Betrugsfall
Lottospieler verzockt sich: «Ich dachte, ich könnte so meine Rechnungen zahlen»

Ein Kioskbetreiber landet wegen missbräuchlicher Wettscheine vor dem Strafgericht.

Patrick Rudin
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Kiosk-Betreiber verzockt sich. (Symbolbild)

Kiosk-Betreiber verzockt sich. (Symbolbild)

Bruno Kissling

«Ich war in Not. Ich dachte, ich könnte so meine Rechnungen zahlen», seufzte der 25-jährige Angeklagte am Montag im Gerichtssaal. Es ist ein gängiger Wunschtraum, mit einem Millionengewinn im Lotto sämtliche finanziellen Probleme auf einen Schlag zu lösen. Doch der Angeklagte wollte ein wenig nachhelfen: Als Kioskbetreiber im Unterbaselbiet hatte er direkten Zugang zum Terminal von Swisslotto in seinem Geschäft, Einsätze und Gewinne werden jeweils wöchentlich für alle Spielstätten gegengerechnet.

Das Mitspielen ist den Kioskbetreibern zwar nicht verboten, allerdings muss das Geld dafür in der Kasse vorhanden sein. Die Vertragsbedingungen zwischen Swisslotto und den Kiosken verbieten explizit das Spielen auf Kredit. Genau das tat der Mann aber im Juni 2017: Innerhalb von drei Tagen verbuchte er 378 Spielscheine mit einem Einsatz von insgesamt 362000 Franken. Davon waren 314 Sporttipp-Wettscheine, die übrigen Spielscheine für Euromillions und Swisslotto.

Den Jackpot konnte er mit den Lottoscheinen nicht knacken, doch bei den Sportwetten ging der 25-Jährige durchaus systematisch vor: Insbesondere bei Fussball- und Handballspielen setzte er bei den Turnieren jeweils auf beide Mannschaften und wo möglich auch auf ein Unentschieden, um auf jeden Fall einen Gewinn in den Händen zu haben. Diese Variante ist allerdings nur dann erfolgreich, wenn man den Einsatz gar nicht erst an Swisslotto überweist.

Mehrere Kumpels schickte er schliesslich mit den Quittungen direkt bei Swisslotto in Basel vorbei, um die Gewinne abzuholen. Doch dort gingen aufgrund der ungewöhnlich hohen Einsätze an einem einzelnen Kiosk die roten Warnlampen an. Schon am vierten Tag im Juni 2017 stand frühmorgens ein Team des Aussendienstes von Swisslotto auf der Matte. Als der Kioskbetreiber widersprüchlich antwortete und keine Spielquittungen vorweisen konnte, riefen die Kontrolleure die Polizei. Danach sass er wegen Kollusionsgefahr knapp zwei Monate lang in Untersuchungshaft.

Jede Menge weiterer Delikte auf dem Kerbholz

Der Angeklagte gab später zu Protokoll, er habe die Scheine stornieren wollen, doch Swisslotto habe sich dagegen gewehrt. Der Vertreter vor Swisslotto hingegen sagte am Montag vor dem Basler Strafgericht, man habe nachträglich die Stornierungen angeboten, um die Deliktsumme tief zu halten. Dafür seien aber zwingend die Quittungen nötig gewesen, und diese hätten gefehlt.

Auch mit seiner Behauptung, er habe das Verbot von Spielen auf Kredit nicht gekannt, können die Geschädigten wenig anfangen: Bereits früher gewährten sie ihm Ratenzahlungen, weil er ein Loch in der Kasse hatte. Das Geld ist auf jeden Fall futsch. Der Mann ist mittellos, seine GmbH mittlerweile in Liquidation. Die drei Strafrichter werden sich die nächsten Tage den Kopf darüber zerbrechen, ob die Lottoverluste als Betrug oder eher als Veruntreuung einzustufen sind.

Doch damit nicht genug: Über seinen Kiosk hat der Mann immer wieder kleine Mengen an Marihuana vertickt. Zudem gerät er sowohl mit dem Velo wie auch mit dem Auto erstaunlicherweise dauernd in Polizeikontrollen. Den Führerschein kann man ihm nicht abnehmen, da er noch nie einen besessen hat und vermutlich nie einen besitzen wird. Das hinderte ihn allerdings nicht daran, immer wieder Mietautos zweifelhaften Kunden anzubieten. Ebenfalls auf der Anklagebank sitzt ein 29-jähriger Kumpel von ihm, hauptsächlich wegen des gemeinsamen Vertriebs von Indoor-Hanf. Die Parteivertreter halten heute Dienstag ihre Plädoyers, das Urteil fällt am Donnerstag.