Kulturscheune
Liestals jazziger Leuchtturm feiert sein 300. Konzert

Das Ehepaar Leupin hat die «Kulturscheune» zur regionalen Attraktion gemacht. Am 300. Konzert wird der brasilianische Gitarrist Marcos Davi mit seinem Quartett schwungvolle Jazz-Klänge spielen. Während der Saison finden jeweils 30 Konzerte statt.

Andreas Hirsbrunner
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Esther und Werner Leupin in ihrer kleinen, aber feinen «Kulturscheune» in Liestal.

Esther und Werner Leupin in ihrer kleinen, aber feinen «Kulturscheune» in Liestal.

Martin Toengi

Sie sind ein Glücksfall für Liestals Kulturleben – Esther (66) und Werner (64) Leupin. Kein Wunder, spricht man von ihrer «Kulturscheune» an der Kasernenstrasse von einem der Liestaler Leuchttürme in Sachen Kultur. Und dieses Leuchten geht nun schon über zwölf Jahre; übermorgen setzt der brasilianische Gitarrist Marcos Davi mit seinem Quartett eine ganz besondere Marke: Es ist das 300. Konzert in der «Kulturscheune» (s. Kästchen).

Leupins Engagement und Ausdauer ist bemerkenswert, umso mehr als sie damit nicht reich werden. Ganz im Gegenteil, das relativ frisch pensionierte Paar – er war zuletzt Gymnasiallehrer, sie Galeristin – legt trotz Subventionen von Kanton und Stadt Liestal praktisch Jahr für Jahr drauf. Das finanziell höchste der Gefühle ist ausnahmsweise einmal eine schwarze Null am Schluss einer Saison. Und Saison heisst bei Leupins etwa 30 Konzerte vor allem im Jazz-Bereich jeweils von September bis Mai, was für sie zusammen gegen 1100 Stunden Arbeit bedeutet.

Wieso machen sie das? «Das ist unsere Leidenschaft», tönt es wie aus einem Mund. Besonders bereichernd erleben Leupins dabei den Kontakt zu den Musikern. Werner Leupin: «Wir wurden von den Musikern, die bei uns auftraten, menschlich noch nie enttäuscht.» Zur gegenseitigen Wertschätzung gehört, dass Leupins den Bands eine feste, nicht zuschauerabhängige Gage bezahlen. Denn ihr Credo lautet, keine Konzerte auf Kosten der Musiker zu organisieren. Dies spricht sich natürlich auch in der Szene herum und Leupins können nur einen kleinen Bruchteil jener Bands engagieren, die sich um einen Auftritt bewerben. Wenn immer möglich hören sie sich die Musiker zuvor bei einem Liveauftritt an. Dazu Esther Leupin: «Für uns ist extrem wichtig, dass sie den direkten Kontakt zum Publikum finden, denn das ist zentral in der Kulturscheune, wo sich Musiker und Zuhörer so nahe sind. Bei uns ist eben alles sehr persönlich.» In der «Kulturscheune» haben maximal 80 Personen Platz; die Auslastung über all die zwölf Jahre betrug 80 Prozent.

Erstmals ein Leistungsvertrag

Das Vorbild zu Leupins «Kulturscheune» steht in Südkalifornien, wo Werner Leupin als Chemiker an einer Universität arbeitete. Dort habe ein Ehepaar im «Old-Time-Café» von Leucadia gegen Kost und Logis durchreisende Musiker für Konzerte engagiert. Und Werner Leupin hatte schon in der Jugend eine Schwäche für das Metier – zu Beatles-Zeiten war er Mitorganisator von Pop-Konzerten mitten im Liestaler Stedtli. Er, der einst Querflöte spielte, sieht noch eine ganz andere Parallele zur Musik: «Als Forscher habe ich an Anti-Malaria- und Anti-Krebs-Mitteln gearbeitet. Grundlagenforscher und Musiker wollen beide der Welt etwas geben.»

Dass Leupins zur «Kulturscheune» kamen, brauchte auch eine Portion Glück: Das Konsortium, das das Gebiet zwischen Kasernenstrasse und Friedhof in Liestal überbaute, konnte mit dem denkmalgeschützten, ehemaligen Vieh- und Heustall nichts anfangen. So kamen Leupins im Jahr 2000 unter mehreren Bewerbern zum Handkuss, kauften das Gebäude und bauten es um. Ein weiterer Glücksfall: Die Scheune wurde zuvor von einem Steinmetz als Ausstellungsraum genutzt. Deshalb verfügt sie über teils edle Böden aus Marmor, die Leupins gerne übernahmen und die der Ausstrahlung sicher nicht schaden.

Liestals Stadtpräsident und Kulturchef Lukas Ott sagt zum Stellenwert der «Kulturscheune»: «Sie ist ein fest etablierter Bestandteil in Liestals Kulturleben und mit ihrer klaren Abdeckung des Segments zeitgenössischer Jazz ein Leuchtturm.» Esther und Werner Leupin seien sehr gut vernetzt und brächten alles, was Rang und Namen habe, in der hiesigen Jazz-Szene, nach Liestal. Und sie hätten keine Berührungsängste zu andern Musik-Genres. Ott: «Ihr Engagement ist nicht selbstverständlich, und man kann es nicht hoch genug schätzen.» Das Resultat ist ein erstmaliger Leistungsvertrag, den die Stadt Liestal und Leupins soeben über drei Jahre abgeschlossen haben, was den «Kulturscheune»-Betreibern höhere Beiträge bringt. Ott kommentiert: «Das haben sie sich redlich verdient.»

Ein Vertrag über drei Jahre im Pensionierungsalter? Werner Leupin lächelt: «Wenn es geht, wollen wir noch lange weiter machen. Ein älterer Kollege sagte mir, dass das Organisieren von Konzerten zwischen 65 und 75 am meisten Spass macht.»