Nachwuchspreis
Maturand findet heraus: Frauen handeln eben doch emotionaler

Der Reinacher Camill Oberhausser reichte seine Maturarbeit an einem Wissenschafts-Wettbewerb der EU ein – und gewann den Sonderpreis. Das Thema der Arbeit ist eher aussergewöhnlich.

Tobias Gfeller
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Camill Oberhausser mit seiner Auszeichnung.

Camill Oberhausser mit seiner Auszeichnung.

tgf

Das polnische Bildungsministerium war von Camill Oberhaussers Arbeit dermassen beeindruckt, dass es ihm kürzlich den Sonderpreis des jährlich stattfindenden European Union Contest for Young Scientists (EUCYS) verlieh. Für den Reinacher ist diese Auszeichnung für Nachwuchsforscher eine grosse Ehre und Bestätigung für die intensive Arbeit. «Der Preis beweist mir, dass meine Arbeit von Relevanz ist.»

Tatsächlich hat es die Maturarbeit, die 2013 bereits mit dem Basler Maturandenpreis der Firma Novartis ausgezeichnet wurde, in sich: Camill Oberhausser ging am Gymnasium Münchenstein der Frage nach, ob Frauen und Männer unterschiedliche Moralvorstellungen haben.

Anderes Geschlecht – andere Moral

Diese für einen Schüler aussergewöhnliche Idee kam nicht von ungefähr. «Ich interessierte mich schon immer für Moral und Ethik. Diese Themen sind dermassen abstrakt, dass man sich darunter eigentlich nichts Handfestes vorstellen kann. Und trotzdem sind sie wichtig für jeden Einzelnen und die gesamte Gesellschaft.»

Der Fragestellung nach der unterschiedlichen Moral von Frau und Mann ging er bei 104 Gymnasiastinnen und Gymnasiasten anhand einer praxisnahen Problemstellung nach. Mittels Film stellte er ihnen die Frage, ob sie einer Mitschülerin, die krankheitshalber eine Prüfung verpasste, bei der Vorbereitung auf die exakt gleiche Wiederholungsprüfung helfen würden.

Erwartungen sind schuld

Die Umfrage ergab zwei unterschiedliche Lösungsmuster, wie der Autor analysiert: «Die einen antworteten beziehungsorientiert. Ihnen kommt es darauf an, unter welchen Umständen die Mitschülerin den Test verpasste und in welcher Beziehung sie selber zur kranken Mitschülerin stehen.» Der andere Teil antwortete prinziporientiert. «Man geht nicht auf die spezifische Situation ein, sondern findet, dass alle die gleichen Chancen haben sollen.» Die sowohl hinsichtlich der Namen und Geschlechter anonym durchgeführte Umfrage gab ein klares Bild. «Bei den Frauen antworteten 70 Prozent eher beziehungsorientiert, bei den Männern hingegen nur deren 40 Prozent.» Solch unterschiedliche Moralvorstellungen seien nicht biologisch vorbestimmt. «Die beruhen eher auf Erwartungen innerhalb der Gesellschaft», begründet Camill Oberhausser diese Unterschiede.

Von einem Lehrer am Gymnasium Münchenstein auf die Idee gebracht, meldete er sich mit seiner preisgekrönten Maturarbeit an den Schweizer Meisterschaften aller Abschlussarbeiten – darunter auch derjenigen von Lehrabgängern – von Schweizer Jugend forscht an. An der ETH Lausanne präsentierte er sein Werk während dreier Tage an einem eigenen Stand. Von einer Fachjury erhielt er einen der Hauptpreise, der ihm die Reise nach Warschau zum 26. EUCYS ermöglichte. Für den europäischen Wettbewerb musste er sowohl seine Arbeit wie auch seine Präsentation ins Englische übersetzen, was in diesem Umfang eine grosse Herausforderung darstellte.

Erfahrung wichtiger als Preisgeld

Das polnische Bildungsministerium als einer der diesjährigen Hauptorganisatoren würdigte Camill Oberhaussers Arbeit mit dem Sonderpreis, den neben ihm nur noch eine Südkoreanerin erhielt. Das Preisgeld von 2'500 Euro sei für ihn nebensächlich. «Viel mehr wert sind die unglaublichen Erfahrungen während der Zeit in Warschau. Der Austausch mit anderen jungen, motivierten und aufgeschlossenen Menschen aus der ganzen Welt bedeutet mir viel mehr.»

Dazu seien die unzähligen Gespräche mit Experten sehr lehrreich gewesen. Seine Arbeit stiess auf viel Interesse: «Ich erhielt kürzlich die Anfrage, ob ich meine Analyse in einem Paper in einem wissenschaftlichen Magazin veröffentlichen wolle», erzählt der Gewürdigte mit viel Stolz. Neben seinem Studium der Rechtswissenschaften wird er auch dafür irgendwo noch Platz finden.