Recycling
Kunststoff ist immer begehrter: Auch Birsfelden soll eine Plastiksammlung erhalten

Nach Allschwil könnte auch Birsfelden Plastik sammeln – trotz Skepsis des Kantons.

Julia Gohl
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Bei der ersten Kunststoffsammlung in Allschwil kamen 2,2 Tonnen Plastik zusammen. Bei der vierten waren es bereits deren drei.

Bei der ersten Kunststoffsammlung in Allschwil kamen 2,2 Tonnen Plastik zusammen. Bei der vierten waren es bereits deren drei.

zVg/Gemeinde Allschwil

Auch Birsfelden soll eine Kunststoffsammlung erhalten. Das wünscht sich zumindest die EVP. Sie hat beim Gemeinderat einen entsprechenden Vorstoss eingereicht. Inspiriert wurde die Ortspartei dazu vor allem von der Gemeinde Allschwil, die seit Februar als erste in der Nordwestschweiz eine kostenpflichtige Kunststoffsammlung testet. «So ein Angebot würde auch zu Birsfelden als Energie-Stadt passen», findet André Fritz, Vizepräsident der EVP Muttenz-Birsfelden. «Wir wissen aus unserem Bekanntenkreis, dass viele Leute Plastik bereits separat sammeln, um ihn dann bei entsprechenden Anbietern zu entsorgen. Aber dafür muss man teilweise weit mit dem Auto fahren – und das kann ja nicht der Sinn der Sache sein.»
Beim zuständigen Gemeinderat Jürg Wiedemann stösst der Vorstoss auf offene Ohren. «Ich persönlich finde dieses Anliegen richtig», sagt er zur bz. Wiedemann möchte den Vorstoss unbedingt vorantreiben, solange er noch im Gemeinderat ist. Zu den Wahlen im Februar ist er nicht mehr angetreten und somit nur noch bis Ende Juni in der Birsfelder Exekutive vertreten.

An der nächsten Gemeindeversammlung im Juni möchte er zumindest über die Kunststoffsammlung informieren können. «Aber es soll kein Schnellschuss werden», verspricht er. «Wir werden fundiert prüfen, wie sich so eine Sammlung am effektivsten aufgleisen lässt, ob zum Beispiel Sammelstellen wie beim Glas Sinn machen oder doch eher eine Abholung wie in Allschwil.» Das ist ganz im Sinne der EVP. «Wir haben unseren Vorstoss absichtlich sehr offen gehalten», sagt Fritz. «So ist es dem Gemeinderat überlassen, die sinnvollste Variante auszusuchen.»

Bund rät zu warten

Die Bestrebungen Birsfeldens freuen Andreas Dill, der als Umweltbeauftragter der Gemeinde Allschwil die dortige Kunststoffsammlung aufgebaut hat. «Wenn andere Gemeinden mitziehen, kommt entsprechend mehr Plastik zusammen, was wiederum die Auslastung verbessert und so die Sammlungs- und Sortierlogistik effizienter gestaltet.» Etwas anders werden die Birsfelder Bestrebungen beim Kanton gesehen. Das Baselbieter Amt für Umweltschutz und Energie (AUE) hat die Empfehlung an Gemeinden herausgegeben, mit eigenen gemischten Kunststoffsammlungen zuzuwarten, bis die Resultate aus Allschwil vorliegen. Gleicher Meinung war vergangene Woche die Basler Regierung bei einem Vorstoss im Grossen Rat. Und auch der Bund sowie Swiss Recycling, die Dachorganisation aller Schweizer Separatsammlungen, rät Gemeinden zurzeit zum Abwarten.

Kunststoffsammlung: Muttenz will (noch) nicht

Die Gemeinde Muttenz verzichtet gemäss offizieller Mitteilung «vorerst auf eine Sammlung gemischter Kunststoffabfälle». Es könne nicht das Ziel sein, eine spezifische Abfallart wie beispielsweise Kunststoff um jeden Preis zu verwerten. In erster Linie müsse die Reduktion der Umweltbelastungen der Abfallbehandlung im Vordergrund stehen. Als weiteren Grund nennt der Gemeinderat die Kehrichtverbrennungsanlage Basel, welche die Abfälle mit einer Energieeffizienz von fast 80 Prozent verbrenne. Die dadurch gewonnene thermische Energie ersetze einige zehntausend Tonnen Heizöl pro Jahr und trage so zur CO2-Reduktion bei. Nach der Pilotprojektauswertung in Allschwil werde Muttenz entscheiden, ob man eine Kunststoffsammlung einführe. (clm)

«Sehr sinnvoll ist sicher, was manche Grossverteiler und Entsorgungscenter zurzeit anbieten: eine selektive Separatsammlung für spezifische Kunststoffabfälle wie etwa Waschmittelflaschen», erklärt Dominic Utinger vom AUE. Bei selektiven Separatsammlungen falle eine weitgehend sortenreine und unverschmutzte Kunststofffraktion an. Dies sei eine gute Ausgangslage für das Recycling. «Aber ob die gemischte Kunststoffsammlung in Haushalten ökologisch und ökonomisch ebenfalls Sinn macht, ist zurzeit stark umstritten.»
Das hat laut Utinger verschiedene Gründe. Einerseits seien die vielen verschiedenen Kunststofftypen im Haushaltsabfall durchmischt. Eine einzelne Verpackung könne aus mehreren Sorten bestehen und der Abfall sei häufig stark verschmutzt. «Daraus ergibt sich ein grosser Sortieraufwand und viel Ausschuss», so Utinger. Denn nicht jeder Kunststoffmüll ist fürs Recycling geeignet. In Allschwil wird dieser als Brennstoff in Zementwerken genutzt. «Hier stellt sich die Frage, ob dies bezüglich Energieeffizienz wirklich sinnvoller ist, als den Kunststoff mit dem Hausmüll in der Basler Kehrichtverbrennungsanlage zu verbrennen, die in Sachen Energieeffizienz Bestwerte erzielt.»

Wegen dieser Unsicherheiten schaut der Kanton nun gespannt nach Allschwil. Dort hat man wenig Verständnis für die Bedenken des AUE. «Bevor wir die Sammlung ins Leben riefen, haben wir uns lange und intensiv mit dem Thema befasst», sagt Dill. «Wir kommen zu einem ganz anderen Schluss als der Kanton: Die Plastiksammlung lässt sich effizient und ökologisch umsetzen. Ich würde auch anderen Gemeinden ein solches Angebot empfehlen.»
Sammlungen haben noch Potenzial

Nach insgesamt vier Sammeltagen zieht man in Allschwil eine positive Zwischenbilanz. Die eingesammelte Menge nimmt laut Dill stetig zu. Kamen bei der ersten Sammlung noch 2,2 Tonnen Plastik zusammen, waren es bei der letzten Abfuhr schon drei. Um den Zielwert von 200 Tonnen im Jahr zu erreichen, müssten es aber 7,6 Tonnen pro Sammlung sein. «Wir stehen noch ganz am Anfang. Die Sammlung braucht Zeit, sich zu etablieren. Wenn wir im ersten Jahr unser Minimalziel von 80 Tonnen erreichen, bin ich bereits sehr zufrieden.»
Zufrieden zeigt sich auch die Bevölkerung. «Vergangene Woche waren wir am Dorfmarkt mit einem Stand zur Kunststoffsammlung vertreten», sagt Dill. «Wir haben sehr viele positive Rückmeldungen erhalten. Gleichzeitig zeigte sich aber auch, dass viele Einwohner noch immer nicht von dem Angebot gehört haben.» Es sei also immer noch Potenzial vorhanden. Um das zu schaffen, möchte die Gemeinde unter anderem die Anzahl Verkaufsstellen für die Kunststoffabfallsäcke erhöhen und ist mit einer Abfallpädagogin in Primarschulklassen unterwegs.