Verdichtung
Martin Kolb: «Prattler Türme haben Modell-Charakter»

Das Baselbiet muss nach innen wachsen - und in die Höhe wie in Pratteln, sagt Kantonsplaner Martin Kolb im bz-Interview.

Benjamin Wieland
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Das Aquila-Hochhaus beim Prattler Bahnhof ist auf Kurs, zurzeit wird die Fassade montiert. Im Baselbiet sind weitere Türme geplant – ganz im Sinne des Kantons.

Das Aquila-Hochhaus beim Prattler Bahnhof ist auf Kurs, zurzeit wird die Fassade montiert. Im Baselbiet sind weitere Türme geplant – ganz im Sinne des Kantons.

Kenneth Nars

Herr Kolb, der Kanton Baselland hat im vergangenen Jahr 2581 Einwohnerinnen und Einwohner hinzugewonnen – so viele wie seit 2002 nicht mehr. Hat Sie das gefreut?

Martin Kolb: Unser Wachstumsziel lautet 0,8 Prozent. Das Wachstum 2014 entspricht 0,9 Prozent – wir sind zufrieden.

Seit dem Jahr 1992 wächst der Landkanton kontinuierlich. Die neuen Bewohner verteilen sich aber sehr ungleichmässig. Die städtischen Vororte im Bezirk Arlesheim sind fast alle «aufgefüllt» – das Wachstum ist längst in den zweiten Ring übergeschwappt, also in die Bezirke Laufental, Liestal und Sissach. Ist das im Sinne des Kantons?

Wachstum in den Tälern - erster Kanton mit Planungsgesetz

Die Baselbieter Wohnbevölkerung ist im letzten Jahr stark gewachsen. Im Vergleich zum Vorjahr resultierte 2014 ein Zuwachs um 0,9 Prozent auf insgesamt 282 651 Personen. In Zukunft wird vor allem im Leimental, Birstal, Rheintal und Ergolztal mit deutlich mehr Einwohnern gerechnet. Verglichen mit den 1960ern mutet das Wachstum mickrig an: Damals zogen teilweise bis zu 700 Menschen neu in den Landkanton – pro Monat. Ursache waren der Boom der chemischen Industrie und die Suburbanisierung. Als Massnahme erarbeitete Baselland ein Planungsgesetz, als erster Kanton der Schweiz.

Sie haben es bereits angesprochen: der Verkehr. Das Leimental etwa ist dicht besiedelt, in Binningen werden die letzten Engpässe beim Tram beseitigt. Kommen nun nochmals Zehntausende neue Bewohner hinzu, wird das Tal zu eng – der Verkehr kollabiert.

Beim Verkehr ist es entscheidend, dass wir das Problem überregional angehen, also über Kantons- und Ländergrenzen hinweg. Das trinationale Agglomerationsprogramm Basel ist ein Beispiel hierfür. In dessen Rahmen haben wir eine gemeinsame Verkehrsplanung forciert. Da ist man schon weit.

Was sind konkrete Lösungen?

Man versucht zu berechnen, wie die Infrastruktur in 20 bis 30 Jahren aussehen sollte, damit die Mobilität mit dem Wachstum Schritt halten kann. Daraus ergibt sich dann etwa die Forderung an die SBB, die S-Bahn Basel–Liestal auf Viertelstundentakt auszubauen.

Es ginge doch auch darum, beim erwähnten Spinnennetz die seitlichen Achsen, die Tangenten zu verstärken, um das Zentrum zu entlasten, wie das etwa rund um Zürich längst der Fall ist. Ist die geplante Umfahrung Allschwil eine derartige Achse?

Das wäre sie, ohne Zweifel. Jedoch handelt es sich hierbei um ein Projekt, dass das die Elba-Planung betrifft (Entwicklungsplanung Leimental – Birseck – Allschwil, Anm. d. Red.). Wir haben es also mit einer hochaktuellen politischen Angelegenheit zu tun, die der Landrat demnächst beraten wird. Deshalb kann ich mich derzeit nicht dazu äussern.

Wie sieht es mit ganz neuen Lösungen aus – etwa Expresstrams, einer Hoch- oder sogar Seilbahn, etwa vom Bahnhof Basel SBB nach Oberwil?

Es werden alle möglichen Lösungen geprüft. Aber hier möchte ich nicht vorgreifen – konkrete Verkehrsprojekte wären sowieso grundsätzlich Sache des Kantonsingenieurs.

Im unteren Kantonsteil ist der Verkehr das Problem – im oberen und im Laufental eher die Zersiedelung. Dem Kanton sind aber die Hände gebunden: Bis anhin hat jede Gemeinde für sich entschieden, wie viel Bauland sie ausscheidet.

Das stimmt: In ländlichen Gemeinden akzentuiert sich der Siedlungsdruck anders. Dort ist noch das klassische Modell vorherrschend – salopp gesagt geht es so: Eine Wiese einzonen, Einfamilienhaus drauf, Strassen und Leitungen dazu, fertig. Dem noch teilweise zu wenig abgestimmten Wachstum müssen wir die erforderliche Aufmerksamkeit schenken. Das Bundesamt für Raumentwicklung wird uns zukünftig vorgeben, wie viele Hektaren neues Bauland wir ausscheiden dürfen. Diese teilen wir dann den Gemeinden zu. In Zukunft werden die Bauzonen in den kantonalen Richtplan aufgenommen, und dieser ist rechtlich bindend. Es wird darin also eine rote Linie geben, die gilt. Wir werden den Entwurf für den revidierten Richtplan voraussichtlich im Herbst 2016 dem Landrat vorlegen.

Wo sind den aus Sicht des Kantons neue Bauzonen sinnvoll?

Martin Kolb, Baselbieter Kantonsplaner: «Wir forcieren also eine Verdichtung in Arealen, die bereits in der Bauzone liegen.»

Martin Kolb, Baselbieter Kantonsplaner: «Wir forcieren also eine Verdichtung in Arealen, die bereits in der Bauzone liegen.»

Juri Junkov

In den städtischen Gemeinden ist vor allem ein Trend zu beobachten: Sie wachsen in die Höhe, in Pratteln sind zwei Hochhäuser im Bau, in Münchenstein ist gar ein 100-Meter-Turm geplant. Ist das erwünscht?

Gegen ein Hochhaus an der richtigen Stelle ist nichts einzuwenden. Die genannten Bauten sind an dafür geeigneten Orten – was wir in Pratteln erleben, hat Modellcharakter für den Kanton. Wir haben im Februar unser Hochhaus-Konzept vorgestellt. Die Frage stellt sich nun, ob dieses in den Richtplan aufgenommen werden soll. So würde es rechtlich bindend.

Wann begrüsst der Kanton den 300'000. Einwohner?

Das dürfte im Jahr 2035 der Fall sein.

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