Fasnacht
Madlena Amsler hat vor 10 Jahren einen alten Brauch aus Dornröschenschlaf geweckt: Den Prattler Butz. Seither zieht die Figur mit anderen Gesellen jeweils am Samstag vor dem Fasnachts-Umzug durchs Dorf.

Boris Burkhardt
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«Überall, wo ich bin, interessiere ich mich für die lokalen Brauchtümer»: Butz-Mutter Madlena Amsler.

«Überall, wo ich bin, interessiere ich mich für die lokalen Brauchtümer»: Butz-Mutter Madlena Amsler.

Boris Burkhardt

Als Kindergärtnerin hatte Madlena Amsler beruflich viel mit Märchen zu tun. Ihr Interesse an Sagen und Brauchtumsfiguren vor allem im Zusammenhang mit dem Jahreskreislauf hat die 73-Jährige aber ganz privat entwickelt: «Überall, wo ich bin, interessiere ich mich für die lokalen Brauchtümer.»

So wollte die Zürcherin, die 1981 mit ihrem Mann Albert nach Pratteln zog, denn auch bald wissen, was es mit dem Butz auf sich hatte, der in Pratteln an der Fasnacht unterwegs hätte sein sollen. Der Name bezeichnet im Mittelhochdeutschen ein Schreckgespenst, eine Vogelscheuche oder auch einen unansehnlichen kleinen Mann. In Pratteln umfasst der Begriff sowohl den seit 1807 schriftlich belegten Brauch, die ganze begleitende Gesellschaft als auch die zentrale Figur. Doch Amsler merkte damals schnell, dass die Prattler nicht mehr viel über den Butz wussten. Drei bis vier Jahre habe sie versucht, den Butz zu finden, erzählt Amsler: «Aber ich bin ihm nie begegnet.»

Bis Amsler 2010 den Butz unter ihre Fittiche nahm, wurde der Brauch unter der Schirmherrschaft des Verschönerungsvereins durchgeführt. Dort wurde Amsler fündig: Wie sie erfuhr, waren es in den 2000er-Jahren junge Männer, die mit Larven und Kostümen, damals noch am Prattler Fasnachtsmontag, morgens durch die Strassen zogen und Geld sammelten. Aus ihren historischen Recherchen weiss Amsler, dass es früher vor allem Buben aus ärmeren Familien waren, die so in den Genuss der sonst bürgerlichen Fasnacht kommen sollten. Sie bemerkte auch schnell, dass nicht mehr alle historischen Figuren bei der Butz-Ausfahrt dabei waren.

Auf offene Ohren gestossen

Mit ihrem Vorschlag, den Brauch des Butz neu zu gestalten und dem historischen Vorbild anzunähern, sei sie beim Verschönerungsverein auf offene Ohren gestossen, so Amsler. Sie forschte in der Kantonsbibliothek, sprach mit alten Prattlern und besuchte verwandte Bräuche in Effingen, Hallwil und Bad Säckingen. Auch der Kleinbasler Vogel Gryff ist laut Amsler mit ihnen verwandt.

Die ältesten Figuren sind die drei «Mannen» als Symbole für das Sterben und Werden; ihre Wurzeln reichen bis in antike Mysterienspiele zurück: Der Tännlimaa stellt den Neuanfang, das Wiedererwachen der Natur und die Überwindung des Winters dar, der Schnägglimaa die Fülle des Lebens, die Erntezeit, die fruchtbare Erde. Der Kärtlimaa steht als Symbol für das Vergehen, das Alte, den Winter. Seine Larve erhielt durch Amsler den Januskopf, das Doppelgesicht, von dem eines in die Zukunft, das andere in die Vergangenheit blickt.

Die weiteren Figuren stammen aus unterschiedlichen Überlieferungen, so der historisch tatsächlich existente und als Kurpfuscher verschriene Doktor Eisenbarth, das Eierwybli als weitere Fruchtbarkeitsfigur, der Tell vermutlich als Überbleibsel der historisch-heroischen Verkleidungen und der Küefer für den Rebbau. Der Fuhrmann und die zwei Rössli sind eher aus pragmatischen Gründen dabei.

Zuerst war der Butz nur eine leblose Puppe

Amsler machte sich ab 2009 mit ihrem Ehemann und Mitstreitern daran, die Larven und Kostüme neu zu überdenken, zu nähen, reparieren und zu bemalen, neue Utensilien für die Figuren und den Wagen zu suchen und Verse zu dichten. Amsler ist es zu verdanken, dass der Butz seit 2010 nicht mehr versteckt unterwegs ist, sondern nach zwei jährlich wechselnden Routen ausfährt und an den Haustüren klingelt. Vor allem aber ist er für alle erlebbar, wenn die Figuren am Samstag um 11 Uhr ihren rituellen Tanz auf dem Schmiedplatz beginnen.

Die schwierigste Figur für die Neugestaltung war aber der Butz selbst: Eine solche Gestalt gab es ursprünglich gar nicht; erst um 1950 führten die Butz-Züge eine Figur mit sich, die ein weisses Hemd trug und als Sinnbild des römischen Weingottes Bacchus interpretiert wurde. Auch bei der Neugestaltung 2010 blieb der Butz zunächst eine Puppe, die auf dem Wagen mitgeführt wurde. Erst 2017 trat er erstmals als eigene Figur auf: Zur Überraschung der Zuschauer stieg er damals vom Wagen herunter. Sein Äusseres wurde mit einem blauen Hemd neu als Prattler Winzer interpretiert.

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Hinweis

Der Butz fährt in Pratteln am Samstag, 29. Februar, ab 8 Uhr aus.