Sanierungsbedürftig
Marode Umfahrungsstrasse: Sünden der Vergangenheit holen Liestal ein

Die Liestaler Umfahrungsstrasse soll für viel Geld saniert werden. Doch das ändert nichts daran, dass sie den Kantonshauptort durchtrennt und die Ergolz entwertet. Eine Besserung verspricht nur ein Tunnel durch den Schleifenberg, wie er ursprünglich geplant war.

Andreas Hirsbrunner
Drucken
Teilen

Die Umfahrungsstrasse von Liestal ist zum sanierungsbedürftigen Notfall geworden; für die drängendsten Arbeiten am maroden Ergolzviadukt zwischen der Arisdörferstrassen-Überführung und dem Altmarkt will die Regierung in den nächsten Wochen einen Kredit von 10 Millionen Franken beantragen (bz vom 6. Januar). Doch das ist erst der Anfang. Denn nach dem Notfalleingriff folgt die eigentliche Sanierung der ganzen, 1,6 Kilometer langen Umfahrungsstrasse in der Grössenordnung von 100 Millionen Franken. Kantonsingenieur Oliver Jacobi rechnet damit, dass diese Arbeiten frühestens 2019 beginnen.

Und sie werden massive Eingriffe ins ohnehin schon gestörte Ökoregime der Ergolz mit sich bringen. So muss zum Beispiel neben dem bestehenden Viadukt eine Übergangsbrücke erstellt werden, um ersteres abreissen und neu bauen zu können, ohne dass die A 22 auf dem Liestaler Teilstück gesperrt werden muss. Denn eine Sperrung würde den Kantonshauptort im Verkehr ersticken. Doch auch nach der millionenschweren Sanierung bleibt die Umfahrung von Liestal ein städtebaulicher und ökologischer Sündenfall: Sie trennt die Stadt, beschallt trotz Lärmschutzwänden etliche Wohnquartiere und entwertet die Ergolz. Gemäss den heutigen Gesetzen könnte eine derartige Strasse nicht mehr gebaut werden. Drängt sich die Frage auf: Bleibt diese Strasse trotz allem für die Ewigkeit oder gibt es Alternativen?

Wohnen am Bach würde attraktiv

Es gibt sie. Bei einem Konzeptvergleich im Jahr 2004 brachte eines der drei beteiligten Planungsteams einen Tunnel durch den Schleifenberg, wie er früher schon einmal angedacht worden war, zurück ins Rennen. Dieser würde auf der Höhe des Schild-Areals in den Berg abgehen und beim Altmarkt wieder herauskommen. Sobald der Tunnel fertiggestellt wäre, könnte die jetzige Umfahrungsstrasse von Liestal abgerissen und die Ergolz renaturiert werden.

«Die Wohnqualität in allen Quartieren entlang der Ergolz wird erheblich verbessert. Dazu kommt die massive landschaftliche Aufwertung der Ergolz und ihrer Ufer», schrieb das Ingenieurbüro Jenni + Gottardi, das den Konzeptvergleich im Auftrag des Kantons durchführte, zur Variante Schleifenbergtunnel. Mit einem Rückbau der Umfahrungsstrasse würde zudem das grösste zusammenhängende Erholungsgebiet innerhalb der Siedlungsfläche von Liestal entstehen, so das Ingenieurbüro weiter. Trotzdem liess es nach Rücksprache mit Kanton und Stadt den Vorschlag Schleifenbergtunnel aus Kostengründen fallen und verfolgte andere Varianten weiter. Ein zweiröhriger Schleifenberg-Tunnel mit vier Spuren wurde 2004 inklusive Rückbau der A 22 auf dem Abschnitt Liestal und Renaturierung der Ergolz auf 620 Millionen Franken veranschlagt.

Doch ganz verschwand der Tunnel trotzdem nicht aus den Köpfen. Vor etwas mehr als zwei Jahren teilte das Bundesamt für Umwelt dem Kanton mit: «Wir empfehlen, die Machbarkeit einer Tunnellösung zu prüfen.» Zur Begründung schrieb das Bundesamt: «Eine Tunnellösung würde die heutigen Probleme entschärfen, die Probleme der Ufervegetation vermeiden und einen grossen Teil aller anderen verursachten Probleme verschiedener Umweltbereiche (Lärm, Gewässer, Gefahrenprävention usw.)
lösen.»

Stadtrat will Tunnel jetzt prüfen

Auch der Liestaler Stadtrat liess vergangenen Dezember bei der Beantwortung einer Interpellation aus dem Einwohnerrat seine Sympathien für eine Tunnellösung durchblicken. Auf Nachfrage präzisiert der zuständige Stadtrat Franz Kaufmann nun: «Wir kommen weder um die Sofortmassnahmen noch um eine Gesamtsanierung der Umfahrungsstrasse herum, weil ein Tunnel mindestens 25 Jahre für die Realisierung braucht. Aber wir müssen jetzt die langfristige Alternative Schleifenberg-Tunnel ernsthaft prüfen.» Von daher, aber auch aus städtebaulichen Gründen, ist Kaufmann nicht unglücklich darüber, dass der von Liestal jahrelang geforderte Zentrumsanschluss an die A 22 auf der Höhe der Gasstrasse aus Kostengründen auf der kantonalen Investitionsliste weit nach hinten gerückt ist. Denn der Bau dieses Anschlusses würde die Umfahrungsstrasse zulasten der Tunnellösung auf Jahrzehnte hinaus zementieren.

25 658

Fahrzeuge befuhren im Tagesdurchschnitt im letzten Jahr die Umfahrungsstrasse von Liestal. Das war über ein Drittel mehr als im Jahr 2010. Von diesen 25 658 Fahrzeugen pro Tag waren 744 Lastwagen. Aber trotz des grossen Verkehrs auf der Umfahrungsstrasse ist Liestal alles andere als verkehrsberuhigt: 2014 wurden auf der Liestaler Rheinstrasse pro Tag durchschnittlich 14 113 Fahrzeuge gezählt (für 2015 liegen keine Zahlen vor).

Andererseits brächte ein Zentrumsanschluss eine Entlastung des vor allem während der Morgen- und Abendspitzen sehr stark befahrenen Liestaler Strassennetzes (s. Kasten links). Für die künftigen Bewohner der mehreren hundert Wohnungen, die derzeit in Liestal Nord entstehen, wäre der neue Anschluss eine ideale Auf- und Abfahrt auf die A 22, von dem man bei den entsprechenden Quartierplanungen auch ausging. Zu dieser Problematik sagt Kaufmann: «Wir müssen mit dem Kanton eine solide Übergangslösung erarbeiten, da es noch lange, lange geht, bis ein allfälliger Zentrumsanschluss kommt.»

Aber nicht nur der Stadtrat steckt ein Stück weit in einem Dilemma, sondern auch Pro Natura Baselland, die als mögliche Einsprecherin bei der A 22 ein Wort mitreden kann. Geschäftsführer Urs Chrétien bringt das Dilemma so auf den Punkt: «Der Bau der Liestaler Umfahrungsstrasse war ein Verbrechen an Mensch und Natur. Doch obwohl die jetzige Lösung schlecht ist, stellt sich die Frage, ob man eine bessere Variante durch den Schleifenberg bauen und nochmals viel Geld für den Verkehr ausgeben soll.» Ersatzlos abreissen könne man aber die Umfahrungsstrasse nicht. Man stehe heute vor einem Scherbenhaufen mit vielen Sachzwängen. Chrétien kündigt aber an: «Wir werden auf jeden Fall die Sanierung kritisch verfolgen und wenn nötig ökologische Ersatzmassnahmen einfordern.»

A 22 bleibt vorerst Hängepartie

Und was hält der Kanton, der im Moment immer noch Hauptakteur bei der A 22 ist, von einem Schleifenbergtunnel? Jacobi sagt: «Ich habe gar keine Rechtsgrundlage, an der Planung eines solchen Tunnels zu arbeiten, weil er nicht im Richtplan enthalten ist.» Zudem könnte eine solche Planung zu einer «Verlustprojektierung» werden, weil offen sei, was der Bund später wolle. Damit spricht Jacobi die Hängepartie an, die derzeit das Hauptproblem ist: Der Bund hat die A 22 – und die A 18 im Birstal – 2012 in den Netzbeschluss aufgenommen. Das heisst, die beiden kantonalen Hochleistungsstrassen gehören zum Strassenpaket, das der Bund eigentlich übernehmen will.

Zur Geschichte der A 22: Hätte man nur ...

1957 schlug der Kanton Baselland dem Bund einen Tunnel durch den Schleifenberg vor. Dies im Rahmen der Planung der Autobahn N 2 (heute A 2) von Basel ins Mittelland; damals rollte noch der ganze Nord-Süd-Verkehr durch Liestal, teilweise sogar durch die Altstadt.

Der Bund lehnte jedoch zwei Jahre später einen solchen Tunnel aus Kostengründen ab und wollte stattdessen die Ergolz mit der Autobahn überdachen. Dagegen wehrte sich der Landrat einstimmig.

Die Regierung machte darauf dem Bund eine N 2-Linienführung via Giebenach-Arisdorf schmackhaft. Trotz grossen Widerstands eines Komitees beschloss die Bundesversammlung 1960 diese Variante.

In Liestal baute man acht Jahre später zusätzlich die heutige Umfahrungsstrasse A 22.

Doch mit der Ablehnung der Erhöhung der Autobahnvignette durch das Volk im November 2013 fehlen Rechtsgrundlage und Finanzierungsbasis für diese Übernahme. Auch beim Bundesamt für Strassen (Astra), weiss man nicht, wie es weitergeht. Darüber müsse nun das Parlament entscheiden, sagt Astra-Sprecher Gabriele Crivelli. Dort hat im letzten Herbst der Ständerat die Vorlage zum Nationalstrassen- und Agglomerationsfonds an seine Verkehrskommission zurückgewiesen mit dem Auftrag, den Netzbeschluss darin zu integrieren und dessen Finanzierung sicherzustellen. Das wertet Jacobi als positives Zeichen dafür, dass A 18 und A 22 vom Bund in absehbarer Zeit definitiv übernommen werden.

Doch schon einmal hat sich der Kanton verspekuliert, als er die Sanierung der A 22 hinausschob in der Hoffnung, dass sie dann der Bund durchführe. Das muss er jetzt mit der zehn Millionen Franken teuren Notfallsanierung büssen. Dass die kantonale Planung rund um die A 22 sowieso kein Ruhmesblatt ist, zeigt ein Blick auf das Gesamt-Flickwerk: zwischen Pratteln und Liestal ein hochmoderner, weitgehend vierspuriger Abschnitt, rund um Liestal ein vom Zerfall bedrohtes, zweispuriges Strassenstück und von Lausen bis Sissach eine vierspurige, ebenfalls langsam sanierungsbedürftige Autobahn.

Aktuelle Nachrichten