalmangel und musste von anderen Feuerwehren unterstützt werden, wie die bz im März offenlegte. Auch sonst häuften sich die Probleme. Die Explosion 2016, ständige Liquiditätsengpässe, Verschuldung, dann die mutmassliche Grundwasserverschmutzung durch einen Rohrbruch Anfang Jahr und immer öfter ausstehende Lohnzahlungen. Im Juni dann war Schluss, der Konkurs wurde eröffnet. Und seit Ende September steht fest, dass kein neuer Investor die chemischen Anlagen übernimmt und weiterführt. Arealbesitzerin Hiag AG wird das Grundstück chemiefrei machen und es zu Wohnraum weiterentwickeln.

«Ich bin froh, dass die Rohner AG schliessen musste», sagt Herzog. Diese harte Haltung mag überraschen aus dem Mund eines ehemaligen Angestellten, der nicht weniger als 35 Jahre im Betrieb gearbeitet hatte, die letzten drei Jahre vor seiner Pensionierung 1988 als Personalchef. Schliesslich verloren 143 Mitarbeiter ihre Stelle. Für Herzog ist dabei aber etwas zentral: «Die Rohner AG von heute hat nur noch den Namen mit der Firma gemein, in der ich arbeitete.» Herzog schrieb sogar schon Leserbriefe, in denen er bedauerte, dass man den aktuellen Besitzer nicht zwingen konnte, den Firmennamen zu ändern.

Kurz vor dem Verkauf der Firma pensioniert

Denn es ist das 1906 von Josef Rohner gegründete Familienunternehmen, das Herzog am Herzen liegt. «Den Niedergang der Firma miterleben zu müssen, beschäftigt mich stark. Es macht mich traurig und wütend, dass zuletzt so ‹Fotzelgesellen› am Drücker waren, die den Betrieb herunterwirtschafteten.»

Der Zufall wollte es, dass Herzog, der 1953 als Doktor der Chemie 30-jährig von Josef Rohners Sohn Alfred angestellt worden war, just 1988 pensioniert wurde. Dem Jahr, in dem die dritte und vierte Generation der Familie Rohner die Firma verkaufen musste. Sein Weg bei Rohner endete also mit dem Beginn der 31 Jahre dauernden Odyssee des Unternehmens durch diverse Besitzverhältnisse, ehe es unter dem umstrittenen Geschäftsführer Daniel Pedrett die Lichter endgültig löschen musste.

«Ich stand der Familie Rohner nah, wurde von ihnen fast wie ein Familienmitglied respektiert», erzählt Herzog. So stieg er denn auch intern auf. Startend im technischen Kundendienst, der für die Kunden die Farbeinstellungen der von Rohner entwickelten Textilfarbstoffe vornahm, erhielt Herzog nach zehn Jahren gewisse Handlungsvollmachten vom Verwaltungsratspräsidenten Walter Rohner. Später führte sein Weg über Public Relations hin zum Sekretär der Geschäftsleitung, Vizedirektor und Personalchef in den 1980er Jahren.

In der Blütezeit hatte Rohner mehr als 300 Angestellte

Bis in die 1970er wuchs das Unternehmen auf mehr als 300 Angestellte an und generierte einen Umsatz von 100 Millionen Franken. «Rohner war damals ein wichtiger Arbeitgeber für Pratteln, hoch geschätzt und international erfolgreich», sagt Herzog. Dass der Name nun wegen der jüngeren Vergangenheit, mit der die Familie nichts mehr zu tun hatte, so negativ behaftet sei, bedauert der 96-Jährige sehr.

Einen kleinen Makel im Reinheft der Unternehmerfamilie gibt es allerdings: Als in den 1970er-Jahren die Konkurrenz im Farbstoffbereich aus Ostasien immer stärker wurde, reagierten andere Basler Chemiefirmen wie Ciba und Geigy, indem sie sich breiter aufstellten. Die Rohners hätten das Klumpenrisiko zwar auch bemerkt, aber zu spät reagiert, stellt Herzog heute fest. So setzte die Abwärtsspirale ein, die 1988 im Verkauf endete. «Das war das einzige grosse Versäumnis der Familie Rohner.»