Gelterkinden
Mit Gift und Gasmaske die Schädlinge bekämpft

Der 74-jährige Desinfektor Leo Handschin aus Gelterkinden wird nach 37 Jahren entlassen. Dies geschieht auf eigenen Wunsch. Handschin hat in seiner Laufbahn unzählige Wespennester oder auch Ratten bekämpft.

Ueli Frei
Merken
Drucken
Teilen
Leo Handschins Desinfektionsapparat ist heute ein Museumsstück.

Leo Handschins Desinfektionsapparat ist heute ein Museumsstück.

Ueli Frei

«Nicht eintreten, in diesem Raum sind Giftstoffe am Wirken.» Der rot beschriftete Karton warnt unmissverständlich vor den giftigen Dämpfen, welche die für die Tuberkulose verantwortlichen Bakterien in Vorhängen, Möbeln, Bettzeug und Kleidern vernichten sollen. Der Raumgrösse entsprechend und genau nach Tabelle hatte Leo Handschin den Desinfektionsapparat mit Wasser und Formalin beschickt.

Bis Mitte der 1980er-Jahre bekämpften die amtlichen Desinfektoren die tödliche Infektionskrankheit. «Das war eine unangenehme Arbeit», erinnert sich Handschin. «Man arbeitete mit der Gasmaske.» 1974 übernahm er das Nebenamt des Desinfektors von Gelterkinden und von 16 weiteren Oberbaselbieter Gemeinden. Gleichzeitig amtete er als Stellvertreter seines Kollegen in Sissach.

Zur vom Bund koordinierten Ausbildung gehörte der Umgang mit den Desinfektionsmitteln und dem entsprechenden Gerät. «Vieles kam auch in der Armee zum Einsatz», erzählt Handschin mit einem Schmunzeln. Daran erinnert die massive Holzkiste, in der ein Verdampferkessel verstaut ist. Drei bis vier Mal pro Jahr musste Handschin ausrücken.

Wespen, Ratten, Mäuse

Meist war seine Arbeit allerdings weniger aufwändig. Die Leute riefen den Desinfektor wegen eines Wespennests auf dem Balkon oder zur Bekämpfung von Ratten und Mäusen. Einfache Ratschläge halfen oft, die Probleme zu lösen. «Ich machte nicht alles selbst», erzählt Handschin. Er riet den Leuten, Wespen oder Hornissen einfach in Ruhe zu lassen. «Im Winter verschwinden sie von alleine.»

Eine Behandlung wirke zudem selten abschliessend. «Schaben, Kakerlaken, Ameisen, Wespen und Hornissen kommen immer wieder», gibt Handschin zu bedenken. Meistens handle es sich nicht um mangelnde Hygiene. «Motten und Schaben schleppt man von draussen ins Haus», erklärt er. Unkenntnis sei oft die Ursache für Schädlingsbefall. Der Kanton schrieb vor, wie viel der Desinfektor verrechnen durfte.

Gasmaske selber gekauft

Die Kosten seiner Arbeit wurden nach Stundenaufwand und nach der Anzahl zu behandelnden Kubikmeter berechnet. «Die Entschädigung war bescheiden», erzählt Handschin. Schutzkleidung und Gasmaske bezahlte er aus eigener Tasche.

Trotz allem: «Ich möchte dieses Amt nicht missen», sagt Handschin. Der Kontakt zu den Menschen und die vielen Erlebnisse haben sein Leben bereichert. «Ich konnte der Allgemeinheit einen Dienst erweisen.» Von Handschins Nebenamt profitierte auch das Hallen- und Freibad in Gelterkinden. «Die Hygiene spielt hier eine grosse Rolle.»

Mit dem seit 2008 geltenden neuen Gesundheitsgesetz wurde das Amt des Desinfektors aufgehoben. Schon vor zwei Jahren bat der heute 74-jährige Leo Handschin die Gemeinde, ihn auch aus Altersgründen zu entlassen. Am 31. Dezember 2011 verabschiedete die Gemeinde Gelterkinden ihren Desinfektor nach 37 Jahren im Amt.