LANDZUNGE UND STADTMUND
Der Ehrentod der Bärlauchsammler

Der wilde Knoblauch blüht und erinnert uns daran, welchen tragischen Helden wir noch ein Kränzchen winden sollten.

Eva Oberli
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Reicht jetzt auch mit dem zartgrünen Kalium-Lieferanten.

Reicht jetzt auch mit dem zartgrünen Kalium-Lieferanten.

Bild: Archiv

Der April ist da! Oder wie ich ihn nenne: Der Monat, der sich viermal täglich zwischen Freibadwetter und Schneesturm entscheiden kann und diese Narrenfreiheit auch schamlos ausnutzt. Die Krokusse spriessen, die ersten Schwalben kehren aus dem Süden zurück und auch die Kalte Sophie kommt langsam in Sicht – nicht ohne es im Schlussspurt noch einmal spannend zu machen.

Die Wonnemonate liegen vor uns und läuten den Abschied von einer besonderen Zeit im Frühjahr ein. Wochenlang hat sie uns begleitet. Die Zeit, irgendwo zwischen Märzenbecher und Mairitterling, in der man sich weder beim Joggen im Wald noch beim Spazieren am Flussufer oder beim Durchqueren von verwilderten Rabatten am Bahnhof in geruchsneutralem Milieu bewegen konnte.

Weil einem überall, aber auch wirklich überall, die vom Bärlauch geschwängerte Frühlingsluft entgegenschlug. Die Zeit, in der sich alle Hobby-Kräuterhexen in die grünen Teppiche stürzten, um den wilden Knoblauch kiloweise zu Pesto, Spätzli, Kräutersalz oder Kapern zu verarbeiten. Eigentlich möchte ich sagen: Gut, dass es vorbei ist. Irgendwann hat man auch einfach die Nase voll von dem zartgrünen Kalium-Lieferanten und seinem allgegenwärtig wabernden Odeur.

Zum Ende der Saison wird es nun jedoch allerhöchste Zeit, uns noch bei denjenigen zu bedanken, die uns diesen alljährlichen Sturm auf die Wildkräuter-Bastion überhaupt erst ermöglichen: unsere vergifteten Vorfahren. Genau denen haben wir es zu verdanken, dass wir heute arglos Kraut und Rüben auf unsere Teller packen können. Wir wissen genau, welche Pflanzen roh verzehrt werden können und welche man erst kochen muss. In welchen Reifegraden Wurzeln, Blätter und Früchte am besten schmecken und sogar, wie man diese haltbar machen kann.

Die Dosis macht das Gift

Damit wir diese Informationen heute googeln oder in Fachbüchern nachlesen können, mussten die ersten Menschen all das, was in Wald und Wiese vor sich hin wuchert, auf Herz, Zunge und Nieren testen. Dass man Bärlauch, Goldmelisse und Brennnessel ohne Bedenken verzehren kann, während Bärenklau, Goldregen und Buntnessel ungeniessbar bis giftig für den Menschen sind, musste ja irgendwer erst mal herausfinden. Da war noch nichts mit: «Ach, ich hack mir da eine Handvoll von in den Salat, gibt bestimmt einen tollen Gout!»

In der Aufbauphase der Pflanzenkunde konnte jede Degustation mit einem Veilchen oder einem Biss ins Gras enden.

Ob man in dem Falle nun von aufopferungsvollen Vorkostern, Kollateralschäden zu Gunsten der Wissenschaft oder einfach von Menschen mit weniger Glück auf der Suche nach etwas Essbarem reden möchte, sei dahingestellt.

Feststeht, in Zeiten ohne toxischen Notruf nahmen sie Krämpfe, Lähmungserscheinungen und Atemnot kurz vor dem Ende auf sich. Und hatten auch abgesehen davon nicht gerade ein Ruhm bekleckertes Ableben. Damals wurde vermutlich verehrt, wer in seinem Leben die meisten Säbelzahntiger umgehauen oder am unerschrockensten sein Territorium gegen fremde Eindringlinge verteidigt hatte. Einer, der fatalerweise Bärlauchblätter mit Maiglöckchen-Grün verwechselte, starb im Vergleich dazu wohl nicht gerade den Ehrentod.
Ein paar nachgeholte Lorbeeren mehr haben sich diese tragischen Helden also allemal verdient.