Birsfelden
«Man geniesst jetzt halt besonders»

Die Fasnacht ist abgeblasen in der Nordwestschweiz – aber nicht ganz. In den Beizen wird der Corona-Bann gebrochen, so in Birsfelden.

Boris Burkhardt
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Viva Corona! Partystimmung im «Rebstock».

Viva Corona! Partystimmung im «Rebstock».

B. Burkhardt (29.2.20

Es ist eine gespenstische Szene: Gegen 22 Uhr stehen die Guggenmusiker der Unschlyssige ein, beim Brunnen am Ende der Fussgängerzone der Hardstrasse, die Instrumente in der Hand oder um dem Bauch, die Larven über dem Gesicht. Auf Kommando des Tambourmajors setzen sie sich in Marsch – aber kein Laut ertönt ausser dem rhythmischen Stampfen vieler Zoggeli auf Pflasterstein. Der Major drückt bei der Fussgängerampel auf den Knopf; und die ganze Gugge überquert in Formation auf dem Zebrastreifen die Hauptstrasse und verschwindet nach kurzem Marsch im Roxy-Theater vis-à-vis.

In Birsfelden, das zu dieser Zeit eigentlich Blätzbums hiesse, galt am Samstagabend wie überall im Baselbiet das Verbot der Strassenfasnacht. Doch die Gemeinde hatte die Beizenfasnacht ausdrücklich erlaubt. Dafür sind ihr auch viele Fasnächtler dankbar. Sogar «sehr dankbar» sei er, sagte Daniel Meier, Major der Unschlyssige, eineinhalb Stunden zuvor in der «Blume». Dort spielten die Unschlyssige vier Stücke vor etwa 30 Gästen, die im fasnächtlich geschmückten Gastraum zu Abend assen. «Wir machen das Beste draus», fügt Meier an. Das bestätigt Ruth Mäder euphorisch: «Ein Bombenauftritt!», ruft die Besucherin der «Blume» den Guggenmusikern zu. Sie weiss ja, dass sie sonst keine mehr zu hören bekommen wird dieses Jahr. Wie es ihr mit der abgesagten Fasnacht geht, beschreibt sie drastisch: «Verschissen wie eine Babywindel!» Ihr 30-jähriger Sohn, ebenfalls Mitglied einer Gugge, sei am Boden zerstört: «Er hatte sich so auf die Fasnacht gefreut.» Sie erzählt auch von drei jungen Frauen, die sie heute Abend im Hotel Alfa gesehen habe: Sie hätten in einem fort geweint.

Ihr Tischnachbar, Fasnachts-Comité-Mitglied Christian Brechbühl, bestätigt, diese Frauen am Freitag im «Rebstock» in Trauer gesehen zu haben. Es ist Brechbühls erste Fasnacht im Amt: «Die hätte ich mir auch anders vorgestellt.»

Während es in der «Blume» ruhig zugeht, herrscht im «Rebstock» Partystimmung. Die Willkür des Fasnachtsverbots wird hier deutlich: Die Leute stehen dicht gedrängt, wegen der Lautsprechermusik müssen sie die Gesichter besonders nah aneinander bringen, wenn sie sich etwas sagen wollen.

Letzte Hoffnung ruht auf der Undercover-Fasnacht

Nicole und Stephan Schneider sprechen zum Beispiel von einer «Katastrophe» und meinen damit die abgesagte Basler Fasnacht: «Ein Stich ins Herz.» Das Ehepaar aus Hofstetten ist jedes Jahr an der Birsfelder Fasnacht, um sich einzustimmen. Sie empfinden die Stimmung im «Rebstock» heuer aber sogar als besser als sonst: «Man geniesst jetzt halt besonders.» Ganz aufgeben will Stephan Schneider die Hoffnung nicht. Er sei überzeugt, dass es in Basel als «Undercover-Fasnacht» in den kommenden drei Tagen «Sachen zu sehen geben wird, die es vorher so nicht gab: Not macht erfinderisch.» Simon Roth und Nina Schwarz von den Queerschleger zeigen Verständnis für den Entscheid der Behören: «Wenn man sich in die Lage derjenigen versetzt, die in Bund und Kanton eine Entscheidung treffen mussten ...»

Beim Brunnen in der Hardstrasse stehen derweil die wenigen Guggenmusiker der Holzwurmbrätscher aus Basel: Auch sie wären beim Umzug am Samstagnachmittag mitgelaufen, nun ziehen sie halt durch die Beizen. Sie posieren am Brunnen für Fotos mit ihren Instrumenten – auch sie tonlos, versteht sich. Gespenstisch.