Landzunge und Stadtmund
Was uns die Bibel in den Mund legt

Holt das Popcorn raus, Eva erzählt wieder aus dem Paradies.

Eva Oberli
Eva Oberli
Merken
Drucken
Teilen
War wohl gar kein Apfel: Die Frucht vom Baum der Erkenntnis.

War wohl gar kein Apfel: Die Frucht vom Baum der Erkenntnis.

bz-Archiv

Es gibt Dinge, die bringen Namen mit sich. Prestige, Assoziationen zu bekannten Persönlichkeiten, dämliche Spitznamen oder in meinem Fall: Regelmässig dreifach ironische Nachrichten von Bekannten im Posteingang, die mir mitteilen wollen, dass sie heute an der Tankstelle einen Opel ADAM gesehen haben. Wegen Eva, ne? Ja, haha. Noch nicht einmal gehört den Witz in den letzten 21 Jahren.

Anfang Jahr habe ich damit begonnen, das wohl einflussreichste Schriftstück Europas, wenn nicht der ganzen Welt, zu lesen. Die Bibel. Ich könnte jetzt behaupten, dass ich mich zum Zweck der Allgemeinbildung oder aus profundem kulturhistorischem Interesse dazu entschieden hatte. Aber dann käme mir das achte Gebot in die Quere.

Meine bisherigen Erkenntnisse: In der Bibel geht sehr viel mehr Sodom und Gomorrha ab, als man gemeinhin annehmen würde. Mord- und Totschlag, Vergewaltigungen, Inzest, Genozide, Flüche, Bestrafungen und Vertreibungen, wohin man blättert.

Ein Garten Eden für den Sprachgebrauch

Inzwischen bin ich beim Buch Numeri angelangt und muss ganz ehrlich sagen, so viel schlauer bin ich jetzt auch nicht. Wobei, das stimmt nicht ganz. Zwischen Genesis und Exodus häuft man sich nämlich rasch ziemlich viel Insiderwissen an. Leute, die meinen, sie hätten Humor verstanden, fragen mich öfters mal, inwiefern mein exorbitanter Konsum von Äpfeln mit dem Sündenfall korreliert. Die kann ich mittlerweile gütlich darauf hinweisen, dass die Früchte vom Baum der Erkenntnis biblisch gar nicht genauer definiert, geschweige denn als Äpfel festgelegt wurden. Wieder was gelernt.

Ich glaube, das sprachliche Potenzial ist die unterschätze Seite dieses viel bewerteten Schriftstücks. Ob gläubig oder nicht, dazu verdonnert oder eigeninitiativ: Die Bibel bietet allen, die sie lesen, 1400 Seiten Material für Metaphern, Vergleiche und pointierte intellektuelle Bemerkungen für jede Lebenssituation.

Ich winke längst nicht mehr mit dem Zaunpfahl, ich entzünde den Dornbusch.

Und anstelle von «Merks mal!» rufe ich ignoranten Menschen jetzt «Drehen sie sich um, Frau Lot!» hinterher. Mittlerweile kann ich nicht mal mehr in Ruhe Deutsch-Rap hören, weil mich Bushido-Zeilen wie «Weisst Du, wie man so was nennt, K? Vatermord!» an Judas erinnern.

Wir haben alle irgendeine Aufgabe, solange wir hier sind. Das ist wohl eine der Grundaussagen der Bibel. Und wenn es die Aufgabe der Eva im ersten Buch Mose war, die gesamte Menschheit zu verdammen, so ist es jetzt vielleicht mitzuteilen, dass es ein Entkommen aus jeder Schlangengrube gibt. Nur eine Flucht vor allen selten blöden Witzen dieser Welt, die gibt es nicht.