Hohe Kosten
«Liestal ist seit Jahren zusammen mit Pratteln Spitzenreiter im Kanton»

Liestal ist im Vergleich von 20 Schweizer Städten jener Ort, wo die Sozialhilfe im letzten Jahr am stärksten zugenommen hat. Stadträtin Marion Schafroth erklärt Liestals Sonderrolle in der Sozialhilfe und sagt, was zu verbessern ist.

Andreas Hirsbrunner
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Der Liestaler Stadträtin Marion Schafroth machen vor allem die jungen Sozialhilfebezüger ohne Ausbildung Sorgen.

Der Liestaler Stadträtin Marion Schafroth machen vor allem die jungen Sozialhilfebezüger ohne Ausbildung Sorgen.

Juri Junkov/Fotograf

Liestal ist im Vergleich von 20 Schweizer Städten jener Ort, wo die Sozialhilfe im letzten Jahr mit elf Prozent am stärksten zugenommen hat. Dies ist das Resultat einer Umfrage, welche die «Schweiz am Sonntag» letzte Woche durchgeführt hat. In Liestal ist Stadträtin Marion Schafroth (FDP) für den Bereich Sozialhilfe zuständig. Sie äussert sich im Interview detailliert zur Situation des Kantonshauptorts.

Frau Schafroth, weshalb verzeichnet ausgerechnet Liestal das stärkste Wachstum bei der Sozialhilfe?

Marion Schafroth: Da muss ich zuerst einmal relativieren. Die Fragestellung bei der Umfrage war nicht sehr präzis und hiess: Wie gross war die Zunahme in der Sozialhilfe im letzten Jahr? Da gab die eine Stadt vielleicht die Zunahme bei den Köpfen, die andere bei den Dossiers, die dritte bei den Kosten an. Das lässt sich nicht eins zu eins miteinander vergleichen. Die Zunahme um 11 Prozent in Liestal bezieht sich auf die Zahl der Dossiers inklusive Vormundschaftsfälle. Das waren am 31. Oktober 2014 552; neuere Zahlen habe ich noch nicht. Nimmt man allein die Dossiers der Sozialhilfe, waren es 382. Und weil ein Dossier zum Beispiel eine ganze Familie umfassen kann, war die Zahl der Köpfe, die Ende Oktober Sozialhilfe bezogen, höher, nämlich 649.

Und wie sieht es bei den Kosten aus?

Wir bezahlten im 2013 netto 7,7 Millionen Franken für die Sozialhilfe. Für 2014 liegen erst Schätzungen vor, der Betrag wird aber höher als 2013 sein. Ich will unter dem Strich nicht abstreiten, dass es möglich ist, dass Liestal den Spitzenrang belegt. Aber aufgrund der Fragestellung ist die Rangliste sehr fraglich.

Unbesehen vom tatsächlichen Rang hat Liestal überproportional viele Sozialhilfefälle. Was ist der Grund dafür?

Liestal ist seit Jahren zusammen mit Pratteln der Spitzenreiter im Kanton. Die Erklärung dafür lautet: Zentrumsfunktion, relativ günstiger Wohnraum, gute Anbindung an den öV – im Prinzip alles, was einen Wohnort für finanzschwache Leute attraktiv macht. Mit Pratteln verbindet Liestal auch, dass beide einen relativ hohen Ausländeranteil haben und bei Ausländern der Sozialhilfeanteil höher ist. So sind in Liestal ein Viertel der Bevölkerung Ausländer, bei den Sozialhilfe-Dossiers beträgt ihr Anteil hingegen rund die Hälfte.

Aus welchen Gründen beziehen die Leute in Liestal vor allem Sozialhilfe?

109 der 382 Dossiers betreffen Erwerbstätige, die von ihrem Einkommen nicht leben können, also Working Poor sind, oder Leute, die nur eine Teilzeitstelle haben oder in Ausbildung sind. Bei 103 Dossiers geht es um Schwervermittelbare, das heisst Leute ohne Ausbildung, mit einer Suchterkrankung oder psychischen Problemen. Hinter 57 Dossiers stehen Alleinerziehende, der Rest betrifft Leute, die Überbrückungshilfe beziehen, bis die Arbeitslosen- oder Invalidenversicherung bezahlt. Letztere belasten zwar Liestal nicht direkt, weil das Geld wieder zurückfliesst. Doch binden sie ebenfalls Ressourcen. Im letzten Jahr mussten wir den Personalbestand im Sozialhilfebereich um 2,7 auf 12,2 Stellen aufstocken.

Welche Kategorie macht Ihnen am meisten Sorgen?

Die Schwervermittelbaren. Am meisten Energie stecken wir dabei in die Jungen mit schlechter Ausbildung mittels Förder- und Integrationsprogrammen. Und aufreibend sind die wenigen Renitenten, die einfach nicht arbeiten wollen. Hier wird es Zeit, dass wir das mit mehr als nur den derzeit gesetzlich möglichen 20 Prozent Reduktion beim Lebensunterhalt sanktionieren können.

Und welche Kategorie wächst am schnellsten?

Zur Zeit die Flüchtlinge, die im Dossier der Schwervermittelbaren «versteckt» sind, weil sie zum Teil eine schlechte Ausbildung mitbringen, psychisch traumatisiert sind und Sprachprobleme haben. Wobei anzufügen ist, dass bei aufgenommenen Flüchtlingen der Bund während der ersten fünf Jahre bezahlt. Somit wird sich die aktuelle Flüchtlingswelle aus Syrien erst später bei uns in den Sozialhilfekosten auswirken.

Wie viel Handlungsspielraum hat Liestal bei der Sozialhilfe-Problematik?

Wenig, denn das Meiste ist gesetzlich geregelt. Spielraum haben wir beim Anteil, den wir an Mietkosten, Kleider und Möbel bezahlen. Die Miete hängt mit von den Marktpreisen ab. Dabei sprechen wir uns mit den umliegenden Orten ab. Was wir sicher nicht machen, ist, die Leute zu vergraulen, um sie von Liestal abzuhalten. Damit solche Praktiken gar nicht einreissen können, ist es nötig, dass der Kanton die Sozialhilfe finanziert.