Hochbegabte
Liestals Pionierarbeit macht Schule und bringt Hochbegabte an die Uni

Künftig dürfen in der ganzen Nordwestschweiz die besten Schüler an die Uni. Das «Schülerstudium» soll fortan nicht nur im Baselbiet , sondern in der ganzen Nordwestschweiz angewandt werden.

Leif Simonsen
Merken
Drucken
Teilen
Begabte Liestaler Gymnasiasten dürfen schon früher an die Uni. Archiv/KN

Begabte Liestaler Gymnasiasten dürfen schon früher an die Uni. Archiv/KN

Seit sechs Jahren müssen die hochbegabten Gymnasiasten in Liestal nicht mehr in der Schule rumsitzen, Däumchendrehen und die Zeit absitzen, bis sie endlich universitär gefordert werden. Hier können die Sechser-Schüler seit 2005 ihre ersten ETCS-Punkte an der Uni holen. Nun macht das Liestaler Modell Schule: Das «Schülerstudium» soll fortan nicht nur im Baselbiet (seit diesem Jahr im ganzen Kanton möglich), sondern in der ganzen Nordwestschweiz angewandt werden.

Thomas Raez, Rektor des Gymnasiums Liestal, hat mit dieser Form von Frühförderung «nur gute Erfahrungen gemacht», wie er sagt. Pro Jahr besuchen rund fünf bis zehn Gymnasiasten einzelne Kurse, meist aus Phil-II-Fächern wie Mathematik oder Informatik. Talente werden hier schon früher erkannt als beispielsweise in Geschichte oder Sprachen. Früh wird auch selektiert. Meist entscheiden sich die versierten Schüler schon eineinhalb Jahre vor der Matur für einen akademischen Werdegang parallel zum Gymnasium. Ein halbes Jahr vor der Matura sei dieser Schritt zu spät, betont Raez. «Dann beginnt die eigentliche Vorbereitung auf die Schlussprüfungen.»

Hochbegabte nicht abschotten

Auch musste man in Liestal die Erfahrung nicht machen, dass die bevorzugte Behandlung einiger Privilegierter Neider auf den Plan gerufen hätte. Im Gegenteil: «Es hat sich gezeigt, dass man in den Klassen stolz ist auf die hervorragenden Mitschüler», sagt Raez. Bei den Maturfeiern würde es insbesondere bei den Klassenbesten tosenden Applaus geben. Der Baselbieter Bildungsdirektor Urs Wüthrich empfindet das Modell «Schülerstudium» als wegweisend, weil es zum einen die lange brachliegende Talentförderung belebe und zum anderen die Hochbegabten nicht abschotte: «Es ist wichtig, dass diese Schüler weiterhin Regelgymnasien besuchen und nicht zusammengezogen werden.»

Denn in ihren Klassen könnten sie ihre Vorbildfunktion wahrnehmen – zudem hätte sich gezeigt, dass gerade sie für den Klassenzusammenhalt wichtig seien. Raez bestätigt, dass sich die Klassenbesten auch mit universitären Weihen noch innerhalb der Klasse engagierten. «Oft finden sie neben den Lehrveranstaltungen an der Uni und dem Unterricht in der Regelklasse gar noch Zeit, um den Mitschülern Nachhilfe zu geben», zeigt sich der Rektor imponiert. Sogar die Uni, die anfangs kritisch eingestellt war, hätte die Vorteile der Frühförderung mittlerweile erkannt.

Die Begabten selber, die jeweils vom Lehrer empfohlen werden, brechen ihr Studium nur selten ab. Gegenüber der Lehrervereinszeitschrift «lvbinform» sagte etwa die ehemalige Schülerstudentin Elisa Hemmig: «Noch heute, im 3. Semester, profitiere ich vom damaligen Schülerstudium, weil ich meinen Stundenplan flexibler gestalten kann und beispielsweise die Möglichkeit habe, Vorlesungen aus höheren Semestern zu belegen.» Hemmig schnupperte mit 17 zum ersten Mal Uni-Luft.