Senevita
Leiter Pflege und Betreuung der Gewerkschaft Unia: «Baselland ist kein Einzelfall»

Die Kritik am Senevita-Heim Sonnenpark in Pratteln weist auf grundsätzliche Probleme in der Pflege hin. Auch sei es kein Einzelfall.

Yannette Meshesha
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Wirtschaftliche Interessen und Sparkurse der Kantone setzen das Pflegepersonal hohem Leistungsdruck aus.

Wirtschaftliche Interessen und Sparkurse der Kantone setzen das Pflegepersonal hohem Leistungsdruck aus.

Chris Iseli/AZ

«In der Senevita wird ad absurdum geführt, was im ganzen Pflegebereich problematisch läuft», hält Samuel Burri, Leiter der Bereiche Pflege und Betreuung der Gewerkschaft Unia in den Kantonen Bern und Solothurn fest. Die Vorwürfe gegen das Senevita-Heim Sonnenpark in Pratteln werfen grössere Fragen auf.

Senevita-CEO Hannes Wittwer schloss im bz-Interview in der Donnerstagsausgabe strukturelle Probleme im Unternehmen aus und betonte, dass es sich in Pratteln um einen Einzelfall handle. Burri zeichnet indes ein anderes Bild. Während er viele Probleme auf wirtschaftliche Interessen zurückführt, sieht er auch die Kantone in der Pflicht genauer hinzusehen.

Menschlich fragwürdige Profite

«Als grösste Gewerkschaft in der Langzeitpflege sind wir immer wieder mit Fällen betreffend Senevita konfrontiert. Der Fall im Baselland ist kein Einzelfall.» Dies betont Burri auf Anfrage. «Die meisten Beschwerden, welche die Unia erreichen, beziehen sich auf arbeitsrechtliche Themen wie Arbeits- und Ruhezeiten.»

Doch Aussagen über zu wenig Personal, hohen Druck und schlecht funktionierende oder nicht vorhandene Strukturen seien ebenso häufig. «Das passiert, wenn gewinnorientierte Unternehmen in den Pflegebereich eingreifen», schlussfolgert Burri. «Mit der 2011 in allen Kantonen eingeführten neuen Pflegefinanzierung greifen betriebs- und marktwirtschaftliche Mechanismen in den Pflegebereich ein», erklärt er.

«Pflegerische Handlungen werden auf die Minute genau berechnet.» So bleibe dem Pflegepersonal nur die absolut minimale Zeit für die Betreuung der Patienten, was zu Überlastung führe und Pflegefehler begünstige. «Letzten Endes bleibt es menschlich fragwürdig, Profit aus Pflegebedürftigen zu schlagen», hält Burri fest.

Problematischer Sparkurs

Die Unia sieht auch Bund und Kantone in der Verantwortung, Pflegeheime genauer zu überwachen. Ein grosses Problem sei, dass in der Langzeitpflege das Arbeitsgesetz teilweise stark aufgeweicht sei, was das Reklamieren von Verstössen erschwere. «Zum Beispiel ist es möglich, Ruhezeiten mehrmals in der Woche nicht einzuhalten, wenn sie später kompensiert werden können», sagt Burri.

«Die zweite Schwierigkeit sind die Sparkurse der Kantone. Baselland ist da besonders streng.» Es bestehe ein Interesse, öffentliche Aufgaben wie die Altenpflege an profitorientierte private Firmen zu delegieren, um Kosten zu sparen. «Es würde mich also nicht wundern, wenn bei Kontrollen nicht allzu genau hingeschaut wird.»

Auf den Kanton setzt nicht nur die Unia. Die Gemeinde Pratteln, die auf die Vorwürfe gegen die Senevita Sonnenpark aufmerksam geworden ist, hält fest: «Bei Senevita handelt es sich um einen externen Anbieter im Altersbereich. Die Aufsicht obliegt dem Kanton.» Das bestätigt auch Andi Meyer, Geschäftsführer des Heimverbands Curaviva Baselland. «Wir haben die erhobenen Vorwürfe zur Kenntnis genommen, sind für Beschwerden aber nicht der richtige Ansprechpartner.»

Bei massiven Problemen könnten sie jedoch Kanton und Gemeinde einschalten. «Aber bisher ist uns aus der Senevita Sonnenpark nichts bekannt.» Anlaufstelle für Konflikte zwischen Pflegeheimen und Bewohnern oder Angehörigen ist die Baselbieter Ombudsstelle für Altersfragen und Spitex, die seit dem 1. Januar 2016 besteht.

Ombudsfrau Regula Diehl erklärt: «Es gilt die Schweigepflicht. Bei auffälliger Häufung von Beschwerden gegen eine Institution behalten wir uns vor, die Aufsichtsbehörde zu informieren.» Die Ombudsstelle vermittelt als neutrale Stelle und bietet Unterstützung für Bewohner, Angehörige und Heimleitungen.

Baselbieter Ombudsstelle für Altersfragen und Spitex, Rümelinsplatz 14, 4001 Basel www.ombudsstelle-alter.ch