Baselbieter Antistau-Bericht 2016
Mehr Kapazität führt nicht zu besserem Verkehrsfluss

Mehr Kapazität bedeutet nicht immer einen besseren Verkehrsfluss: Im Baselbiet nimmt die Motorisierung der Bevölkerung stetig zu, was die Kapazität oft genauso schnell wieder auffüllt, wie sie geschaffen wird.

Daniel Haller
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Der Kreisel Mitteldorf wurde mit einem «F» bewertet, was «Überlastung» signalisiert.

Der Kreisel Mitteldorf wurde mit einem «F» bewertet, was «Überlastung» signalisiert.

Toni Widmer

Unwillkürlich fällt einem bei der Lektüre des Baselbieter Verkehrsfluss-Berichts Sisyphus ein, der auf ewig einen schweren Stein auf einen Berg wälzen muss, wobei dieser immer kurz vor dem Gipfel wieder ins Tal rollt. Von welchen griechischen Göttern das federführende Tiefbauamt da wie Sisyphus gestraft wird, geht aus dem Bericht nicht hervor. Sicher ist nur, dass der Bericht aufgrund der Anti-Stau-Initiative von alt Wirtschaftkammerdirektor Hans Rudolf Gysin alljährliche Pflicht ist.

Der Bericht im Detail

An sieben Stellen überlastet

Für den Verkehrsfluss-Bericht 2016 hat das Tiefbauamt die Verkehrsqualität an 36 Standorten in die Qualitäts-Stufen A bis F eingeteilt: A bis C heisst unproblematisch, D ist «nahe an der zulässigen Belastung», E bedeutet «kritisch» und F signalisiert «Überlastung».

Mit F wurden sieben Brennpunkte bewertet: die Kreuzung Baslerstrasse/Binningerstrasse sowie die die Lichtsignalanlage Hegenheimermattweg/Grabenring in Allschwil, die Kreuzung Eichgasse/Therwilerstrasse in Biel-Benken, der Kreisel Mitteldorf in Bottmingen, die Anschlüsse Reinach Nord und Reinach Süd sowie der Kreisel Kägen in Reinach.

Neun Standorte sind mit E oder D bewertet, der Rest mit A bis D. Zu jedem Standort ist tabellarisch aufgeführt, was entweder gemacht wurde oder geplant ist. Das reicht von der Optimierung der Ampelschaltung bis zu längeren Abbiegespuren oder dem Umbau im Kreisel.

Und er endet mit der Feststellung, dass Massnahmen gegen Staus einer Sisyphus-Aufgabe gleichkommen: «Bei der Erfolgskontrolle kann oft beobachtet werden, dass die Massnahmen zwar zu einer Erhöhung der Kapazität, jedoch nicht oder nur bedingt zu einer Verbesserung der Verkehrsqualitäts-Stufe führen. Dies liegt in der Regel darin, dass die zusätzlich geschaffene Kapazität durch die hohe Nachfrage direkt wieder aufgefüllt respektive konsumiert wird.»

Verkehr wächst und wächst

Weshalb mehr Strassen den Verkehr nicht flüssiger machen, lässt sich dem Bericht entnehmen: Besassen die Baselbieter im Jahr 2000 noch 154'863 Motorfahrzeuge, so waren es 2016 deren 187'996. Dies entspricht einem Zuwachs von 21,4 Prozent, also mehr als einem Fünftel. Dabei fällt nicht nur das Bevölkerungswachstum von 3,3 Prozent ins Gewicht.

Vielmehr stieg auch der Motorisierungsgrad: Gab es im Jahr 2'000 auf 100 Einwohner – notabene vom Neugeborenen bis zur Greisin – 59,1 Motorfahrzeuge, so waren es im letzten Jahr bereits 65,5 Autos, Lastwagen, Traktoren und Motorräder.

Der durch diesen höheren Bestand mitverursachte Mehrverkehr konzentriert sich an neuralgischen Punkten vorwiegend auf den Autobahnen: Auf der Belchen-Strecke stieg das Verkehrsaufkommen im gleichen Zeitraum um 41,3, bei der Hagnau Ost um 30,3 und auf der Umfahrung Aesch um 23,9 Prozent. Auch auf der Hauensteinstrasse bei Bubendorf verkehren 12,7 Prozent mehr Fahrzeuge.

Es gibt allerdings auch Strassen, auf denen der Verkehr abnahm: auf der Rheinfelderstrasse (minus 29,5 Prozent) und Prattlerstrasse (minus 19,1 Prozent) in Muttenz und auf der Hauptstrasse in Sissach (minus 47,5 Prozent).

Lenkung per Handy oder Navi

In Sissach ist der Grund offensichtlich: die Eröffnung des Chienbergtunnels und die Umwidmung der Hauptstrasse zur Begegnungszone. Oft lassen sich die Schwankungen aber nicht eindeutig erklären. «Der Verkehr ist ein komplexes System, das vielen externen Einflüssen unterworfen ist», erklärt Dieter Leutwyler, Mediensprecher der Bau- und Umweltschutzdirektion. Auch Veränderungen jenseits der Kantons- und Landesgrenzen wirken sich darauf aus, wo sich die täglichen Ströme durchwälzen oder eben stauen. Da müsse man versuchen, den Verkehr so zu steuern, dass er auf den wichtigsten Strecken funktioniert.

Dafür gibt es zwei Möglichkeiten: Man versucht, über Verkehrsnachrichten und Schrifttafeln den Verkehr zu lenken, wobei dies im Zug der Digitalisierung zunehmend über Handys und Navigationsgeräte erfolgen wird oder es wird versucht, dass die Infrastruktur – Kreisel, Strassen, Kreuzungen, Verkehrs-Ampeln etc. – so um- und auszubauen, dass sie mehr Verkehr schlucken kann.