Öffentlicher Verkehr
Landrat verlangt Wiedereinführung des Nachtzuschlags

Nachtschwärmer sollen auf dem Netz des Tarifverbunds Nordwestschweiz wieder einen Zuschlag bezahlen. Der Baselbieter Landrat hat am Donnerstag einen entsprechenden Vorstoss aus FDP-Kreisen mit 49 gegen 35 Stimmen bei einer Enthaltung an die Regierung überwiesen.

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So sah es bis 2012 nachts am Basler Bahnhof SBB aus: Jugendliche lösen am Automaten das Zuschlag-Ticket. (Archiv)

So sah es bis 2012 nachts am Basler Bahnhof SBB aus: Jugendliche lösen am Automaten das Zuschlag-Ticket. (Archiv)

Erst 2012 wurde er abgeschafft, nun soll er wieder eingeführt werden: Die Rede ist vom Fünffranken-Zuschlag auf Fahrten in Nachtzügen, -trams und -bussen des Tarifverbunds Nordwestschweiz (TNW). Der Landrat hat gestern einen Vorstoss der FDP mit 49 Ja- zu 35 Nein-Stimmen bei einer Enthaltung überwiesen. Damit ist freilich noch nicht beschlossen, dass der Nachtzuschlag wieder eingezogen wird. Der Kanton Baselland kann dies nämlich nicht in Eigenregie entscheiden; für eine Änderung der Tarifstruktur ist die Zustimmung aller im TNW zusammengeschlossenen fünf Kantone sowie der fünf Transportunternehmen nötig.

«Zusatzangebot darf etwas kosten»

Mit Wiedereinführung des Zuschlags sollen die Einnahmen im regionalen öV erhöht werden, was die Kantone finanziell entlasten könnte. «Wir leisten uns heute mehr als andere», begründete FDP-Landrätin Saskia Schenker ihren Vorstoss in der kurzen, aber engagierten Debatte. Sie stelle das TNW-Nachtnetz nicht infrage. «Ich nutze es selber und finde es gut», beteuerte sie. Ähnlich argumentierte CVP-Fraktionschef Felix Keller: «Das Nachtnetz ist eine tolle Sache. Aber es ist ein Zusatzangebot, das Zusatzkosten generiert – deshalb darf es zusätzlich etwas kosten.» Mit Zusatzkosten meinte er, dass die Nachtfahrten wegen der Nacht- und Sonntagszuschläge bei den Transportunternehmen zu höheren Lohnkosten führen. Auch seien die Kosten für Reinigung und Sicherheit höher.

Dass es sich beim Nachtnetz um ein Zusatzangebot handeln soll, stellten Vertreter von Rot-Grün in Abrede: «Wenn man sieht, wie voll die Nachtzüge sind, dann kann man kaum von einem Zusatzangebot reden», sagte Martin Rüegg (SP). Er frage sich, was in der Logik der Befürworter als Nächstes komme – der «Early morning»-Zuschlag für Frühaufsteher oder der Wochenendzuschlag für Wanderer, welche die S-Bahn-Züge verdreckten. Lotti Stokar (Grüne) gab ihrer Befürchtung Ausdruck, dass bei einer Wiedereinführung des Nachtzuschlags viele Junge von Bahn oder Bus zurück aufs Auto umsteigen, um in den Ausgang zu fahren. Damit steige das Risiko alkoholbedingter Verkehrsunfälle, ist Stokar überzeugt.

Protest im bürgerlichen Lager: «Ihr glaubt doch selbst nicht, dass jemand wegen einem Fünfliber umsteigt», warf Hansruedi Wirz (SVP) in die Runde. Und Marianne Hollinger (FDP) wollte in vielen Gesprächen festgestellt haben, dass die Jungen akzeptierten, dass der Nachtzuschlag Bestandteil ihrer Kosten für den Ausgang sei. Nun gelte es «nur» noch, die Mamis und Papis zu überzeugen.

Sparpotenzial: 800'000 Franken

Beide Seite konnten ihre Argumente nicht mit Fakten belegen. Wertvolle Hinweise liefern Zahlen zur Nutzung des Nachtnetzes: 2011, dem vorerst letzten Jahr mit Nachtzuschlag, verkaufte der TNW rund 156'000 Fünffranken-Tickets. 2014, dem letzten ausgewerteten Jahr, nutzten hochgerechnet 363'000 Passagiere einen Nachtzug, -tram, oder -bus. Dies entspricht mehr als einer Verdoppelung der Fahrgastzahlen. Die Attraktivitätssteigerung durch den Wegfall des Zuschlags dürfte den Boom zumindest teilweise erklären.

Würde der Zuschlag wiedereingeführt, so resultieren für den TNW daraus (unter Annahme stabiler Fahrgastzahlen) Mehreinnahmen von rund 1,8 Millionen Franken. Der Kanton Baselland stellt 44 Prozent aller TNW-Fahrgäste – er könnte demnach bei den Abgeltungen an die Transportunternehmen um 800'000 Franken entlastet werden. Die TNW-Kantone Baselland, Basel-Stadt, Aargau, Solothurn und der Jura sind derzeit daran, eine neue Bestellerstrategie auszuarbeiten. Ziel ist eine «Verbesserung des Kostendeckungsgrads», wie es in einer Mitteilung der Kantone vom Oktober 2015 heisst. Der Beitrag der Nutzer am öV-Angebot sei im TNW-Raum im Vergleich zu anderen Regionen klein, der Anteil, den die öffentliche Hand trägt, relativ hoch. Bis im Sommer sollen Ergebnisse vorliegen.

Die Preise für die öV-Benutzer könnten also steigen. Dazu gehören Massnahmen wie die von der Baselbieter Regierung geplante Streichung der U-Abo-Subventionen, aber auch der Nachtzuschlag. Beides ist umstritten; die Juso kündigten gestern vorsorglich eine Volksinitiative an für den Fall, dass Baselland die anderen TNW-Kantone von der Wiedereinführung des Nachtzuschlags überzeugen kann.