Nähkästchen
Landrat Diego Stoll: «Ich habe mich geweigert, farbige Schuhe zu kaufen»

SP-Landrat Diego Stoll spielte einst in der 1. Liga und träumte von einer Fussballerkarriere. Im Nähkästchen erklärt er, wie sich sein Verhältnis zum Fussball gewandelt hat.

Leif Simonsen
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«WM Spezial»: In den nächsten vier Wochen ziehen die Protagonisten Paninibildchen statt eines Begriffs aus dem Nähkästchen.

«WM Spezial»: In den nächsten vier Wochen ziehen die Protagonisten Paninibildchen statt eines Begriffs aus dem Nähkästchen.

Kenneth Nars

Herr Stoll, welchen Spieler haben Sie gezogen?

Mohammed Salah. Ich weiss noch, als ich ihn zum allerersten Mal spielen sah. Da hat mich seine Schnelligkeit bereits sehr beeindruckt.

Sie haben ja auch gespielt, immerhin in der 1. Liga. Von sich sagen Sie aber, Sie seien gar nicht so gut gewesen.

Ich kann mich schon selbst einschätzen. Zum grössten Teil habe ich gespielt, weil ich eine Leidenschaft für den Sport hatte. Aber ich war durchaus nicht so mit Talent gesegnet, wie das manche meiner Mitspieler waren. Die Frage, ob ich je in der Premier League oder in der Schweizer Liga spielen werde, hat sich nie gestellt.

Wem drücken Sie jetzt an der WM den Daumen?

Es gibt zwei Mannschaften, die ich aufgrund meiner Herkunft immer unterstütze, und das sind die Schweiz und Italien. Bei Italien ist mir diese Entscheidung ja abgenommen worden. Bei der Schweiz halte ich es wie der Durchschnittsschweizer und schätze die Chancen pessimistisch ein. Brasilien war lange Zeit ein Favorit, aber jetzt sind mir da zu viele Egozentriker dabei, und solche mag ich nicht.

Sind Sie auch selbst keiner gewesen?

Nein. Ich habe mich ja schon geweigert, farbige Schuhe zu kaufen. Auch wenn es mir nicht immer gelang, fand ich stets, man solle mit Leistung auf sich aufmerksam machen und nicht mit den Schuhen.

Die Wahl zwischen Messi und Ronaldo würde Ihnen also leicht fallen?

Was ich sicher sagen kann, ist, dass ich selbst nicht der Ronaldo-Typ bin. Aber auch Messi hat sich mit seiner Steuerhinterziehung nicht nur mit Ruhm bekleckert. Da ist mir Salah lieber: Er zeigt eine gewisse Bescheidenheit, auch beim Jubeln.

Hatten Sie ein Idol?

Ich war ein Fan von Romario, allerdings war das 1994, da war ich erst sieben. Ob er als Typ der Faszinierendste war, weiss ich nicht. Spontan fällt mir auch Peer Mertesacker ein, der kürzlich in einem Interview über sein Innenleben und die Schattenseiten des Fussballs, wie beispielsweise den grossen Druck, gesprochen hat.

Gab dieser Druck den Ausschlag, dass Sie mit dem Leistungssport aufgehört haben?

Nein, das sind ja Welten zwischen Mertesacker und mir. Natürlich habe ich einen gewissen Druck gespürt, aber das ist ja an sich nichts Schlechtes. Als ich damals bei Grenchen aufgehört habe, hatte ich nochmals die Möglichkeit, in einem 1.-Liga-Club zu spielen, mich aber dagegen entschieden, weil ich die Leidenschaft ein bisschen verloren hatte.

Heute spielen Sie «nur» noch Seniorenfussball.

Genau. Ich konnte immer weniger nachvollziehen, weshalb einem diese 90 Minuten, in denen man selbst spielt, so wahnsinnig wichtig sind. Ich habe es einfach nicht mehr ertragen, wenn ein Trainer vor dem Match in einem Kreis versucht hat, Leute anzustacheln. Das ist doch einfach blödsinnig, es geht ja eigentlich um nichts. Deshalb habe ich dann irgendwann ganz aufgehört, aber das Gesellige hat mir gefehlt. Heute spiele ich mit Senioren. Da laufen alle etwas weniger und nehmen es auch weniger ernst.

Wer ist denn talentierter: Der Fussballer oder der Politiker Diego Stoll?

Ich tue mich schwer, mir selbst Talent zu attestieren, das müssen andere Leute tun. Obwohl ich zwar auch im Fussball nicht völlig talentfrei war, würde ich aber auf den Politiker tippen.

Gab es eigentlich einen Moment, als Ihnen die Augen aufgingen und Sie erkennen mussten: Nein, Fussballprofi werde ich wohl nie?

Als ich in der U14 der Nordwestschweiz war, hatte ich einmal die zweifelhafte Ehre, in der Innenverteidigung gegen die Berner Auswahl eingesetzt zu werden, wo damals Johan Vonlanthen spielte. Wir haben 17:0 verloren. Das war aber offenbar in vollkommener Selbstüberschätzung nicht der Moment, der mir die Augen geöffnet hat. Erst als ich bei der U16-Ebene beim FCB nicht mehr weiter gekommen bin, habe ich gemerkt, dass es deutlich Bessere gibt. Aber als Jugendlicher geht man an Herausforderungen noch unbeschwerter heran. Man ist nicht so rational, sondern macht einfach mal.

Sammeln Sie eigentlich Panini-Bildli?

Nein, nicht mehr. Ich habe früher viel gesammelt. Als fussballinteressierter Mensch und Nostalgiker hat man oft das Gefühl, dass früher alles besser war. Ich habe ganz andere Emotionen als früher, wenn ich diese Bilder hier anschaue. Damals habe ich jeden Spieler gekannt und zu jedem eine emotionale Bindung gehabt. Ich habe mich kürzlich beim erschreckenden Gedanken ertappt, dass ich mittlerweile sogar Sympathie für Deutschland habe. Die sind momentan relativ bescheiden unterwegs. Ich weiss noch, als ich 1994 auf Knien durch eine Beiz gerutscht bin, weil Bulgarien Deutschland rausgekickt hat. Das würde ich heute nicht mehr tun.

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