Lernprozesse
Longo maï – 40 Jahre gelebte Utopie und alternativer Lebensstil

Seit 40 Jahren pflegen sie einen alternativen Lebensstil: Die Männer und Frauen der Kommune Longo maï. In Südfrankreich suchten sie einst ein neues zu Hause, fernab von der Stadt und der Gesellschaft, mit der sie sich nicht anfreunden wollten.

Stefan Schuppli
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Demonstration mit Schafen: Die Longo-maï-Angehörigen verstehen es immer noch, sich wirksam in Szene zu setzen.
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Longo maï – 40 Jahre gelebte Utopie, alternativer Lebensstil und rebellischer Geist
Thymianernte
Tomatenernte an Saatgutbörse
Schaffherde Grange Neuve
Spinnerei Fabrikladen
Marktstand
Obstverarbeitung
Mähdreschen
Kinder
Kürbisernte
Holzrücken
Holzlehmbau
Comedia Mundi Wiese

Demonstration mit Schafen: Die Longo-maï-Angehörigen verstehen es immer noch, sich wirksam in Szene zu setzen.

Zur Verfügung gestellt

Es war zu Beginn der 70er-Jahre, als sich in Basel zum ersten Mal die Lehrlingsbewegung Hydra bemerkbar machte. Auf der «Klagemauer», der angesagte Treffpunkt der jungen Leute damals auf dem Barfüsserplatz, diskutierten wir stunden-, wenn nicht nächtelang mit den Hydra-Lehrlingen über politische und gesellschaftliche Fragen.

Sie wussten immer alles besser, selbst besser als die ultralinken Studis und Stalinisten, und das wollte etwas heissen. Eines Abends begannen sie mit einem neuen Projekt in Südfrankreich zu prahlen und schimpften uns Spiesser, die nicht begriffen hätten worum es eigentlich geht auf dieser Welt. Das waren noch die harmloseren Sprüche, die wir uns anhören mussten.

Politisches Klima war verhärtet

Ohne Zweifel: Die Jungs polarisierten. «Wir stiessen mit unserem Willen zur Veränderung an Grenzen, jedenfalls in den Städten», erinnert sich Hannes Reiser, ein Gründungsmitglied im Gespräch mit der bz. Politisch war das Klima vollkommen verhärtet, es war die Zeit des Kalten Krieges und von Baader-Meinhof.

Es hätte damals zwei Wege gegeben: eine weitere politische Radikalisierung oder die Anpassung. «Wir wählten ein dritten Weg, den Ausstieg, die Absage an die kapitalistische Konsumgesellschaft.» Gedanklich lehnten sie sich an die frühen Sozialisten des 18. und 19. Jahrhunderts wie Robert Owen, Charles Fourier und Henri de Saint-Simon an.

Den grossen Worten (denen wir nicht wirklich glaubten) folgten Taten. Die Hydra-Leute hatten 1973 für rund 300 000 Franken einen verlassenen Hof bei Forcalquier, Südfrankreich, gekauft. Ein grosser Teil des Geldes kam von Thomas und Nicky Busch, die in Basel ihr Haus verkauften. Andere steckten ihr vorbezogenes Erbe in das Projekt.

Heftige Kritik an Longo maï

Die dreissigköpfige Truppe krempelte die Ärmel hoch und konnte den Hof reaktivieren. Aber es war ein anstrengender Lernprozess. Sie mussten zuerst lernen, was es heisst, einen Hof zu bewirtschaften, Vieh zu züchten, eine Buchhaltung zu führen, sich mit der staatlichen Bürokratie herumzuschlagen. Schon früh gab man sich einen Namen: Longo maï. Das ist ein provenzalischer Gruss und bedeutet, «möge es lange währen».

Schon nach kurzer Zeit wurden die nicht französischen Mitglieder ausgewiesen. Nach einem Appell in ganz Frankreich strömten Hunderte Siedlungswillige nach Südfrankreich. Es flossen reichlich Spenden, die Zeitungen waren voller positiver Berichte. «Wir konnten dieses Wachstum damals nicht richtig bewältigen», sagt Reiser.

Ende 1979 tauchten in eine paar Leitmedien plötzlich kritische Berichte auf, was eine Lawine von Artikeln auslöste. Es herrsche ein autokratischer Führungsstil, Sektierertum Misswirtschaft und Spendenmissbrauch lauteten die Vorwürfe. «Unser manchmal arrogantes Auftreten hat sich gerächt», so Reiser. Es brauchte Jahre, bis sich die Kooperative wieder aufgerappelt hatte.

Heute besteht Longo maï aus acht kooperativen und weiteren assoziierten Gemeinschaften, seit 2006 beispielsweise in Nischnje Selischtsche, Ukraine, oder in San Isidro, Costa Rica, wo Longo maï 1979 Land kaufte. Es war ursprünglich eine Zufluchtstätte für Flüchtlinge aus den kriegsgeschüttelten Ländern Mittelamerikas. Heute leben auf diesen 950 Hektaren über 400 Menschen in einer dorfähnlichen Siedlung.

Kein Lohn, kein Chef

In Limans, dem Longo-maï-Projekt der ersten Stunde wirkt ein Produktionsgemeinschaft mit einem Gemüse- und Obstgarten, einer Schafherde, Schweinen, Ziegen und Hühnern, mit einer Schreinerei, einer Metall- und Schmiedewerkstatt, einem Textilatelier. Im Sommer leben bis zu 180 Menschen auf dem Hügel, im Winter etwa 90.

Junge Menschen aus ganz Europa arbeiten hier: Handwerker, Studenten, Ausbildungsabbrecher. Die eigentliche Kerngruppe umfasst etwa 60 Personen, die während Jahren bleiben. Anstelle von Lohn gibt es ein Taschengeld. Produziert wird in erster Linie für den Eigenbedarf. Es gibt keine Statuten, keine Chefs. Was zu regeln ist, wird in Vollversammlungen ausdiskutiert.

Das Eigentum ist kollektiv, es fliesst in eine eigens geschaffene Stiftung «Europäischer Landfonds». Das «einfache Leben» ohne Privatbesitz hat seinen Preis für den Einzelnen. Kost und Logis, dazu ein Taschengeld von 15 € in der Woche. Über zusätzliche Ausgaben entscheidet das Kollektiv. Pro Jahr fliessen allerdings bis zu zwei Millionen Franken an Spendengelder in die Kasse (dafür kaum Agrarsubventionen).

Bemerkenswert ist die Reaktivierung einer alten Spinnerei hoch oben im Hinterland der Region Alpes. Dort wird die Wolle der Longo-maï-Betriebe verarbeitet - bis zum fertigen Kleiderstück. Auch fühlt sich Longo maï den alten Gemüse- und Getreidesorten verpflichtet. Das hat die Aussteiger mehrfach auf das politische Parkett gebracht: Sie sind beispielsweise gegen das neu EU-Saatgesetz, welches Agrokonzerne wie Syngenta bevorteilen würde.

Generationenwechsel

Wie geht es weiter mit Longo maï? Hannes Reiser: «Wir wollen nicht mehr weiter wachsen. Die Vergangenheit war uns eine schmerzliche Lehre. 200 bis 300 Personen, das ist eine überschaubare Zahl, man hat die Chance, dass alle einander kennen. Bei dieser Grösse braucht es auch noch keine Reglemente oder Statuten.»

Hingegen helfe man im Aufbau befindlichen Kooperativen mit Rat und Tat. Das Interesse von jungen Aussteigern an solchen Modellen ist ungebrochen. Rund ein Dutzend neuer Genossenschaften sind nach dem Modell Longo maï entstanden.

Eine Herausforderung stellt auch der Generationenwechsel dar. Die Gründerväter und -mütter kommen ins Pensionsalter. Auch hier versuchen die «Longos», wie sie sich nennen, einen etwas anderen Weg: Die «Oldies» sollen in der Gemeinschaft integriert bleiben. In Limans ist das erste Dreigenerationen-Haus im Bau, es soll auf Sommer 2014 bezugsbereit sein.