Polizeikontrolle
Mit der Baselbieter Polizei auf der Jagd nach Handysündern im Auto

Wir durften einen exklusiven Blick hinter die Kulissen einer Polizeikontrolle werfen. Im Fokus stand die Ablenkung der Fahrer am Steuer.

Dimitri Hofer
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Am Freitagmorgen kontrollierten die Beamten 1150 Autos.
Verkehrspolizei-Chefin Stephanie Eymann bei einer Kontrolle.
Häufig sind die Polizisten in einem zivilen Fahrzeug unterwegs.
Wer diese Anzeige sieht, weiss: Ich muss rausfahren.
Ein Polizist füllt eine Ordnungsbusse für Telefonieren aus.
Für die Polizei ist die Ablenkung am Steuer ein wichtiges Thema.

Kenneth Nars

Auf einen solchen Vormittag hätte die junge Baselbieter Autofahrerin verzichten können. Kurz vor der Einfahrt auf die A2 von Liestal in Richtung Basel wird sie von einem Polizisten rausgewunken. Ein Kollege, der ein wenig weiter oben gut versteckt im Gebüsch steht, hatte sie dabei beobachtet, wie sie im Wagen das Handy an ihrem Ohr hatte.

Die Autolenkerin fährt rechts ran, lässt die Scheibe runter und hört sich an, was Polizist Patrik Frey zu sagen hat: «Sie wurden beim Gebrauch Ihres Smartphones am Steuer gesehen. Ihr Handy gehört während der Fahrt nicht in die Hand.» Sie habe nicht telefoniert und auch keine Kurznachrichten geschrieben, sondern das Gerät lediglich dazu benutzt, um sich abzustützen, entgegnet sie dem Beamten leicht angesäuert. «Ich werde meinen Anwalt anrufen», sagt sie.

Nach einigen Minuten beendet sie das Telefongespräch mit ihrem Rechtsbeistand und entscheidet sich dafür, die fällige Busse zu bezahlen. Das Bussgeld, für das ihr der Polizist eine Rechnung ausstellt, wird sie wohl verschmerzen können. In ihrem schwarzen Geländewagen, auf dessen Beifahrersitz eine Louis-Vuitton-Tasche liegt, braust sie davon.

Eine Zunahme der Unfälle durch Ablenkung am Steuer

Stephanie Eymann kann sich den einen oder anderen Spruch über die Lenkerin nicht verkneifen. Die Chefin der Baselbieter Verkehrspolizei erklärt: «In den vergangenen Jahren haben Unfälle durch Unaufmerksamkeit zugenommen.» Bis im Jahr 2005 habe es sich bei der erhöhten Geschwindigkeit um die Hauptursache für Verkehrsunfälle gehandelt. Seither wechseln sich der zu geringe Abstand zwischen den Fahrzeugen und die Ablenkung am Steuer als Hauptursache ab. Das hänge zweifellos mit dem Aufkommen der Smartphones zusammen.

Die zunehmende Unaufmerksamkeit der Fahrerinnen und Fahrer beschäftigt die Polizisten in vielen Ländern. Die Unaufmerksamkeit am Steuer war in der vergangenen Woche Thema eines internationalen Schwerpunkts. Die Polizei des Kantons Baselland führte im Baselbiet mehrere Verkehrskontrollen durch, bei denen die Beamten ein besonderes Augenmerk auf Handys im Auto richteten. Vor allem zur Hauptverkehrszeit und an stark frequentierten Orten gingen die Beamten auf Jagd nach Handysündern.

Alle paar Minuten wird ein Auto kontrolliert

Wie am gestrigen Freitagmorgen an der Autobahneinfahrt. Alle paar Minuten bitten Stephanie Eymann und ihre Kollegen, einen Automobilisten rauszufahren. Weniger glimpflich als die gut betuchte Frau mit dem Baselbieter Kennzeichen kommt ein Fahrer eines Kleinwagens aus dem Kanton Fribourg davon. So hat er sich den Ausflug in die Region Basel bestimmt nicht vorgestellt. «Wir erstatten Anzeige an die Baselbieter Staatsanwaltschaft. Möglicherweise gibt es dann einen Strafbefehl», sagt ein Polizist zum verdutzten Automobilisten aus der Westschweiz.

Der Beamte im Gebüsch hatte den Fahrer dabei gesehen, wie er das Handy im Querformat in der Hand hielt. Auch der Fribourger erklärt dem Polizisten, das Telefon nicht aktiv benutzt zu haben. Während ein Smartphone am Ohr eine Ordnungsbusse von 100 Franken nach sich zieht, folgt bei einem Handy, das der Lenker quer in der Hand hält, eine Anzeige an die Staatsanwaltschaft. Grund dafür ist ein Bundesgerichturteil. Aus diesem ging hervor, dass Fahrer stärker abgelenkt sind, wenn sie ihr Handy in der Hand halten statt ans Ohr. Für die Baselbieter Polizisten ist dies eine unbefriedigende Situation. Auch die Ordnungsbusse sei mit 100 Franken zu tief angesetzt, findet Eymann. «Wäre die Busse höher, wäre die abschreckende Wirkung wohl höher.» Das Festsetzen der Bussenhöhe sei aber Sache des Bundes, weshalb der Kanton daran nicht rütteln könne.

Interview:

Lesen Sie hier das Interview mit Patrizia Koller von Roadcross Schweiz zum Thema Handys am Steuer.

Viele Kontrollen finden in zivilen Fahrzeugen statt

Nach rund zwei Stunden und zahlreichen kontrollierten Autos fährt ein schwarzes Fahrzeug vor. In ihm geht die Kontrolle auf den Baselbieter Strassen in zivil weiter. Dem Wagen sieht man nicht an, dass zwei Polizisten in ihm sitzen, die es auf Telefonierende abgesehen haben. Die beiden Beamten Dominik Plüss und Remo Bortis tragen jedoch eine Uniform. Während der Fahrt blicken sie in die Autos auf den anderen Fahrspuren, um festzustellen, ob die Lenker während des Fahrens ihr Handy benutzen.

Vorbei an Schweizerhalle geht es in Richtung Basel und anschliessend durch den Hagnau-Tunnel. «Heute sind die Autofahrer aber brav», findet Stephanie Eymann, die auf dem Rücksitz Platz genommen hat und ebenfalls genau beobachtet. In Reinach macht der Fahrer kehrt und fährt wieder zurück. «Der da drüben hat telefoniert», sagt Polizist Plüss zu seinem Kollegen. Schon leuchtet an der Rückscheibe ein Schild auf, das den Autofahrer bittet, zu folgen. An der Raststätte in Pratteln bezahlt er ohne Murren die Busse von 100 Franken.

Kontrollen wie diese in zivilen Fahrzeugen sind keine Seltenheit. «Sie kommen oft vor, da sich die Autofahrer so unbeobachtet fühlen», sagt Verkehrspolizei-Chefin Eymann. Kaum hat sie dies gesagt, sieht sie in einem anderen Fahrzeug einen weiteren Fahrer mit Smartphone am Ohr. Bei Birsfelden fährt der Lenker eines Lieferwagens aus der Ostschweiz raus und begleicht die Busse mit Kreditkarte. Er scherzt: «Wenn ich gewusst hätte, wie einfach das geht, würde ich jeden Tag im Auto telefonieren.»

Autofahrer-Befragung

«Ablenkung bei Verkehrsteilnehmern wird in seiner Relevanz verkannt»: Zu diesem Fazit kommt die Allianz Versicherung bei ihrer Repräsentativbefragung von Autofahrer in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Für die Erhebung wurden in allen drei Ländern 600 Autofahrerinnen und Autofahrer befragt. Sie konnten 40 Möglichkeiten von Ablenkung angeben. Haupterkenntnis der Allianz-Forscher ist, dass über 40 Prozent der Autofahrer beim Fahren mit dem Handy telefonieren.

So verwundere es nicht, heisst es im Papier, welches vergangenes Jahr publiziert wurde, dass nach dem aktuellen Stand der Forschung in bis zu zehn Prozent der Unfälle Ablenkung als wesentliche Ursache angesehen werde. In 20 bis 30 Prozent werde Unaufmerksamkeit allgemein eine Mitverursachung zugesprochen. Schwer wiege die Erkenntnis, dass vor allem junge Autofahrer eine Problemgruppe darstellten. Senioren seien zwar im Schnitt langsamer in der Reaktion und hätten oft Mühe mit dem Bedienen der Geräte im Fahrzeug, sodass sie ihren Blick länger von der Strasse abwenden würden als jüngere Personen. «Aber Senioren weisen auch eine höhere Kompensation auf.» Senioren sind sich der Nachteile bewusst, können sie ausgleichen oder sogar überkompensieren.

Deutlich geringer fällt nach der Allianz-Erhebung der Unterschied zwischen den Geschlechtern ins Gewicht. «Dies steht im Einklang mit der Forschungslandschaft.» Feindifferenzierungen zwischen Viel- und Wenigfahrern seien hingegen von Interesse. «Doch auch für sich genommen sollte die Höhe der Fahrleistung als Faktor für das Auftreten von Ablenkung künftig genauer als bisher betrachtet werden. Nach den Daten der Allianz ist der Einfluss der Fahrleistung nach Höhe und nach dem Ort, wo sie erbracht wird, nicht zu unterschätzen.»

Meist geschieht die Ablenkung im Fahrzeug selber

Eine weitere Erkenntnis des Allianz-Papiers: Fahrzeuglenkende überschätzen externe Ablenkungsquellen. «Nach den Erkenntnissen der Unfallforschung ist es jedoch eher umgekehrt. Ablenkung begründet sich überwiegend durch Verhalten der Insassen und weitere Ereignisse im Fahrzeug selbst.»