Gesundheit
Mit dem besiegten Krebs ist die Behandlung nicht vorbei

Die Behandlung von Krebspatienten läuft längst interdisziplinär ab. Bei der Nachsorge hingegen gibt es eine Lücke. Diese möchte das Kantonsspital Baselland mit einem neuartigen Programm schliessen.

Julia Gohl
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Keystone

Personen, die im Kindesalter mit Krebs zu kämpfen hatten, leiden oft noch Jahre nach ihrer Heilung unter den Spätfolgen der Behandlung. Dies belegen immer mehr Studien. Am Kantonsspital Baselland (KSBL) in Liestal wird deshalb eine spezialisierte Nachsorgesprechstunde für ehemalige Krebspatienten eingerichtet. Ab Herbst soll das von Eva Maria Tinner, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Medizinischen Universitätsklinik, koordinierte Projekt in voller Kapazität laufen.

Frau Tinner, dass ehemalige Krebspatienten psychische Leiden davontragen, kann sich wohl jeder vorstellen. Aber wie kommt es zu physischen Spätfolgen?

Eva Maria Tinner: Heute ist man vorsichtiger bei der Behandlung von Krebs, aber vor 30 Jahren ging man aggressiv vor. Da griff man meist auf alle Behandlungsmethoden gleichzeitig zurück: Chemotherapie, Operation, Bestrahlung. Heute versucht man, Bestrahlungen zu vermeiden oder wenigstens nur sehr lokal anzuwenden. Früher wurde zum Beispiel bei Lymphomen jeweils gleich ein Grossteil des Körpers bestrahlt. Diese Bestrahlung löst praktisch immer Spätfolgen aus.

Welche denn?

Das ist unterschiedlich. Aber zum einen erhöht Bestrahlung das Risiko von Zweittumoren. Andererseits beschädigt es die Gefässwände wie das auch bei langjährigen Rauchern passiert. Dadurch erhöht sich das Risiko auf einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall. Auch der Herzmuskel kann durch die Bestrahlung beschädigt werden, was zu einer Herzinsuffizienz führen kann. Werden die Augen mitbestrahlt, kann grauer Star auftreten. Auch die Kariesbildung wird manchmal durch Bestrahlung angeregt, Diabetes oder eine Schilddrüsenunterfunktion begünstigt. Aber das sind nur ein paar von vielen Beispielen.

Zur Person

Eva Maria Tinner ist Kinderonkologin und -Hämatologin. Im Rahmen ihrer Weiterbildung kam sie vor allem in England mit dem Thema Nachsorge für Krebspatienten in Berührung. Bis 2015 arbeitete sie als Oberärztin in der Onkologie am Inselspital in Bern. Seit 2015 liegt ihr Schwerpunkt dort auf der Nachsorgeplanung. Seit Dezember arbeitet sie Teilzeit als Koordinatorin für das neue Nachsorgeprojekt des Kantonsspitals Baselland in Liestal.

Und bei einer Chemotherapie bestehen diese Risiken nicht?

Doch, jedenfalls ein Teil davon. In der Chemotherapie von Krebserkrankungen im Kindes- oder Jugendalter wird normalerweise mit «alten» Medikamenten gearbeitet, also mit solchen, mit denen wir viel Erfahrung haben. Dazu gehört auch die Substanzgruppe der Anthracycline. Heute wissen wir, dass diese bei einer Gesamtdosis von über 300 Milligramm pro Quadratmeter Körperoberfläche das Risiko für eine Herzinsuffizienz deutlich erhöhen. Diese muss nicht unmittelbar nach der Behandlung auftreten, sondern kann sich Jahre später bemerkbar machen. Die Früherkennung ist auch deshalb so wichtig, damit man eingreifen kann, bevor bleibende Schäden entstehen. Je nach Zusammensetzung der Chemotherapie können in allen Organen Spätfolgen auftreten. Diese nehmen im Laufe des Lebens zu.

Deshalb ist es so wichtig, dass Ärzte und Patienten auf die Spätfolgen von Kinderkrebs spezialisiert sind?

Ja. Ein Generalist geht nach der Devise vor: «Was häufig ist, ist häufig.» Das heisst, wenn eine 35-Jährige zu ihm kommt, weil sie schnell ausser Atem ist, glaubt er vielleicht, sie leide unter Panikattacken. Das ist verständlich, denn wie sollte er darauf kommen, dass eine so junge Frau an einer Herzinsuffizienz leidet? Die Patienten und ihre Probleme werden manchmal nicht ernstgenommen, weil Hausärzte sich der Spätfolgen einer Krebsbehandlung im Kindesalter nicht bewusst sind.

Darum braucht es eine interdisziplinäre Sprechstunde?

Genau. Ein Onkologe kann das nicht alleine managen. Bei der Krebsbehandlung wird deshalb bereits interdisziplinär zusammengearbeitet. Wichtig ist, dass das auch bei der Nachsorge passiert. Man weiss schon lange, dass Krebsbehandlungen andere gesundheitliche Probleme verursachen können. Früher nahm man das aber in Kauf. Der Fokus lag auf Heilung um jeden Preis. Heute überleben dank erfolgreicher Therapien mehr als 80 Prozent der krebskranken Kinder. Deshalb verschiebt sich der Fokus langsam auf die Nachsorge. Da fördern Studien immer Neues zutage.

Zum Beispiel?

Eine zeigt etwa, dass 30 Jahre nach der Therapie ein Drittel der einstigen Kinderkrebspatienten schwerwiegende gesundheitliche Probleme hat. Eine andere hat untersucht, wie viele von den geheilten Krebspatienten vor ihren Altersgenossen sterben. Es hat sich eine deutliche Häufung ergeben. Dabei ist Sterben nur die Spitze des Eisbergs. Die Studie zeigt nicht auf, wie viele im Alltag gesundheitlich eingeschränkt sind. Aber es wird klar: Wir haben die durch die Behandlung verursachten Probleme in der Vergangenheit unterschätzt.

Hier setzt das Projekt am Kantonsspital in Liestal an. Wie soll dieses aussehen?

Aufgrund der Krankengeschichte, insbesondere der Details der erhaltenen Therapie, wollen wir für die Patienten einen sogenannten Passport erstellen, anhand dessen die Untersuchungen geplant werden. Die Patienten sollen uns mit allen Informationen verlassen, die sie für eine gelungene Nachsorge brauchen. Dafür planen wir auch einen Sprechstundentag, an dem der Patient Untersuchungen erhält und Termine bei allen Spezialisten hat, die für seine Nachsorge wichtig sind. Welche das sind, hängt vom jeweiligen Patienten ab. Manche haben so viele Risiken, dass sie jährlich zahlreiche Spezialisten besuchen und Untersuchungen haben sollten. Bei anderen reicht der Besuch bei ein, zwei Experten in grossen Abständen. Ob diese Patienten ihre Sprechstunden lieber über ihren Hausarzt organisieren lassen möchten, ist ihnen natürlich freigestellt. Trotzdem wird ihnen die Option freistehen, sich bei Problemen an uns zu wenden.

Dieses Angebot richtet sich aber nicht an alle ehemaligen Krebspatienten, sondern nur an jene, die als Kinder krank waren?

Ja. Im Moment konzentrieren wir uns auf Personen, die vor ihrem 18. Lebensjahr erkrankten. Dies schon alleine deshalb, weil die Behandlung später Erkrankter zu wenig evidenzbasiert wäre. In der Schweiz leben zurzeit rund 8000 ehemalige Kinderkrebspatienten.

Und diese warten alle auf ein solches Pilotangebot?

Das vielleicht nicht. Aber das Bedürfnis ist auf jeden Fall gross. Eine neuere Studie hat Eltern krebskranker Kinder befragt, was sie sich für die Nachsorge wünschen. Der Wunsch nach einer interdisziplinären Sprechstunde wurde da sehr oft geäussert.