Arlesheim
Kunst von besonderen Menschen - Schicksale werden sichtbar

Eine Ausstellung im Forum Würth setzt Werke von Behinderten neben arrivierte Künstler. Das Ziel der Ausstellung ist, auf soziale Aspekte von Menschen hinzuweisen, die oftmals aus dem Leben ausgeschlossen werden.

Nikolaus Cybinski
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Aus der Kreativwerkstatt des Bürgerspitals stammt dieses namenlose Bild von Bruno Hofer.

Aus der Kreativwerkstatt des Bürgerspitals stammt dieses namenlose Bild von Bruno Hofer.

Zur Verfügung gestellt

Es ist keine Ausstellung, wie sie das Forum sonst zeigt, wenn der obsessive Kunstkäufer Reinhold Würth Teile seiner riesigen Kunstsammlung (inzwischen 15 000 Bilder und Skulpturen) zeigt. Die gestern Abend eröffnete Ausstellung «Nasen riechen Tulpen» ist anders, denn sie ist das Resultat einer Kooperation der Sammlung Würth mit der Kreativwerkstatt des Bürgerspitals Basel. Jenseits des etablierten Kunstmarktes, der uns heute vorschreibt, was Kunst ist, gibt es seit 1922, als das Buch «Bildnerei der Geisteskranken» des Nervenarztes Hans Prinzhorn erschien, eine Kunst, die heute «Outsider Art» genannt wird (Jean Dubuffet sprach noch von «Art brut»), aber kaum Beachtung in der Öffentlichkeit findet.

Werturteile werden relativiert

Die gegenwärtige Ausstellung zeigt nun Arbeiten von 15 Künstlern der Kreativwerkstatt Bürgerspital und verfolgt zwei Ziele: Sie verweist zum einen auf die sozialen Aspekte, das heisst, sie zeigt die Arbeiten von Menschen, die wir aus unserem Leben ausgeschlossen haben. Zum andern betont sie die künstlerischen Aspekte ihres Tuns, das sich ganz individuell äussert und unverfälschter Ausdruck von Menschen ist, deren «Besonderheit» sie die Welt besonders erleben lässt.

Der Besucher entdeckt in der Ausstellung Überraschendes und Erstaunliches, das durchaus die Kraft hat, seine festen Werturteile zu relativieren. Doch er «liest» diese Bilder und Skulpturen nicht richtig, wenn er die Umstände ihrer Entstehung nicht mitbedenkt, und hier kommt die Kreativwerkstatt ins Spiel. Unter dem Motto «Individuell fördern - Einzigartiges schaffen» bietet sie Arbeitsplätze – seit 2008 über 60 – für Menschen mit einer physischen, psychischen oder geistigen Behinderung und weckt und fördert deren kreative Neigungen und Fähigkeiten, die sie beim Malen, Zeichnen, Filzen, Stricken, Nähen, Weben und Töpfern ausleben können. Angeleitet und betreut werden diese Menschen von eigens für diese Aufgaben ausgebildetem Personal, das bestrebt ist, «in der Tagestruktur ... individuelle Leistungsfähigkeit und Selbstständigkeit» zu fördern.

Schicksale werden sichtbar

Dass in der Kreativwerkstatt, die Walter Buess leitet, segensreiche Arbeit geleistet wird, zeigt nun die Ausstellung. Was sie von «normalen» Ausstellungen unterscheidet, ist die Tatsache, dass sich in jedem Bild, in jeder Skulptur ein schweres Schicksal verbirgt und zugleich zu erkennen gibt. Pius Gürtler zum Beispiel: 1955 geboren und seit 1998 in der Werkstatt, zeichnet Tag für Tag Telefonzellen und Tramwagen auf weisse Din-A4-Blätter, und im Verlauf der Jahre wurden es Tausende, die nun zu fünf Zeichentürmen gestapelt eine – seine – Welt darstellen. In ihr lebt er, und wenn er etwas genau weiss, dann das, was Bruno Hofer, «der Malerfürst mit Downsyndrom» einmal sagte: «I schaff doch nit für d ́Chatz!» Für die schafft auch Oliver Reigber nicht, der nach einem lebensgefährlichen Unfall seit 2007 in der Werkstatt ist und mit Bunt- und Bleistiften Szenen aus «Hamlet» zeichnet, die eine grosse Begabung verraten, so virtuos inszeniert er seine Blätter. Zwei Beispiele mussten hier genügen, nun ist der Besucher gefordert, seine Beispiele zu entdecken.

Forum Würth Arlesheim. Nasen riechen Tulpen. Kunst von besonderen Menschen. Sammlung Würth & Kreativwerkstatt Bürgerspital Basel. Bis 22. September 2013. Mo-So 11-17 Uhr, freier Eintritt. Zusätzlich ist ein Katalog erschienen.