Sabbatical
Marc Joset: «Es wurmt mich nicht, so viel verpasst zu haben»

Über 13 Jahre sitzt Marc Joset nun schon für die SP im Landrat. 2015 ist dann Schluss. Joset kann nicht wiedergewählt werden. Anfang Jahr hat er sich eine dreimonatige Auszeit genommen, weil er am Limit war. Er hat dabei neue Einsichten gewonnen.

Michael Nittnaus
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Marc Joset, Landrat SP, gibt bei sich zu Hause ein Interview zu seinem dreimonatigem Sabbatical.

Marc Joset, Landrat SP, gibt bei sich zu Hause ein Interview zu seinem dreimonatigem Sabbatical.

Martin Töngi

Über 13 Jahre sitzt Marc Joset nun schon für die SP im Landrat. Nur Fraktionskollege Ruedi Brassel schlägt ihn diesbezüglich um ein paar Monate. Nach vier Legislaturen darf der heute 65-jährige Joset 2015 nicht mehr wiedergewählt werden. Doch bereits vergangenen Herbst kam er ins Grübeln. Zu viele Ämter brachten ihn ans Limit. Statt vorzeitig die Segel zu streichen, legte Joset von Januar bis März eine dreimonatige Auszeit, ein sogenanntes Sabbatical, ein. Dabei tankte er nicht nur Energie, sondern gewann durch den Abstand auch eine neue Sicht auf den Baselbieter Politalltag.

Herr Joset, im Landrat sind Sie Präsident der Finanzkommission, Mitglied der Bildungskommission, Präsident der Interparlamentarischen Geschäftsprüfungskommission (IGPK) der Universität Basel und der IPK der Fachhochschule Nordwestschweiz. Haben Sie sich schlicht zu viel aufgebürdet und nun die Grenze Ihrer Belastbarkeit erreicht?

Marc Joset: Die vielen Ämter haben sich erst nach und nach ergeben. Was ich gespürt habe, war, dass ich so nicht weitermachen konnte. Die Kadenz war zu hoch. Allerdings war nicht meine Landratstätigkeit alleine das Problem. Ich bin nicht amtsmüde. Sonst hätte ich ja gleich ganz zurücktreten können. Viel mehr bekleide ich ja noch diverse weitere Ämter ehrenamtlich. Ich bin im Vorstand des Kunstvereins Binningen, Präsident des Vereins Bibliotheken Nordwestschweiz und des Verbandes Soziale Unternehmen beider Basel. Auch bin ich bei diversen Friedensorganisationen engagiert. Dazu bin ich selbstständiger Berater im Bildungsbereich. Die Summe all dieser Aufgaben wurde zum Problem.

Hatten Sie ein Burnout?

Definitiv nicht. So spürte ich etwa nie körperliche Symptome der Überlastung. Aber die Auszeit war in gewissem Sinne prophylaktisch.

Seit April sitzen Sie wieder im Landrat. Sofort werden Sie von grossen Geschäften wie der Pensionskassen-Sanierung oder demnächst der Staatsrechnung beansprucht. Haben Sie keine Angst, dass die Auszeit letztlich für die Katz war?

Es ist tatsächlich wieder von 0 auf 100 losgegangen, aber Angst habe ich keine. Schliesslich habe ich ja Konsequenzen aus meiner Ämterflut gezogen.

Und die wären?

Im Landrat habe ich das Präsidium der IGPK der Universität bereits abgegeben, bei der IPK FHNW bin ich noch bis Ende Jahr Präsident. In der Fiko werde ich die Kommissionsberichte nicht mehr selber schreiben – das alleine ist eine Riesenentlastung. Zudem bin ich aus dem Vorstand des Kunstvereins ausgetreten. Auch die Co-Präsidien bei «Friedensbrugg» und ASEPaix, der Schweizerischen Friedenserziehung, gebe ich im Herbst ab.

Fielen Ihnen diese Entscheide leicht?

Viele Ämter sind wie Kinder für mich – etwa meine Friedensarbeit. Da fällt es schon schwer, loszulassen. Ich hatte auch Angst, zu viele Aufgaben abzugeben und es danach zu bereuen. Auch habe ich mich gefragt, wie es ist, plötzlich nicht mehr gebraucht zu werden. Doch letztlich wollte ich einfach nicht mehr ständig von Sitzung zu Sitzung hetzen müssen. Ich war ein Mensch, der nie ganz abschalten konnte. Nun möchte ich das ändern.

Wieso kamen Sie genau jetzt auf die Idee mit der Auszeit?

Als ich vergangenes Jahr 65 wurde, merkte ich plötzlich, wie omnipräsent das Thema Pensionierung unter meinen Freunden war. Alle wollten das Leben nur noch geniessen. Da fragte ich mich, was ich eigentlich mit dem Rest meines Lebens machen möchte. Die Idee mit dem Sabbatical kam mir dann über Nacht. Am nächsten Morgen habe ich sofort meine Frau gefragt. Sie hat mich voll unterstützt.

Und was haben Sie in den drei Monaten unternommen?

Mir war schnell klar, dass ich weit weg wollte, um wirklich Abstand zu gewinnen. Da mein Bruder in Australien lebt und ich auch einen guten Freund in den USA habe, konnte ich insgesamt sechs Wochen an diesen beiden Orten verbringen. Wieder zurück in der Schweiz gönnte ich mir noch lange Skiferien.

Konnten Sie überhaupt abschalten?

Auf jeden Fall. Ich machte stundenlange Spaziergänge in der Natur, beobachtete Vögel – etwas, das mir zu Hause nie in den Sinn gekommen wäre – und war meistens allein. Da ich Diabetiker bin, war ein weiteres Ziel, mich möglichst viel zu bewegen. Ich habe sechs Kilo abgenommen und mein Gesundheitszustand hat sich klar verbessert. Dieses Level zu halten ist ein weiterer Ansporn, nun nicht wieder in Schreibtischarbeit zu versinken.

Hat Ihnen der Landrat nicht gefehlt? Schliesslich wurde in ihrer Abwesenheit die Pensionskassen-Vorlage, die Sie in der Fiko monatelang beraten hatten, in den Rat gebracht.

Wenn nur meine Aufgaben im Landrat zum Entscheid, eine Auszeit zu nehmen, geführt hätten, hätte ich wohl bis zur Verabschiedung der Pensionskassen-Vorlage gewartet. Aber letztlich wurmt es mich nicht, so viel verpasst zu haben. Ausserdem wusste ich, dass mich der Fiko-Vizepräsident Hans-Jürgen Ringgenberg gut vertreten würde.

Nun haben Sie den Landratsbetrieb einmal von aussen beobachten können. Was sind Ihre Erkenntnisse?

In Amerika liefen zu politischen Themen ständig öffentliche Diskussionsrunden, bei denen Republikaner und Demokraten der Bevölkerung ihre Argumente näher brachten. Politik wurde greifbarer. Im Gegensatz dazu fiel mir bei der Diskussion um die Gemeindeinitiative zur Pensionskasse auf, dass die Positionen des Landrates in der Öffentlichkeit kaum zu spüren waren. Das war frappant. Ich werde nun versuchen, offensiver zu kommunizieren.

Jeder Landrat darf – mit Erlaubnis des Ratsbüros – eine Auszeit von bis zu drei Monaten einlegen. Trotzdem macht dies praktisch niemand. Wieso?

Letztlich muss jeder selbst entscheiden, ob er eine Auszeit gebrauchen könnte – und ob er es sich leisten kann. Nachdem, was ich erlebt habe, kann ich aber allen Landräten ein solches Sabbatical nur empfehlen – aber bitte nicht gleichzeitig (lacht).

Sie haben sich nun schon einiges freigeschaufelt. Aber was machen Sie mit Ihrer Zeit, wenn Sie 2015 nicht mehr für den Landrat kandidieren dürfen?

Mit meinem Landratsmandat fällt tatsächlich ein ganz grosser Brocken weg. Doch ich kann meine Kontakte dann als Präsident des Verbandes Soziale Unternehmen weiter nutzen. Und gegen mehr Freizeit habe ich mit 67 dann sicher auch nichts einzuwenden. Ich habe schliesslich noch viel zu lesen ...