Strafgericht Baselland
Messerstecher vom «A 2»: Auf der Klinge fehlt das Blut

Ein junger Elsässer soll im Oktober 2015 vor der Disco «A 2» einen Mann niedergestochen haben. Es mangelt aber an verwartbaren Beweisen – unter anderem, weil Aufnahmen von Überwachungskameras genau ab dem Zeitpunkt der Tat gelöscht worden sind.

Benjamin Wieland
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Der frühere «Musikpark A 2» unter der Eishalle St. Jakob: Hier begann der Streit an jenem Samstagmorgen vor drei Jahren.

Der frühere «Musikpark A 2» unter der Eishalle St. Jakob: Hier begann der Streit an jenem Samstagmorgen vor drei Jahren.

Twitter/Mr. Da-Nos

Ein klarer Fall, könnte man meinen. Vier junge Elsässer fahren nach Basel, um zu zechen. Der feucht-fröhliche Abend endet in einer Disco. Es gibt Streit. Der Konflikt verlagert sich nach draussen. Einer der Franzosen leiht von einem Begleiter ein Sackmesser. Kurz darauf hat ein anderer Mann eine Klinge im Rücken. Der mutmassliche Täter wird verhaftet. Am anderen Tag legt er ein Geständnis ab, die Freunde belasten ihn.

So lautet, ein wenig überspitzt, die Version der Baselbieter Staatsanwaltschaft. Doch es ist viel komplizierter – das wurde bei Verhandlung am Dienstag im Strafjustizzentrum in Muttenz klar. Die Geschichte hat einen Haken. An der Klinge der vermuteten Tatwaffe haftete zwar die DNA des Hauptverdächtigen, nicht jedoch des Opfers.

Der «Franzose mit den roten Hosen»

Hinzu kommt: Der Angeklagte bestreitet heute die Tat. Zeugen bestätigten, dass der damals 19-Jährige an der Prügelei beteiligt war. Sie identifizierten ihn auch anhand seiner auffälligen roten Hosen. Doch wie er auf sein Opfer einstach, konnte niemand beschreiben.

Spätestens bei den Plädoyers der Verteidiger wurde klar: Das, was sich vor drei Jahren vor der Disco «A 2» im Gebiet St. Jakob auf Münchensteiner Boden abgespielt hat, lässt sich kaum mehr rekonstruieren. Damals hiess das Lokal «Musikpark A 2», seit Ende 2017 ist es unter dem Namen «Partyarena A 2» bekannt, die heutigen Betreiber haben mit den früheren und den Vorgängen 2015 nichts zu tun. Was fest steht: Es muss hoch zu- und hergegangen sein in jenen Morgenstunden des Samstags, 31. Oktober 2015.

Ein Polizist sprach laut Protokoll von einer «vorherrschenden Chaoslage». Die vier Elsässer seien von bis zu dreissig Männern attackiert worden. Unter dem Pulk befanden sich einschlägig Bekannte. Die Rede ist von «Fussball-Hooligans» mit Verbindungen zur Muttenzerkurve.

Video-Aufnahmen gelöscht?

Auch seltsam: Die Aufnahmen der Videokameras des damaligen «A 2»-Aussenbereichs enden, nachdem der damalige Geschäftsführer der Disco die Polizei alarmiert hat. Damit fehlt auch die Attacke mit dem Sackmesser auf den Bändern. Der Anruf ging um 3.23 Uhr ein. Ab 3.24 Uhr sind die Kameras ausgeschaltet.

Befremdend ist auch, dass das Opfer zwar Strafantrag eingereicht, jedoch keine Zivilforderung gestellt hat. Auch an der Hauptverhandlung am Dienstag war er nicht zugegen. Dabei plädierte die Staatsanwaltschaft auf versuchte vorsätzliche Tötung. Die Klinge des Messers sei 2,2 Zentimeter tief eingedrungen.

Zwar habe das Opfer keine gesundheitlichen Folgen davon getragen, doch der Täter habe tödliche Verletzungen in Kauf genommen. Zudem sei er wegen anderer Delikte aktenkundig. Deshalb forderte die Staatsanwaltschaft dreieinhalb Jahre Freiheitsstrafe. Der Freund mit dem Messer sei wegen Gehilfenschaft zu verurteilen: 18 Monate bedingt, bei zwei Jahren Probezeit.

Hit in der DNA-Datenbank

Die Gegenseite verlangte Freisprüche. «Niemand hat die Tat gesehen», sagte der Verteidiger des Hauptangeklagten. «Der Verletzte sagte sogar selber, er wisse nicht mehr, wer ihn wann gestochen habe.» Der zweite Angeklagte ist Deutscher. Zur Tatzeit war er ebenfalls 19-jährig und wohnte in Uffheim. Sein Verteidiger zitierte die Aussage einer Zeugin, die während der Rangeleien vor dem «A 2» einen zweiten Mann mit einem Messer sah.

Doch wie kam es zu den belastenden Aussagen der Freunde und zum Geständnis? Für den Verteidiger des angeblichen Messerstechers ist der Fall klar: Das Quartett sei dermassen zermürbt gewesen, dass es bei den Einvernahmen alles sagte, «um möglichst rasch nach Hause zu dürfen».

Die Urteilsverkündung ist für Mittwoch angesetzt. Spannend wird sein, wie das Dreiergericht unter dem Vorsitz von Robert Karrer den Umstand bewertet, dass die DNA des Opfers zwar nicht auf dem Sackmesser auftauchte, dafür aber woanders: In der DNA-Datenbank des Bundes.

Das wäre eine Erklärung, warum der zur Tatzeit 24-Jährige den Kontakt mit den Strafverfolgungsbehörden scheut wie der Teufel das Weihwasser.