Liestal
KZ-Überlebender Shlomo Graber gibt der Geschichte ein Gesicht

Shlomo Graber hat im Zweiten Weltkrieg drei Konzentrationslager überlebt und seine Mutter sowie vier Geschwister in der Gaskammer verloren. Der in Basel lebende 91-Jährige berührte nun WMS-Schüler mit seinen Schilderungen.

Simon Tschopp
Drucken
Teilen
Der KZ-Überlebende Shlomo Graber zieht mit seinen Schilderungen WMS-Schüler in den Bann.

Der KZ-Überlebende Shlomo Graber zieht mit seinen Schilderungen WMS-Schüler in den Bann.

Roland Schmid

Mäuschenstill ist es die ganzen 50 Minuten. Tosender, lang anhaltender Applaus zum Schluss. Shlomo Graber – er hat im Zweiten Weltkrieg drei Konzentrationslager überlebt, seine Mutter und vier Geschwister in der Gaskammer verloren – fesselt mit seinen Schilderungen. Gelassen, ruhig und mit einer Prise Humor erzählt der in Basel lebende 91-Jährige über Todesdrohungen, Todesmarsch, Zwangsarbeit, Misshandlungen, Erniedrigungen. Keine Dramatik in der Art, wie er redet, umso mehr in seiner Geschichte, seinen Erlebnissen. Graber spricht vor Schülerinnen und Schülern der Wirtschaftsmittelschule (WMS) in der Aula des Bildungszentrums KV Baselland in Liestal.

Shlomo Graber ist ein Zeitzeuge mit enormem Gedächtnis, der gegen das Vergessen kämpft. «Liebe ist stärker als Hass», ruft er in den Saal. «Weshalb können Sie so positiv auf das zurückblicken?», will ein WMS-Schüler von Graber nach dessen Vortrag wissen. «Wäre es mit Hass besser?», fragt der KZ-Überlebende rhetorisch zurück – unter verhaltenem Gelächter der Zuhörerschaft.

«Geschichte bekommt Gesicht»

Für Diana, die eine Abschlussklasse der WMS besucht und im fünfköpfigen OK-Team diesen Anlass mitgestaltet hat, «ist es sehr beeindruckend, die Worte von Herrn Graber selber zu hören und nicht nur zu lesen wie in unserem Geschichtsdossier». Man habe es sich viel besser vorstellen können. «Es ist einfach unglaublich. Ich bewundere Herrn Graber, dass er so viel Kraft hat, auch in Schulen zu gehen und Vorträge zu halten», meint Diana.

Geschichts- und Deutschlehrerin Martina Gerber, welche diese Veranstaltung initiiert hatte, setzte dafür mit ihren Klassen eine Doppelstunde ein zur Judenverfolgung und spezifisch zur Geschichte von Shlomo Graber. Das Interesse der Schülerinnen und Schüler habe geweckt werden können, weil durch diesen Vortrag die Geschichte fassbarer werde. «Sie bekommt ein Gesicht», ist Gerber überzeugt. Dies bestätigt Schülerin Carla. Sie finde es interessant, Herrn Graber als KZ-Überlebenden zu sehen und von all seinen Erfahrungen zu hören. «Er hatte immer einen starken Lebenswillen.» Laut Carla sind sie sowie ihre Mitschülerinnen und -schüler mit Infos, Dossier und Film gut auf Grabers Referat vorbereitet worden.

«Man kann gar nicht glauben, was er alles erlebt hat», sagt WMS-Schüler Nelvin, als er Shlomo Graber zu Gesicht bekommt. «Ich fand es sehr bewegend, wie er so offen seine Geschichte erzählte. Es war sehr authentisch.» Auch Stephane war von Grabers Auftritt beeindruckt: «Er hat mich berührt.»

Er habe gleich nach der Befreiung aus dem KZ Görlitz im Mai 1945, was sein ebenfalls überlebender Vater mit «Das hat mir noch gefehlt!» quittiert habe, ein «normales» Leben führen können, antwortet der Referent auf eine entsprechende Frage einer Schülerin. Rajwaran hält diese Aussage für glaubhaft und meint weiter: «So wie ich ihn beobachte und wie er seine Bücher signiert, sieht er glücklich aus.»

Lehrerin Martina Gerber hört Shlomo Graber erstmals in grosser Runde, sie hat ihn aber zur Vorbereitung besucht. «Schon damals erzählte er sehr viel», berichtet Gerber. Den Humor, den Graber in seinen Vortrag streut, überrascht die Lehrerin nicht. «Das ist er, so wie ich ihn im August kennen gelernt habe.» Martina Gerber vermutet, dass man vielleicht einen solchen Humor entwickle, um das überhaupt überstehen zu können.

Ziel von Gerber und ihren Lernenden war, einen Holocaust-Überlebenden in der Schule zu haben. Sie sollten als Zuhörer die Geschichte einmal anders vermittelt bekommen. «Durch eine Person, die das selber erlebt hat», betont die Lehrerin. Dieses Ziel sei erreicht, aber sie hätte sich noch mehr Fragen aus dem Publikum gewünscht.