Regierung Baselland
Mitte-Links bittet Jourdan um Kandidatur, weil SP ausgelaugt ist

Kein rot-grüner Kandidat, sondern ein EVPler: Thomi Jourdan will in die Fussstapfen des verstorbenen Peter Zwick treten und tritt gegen Kronfavorit Anton Lauber an. Die SP sei personell und finanziell ausgelagt, sagte Präsident Martin Rüegg.

Bojan Stula
Merken
Drucken
Teilen

Kein geheimnisvoller Quereinsteiger mit grünem Parteibüchlein, wie gestern in diversen Medien kolportiert, sondern ein junger Muttenzer EVP-Gemeinderat ist der Gegenkandidat von Anton Lauber in der Regierungsratsersatzwahl am 9. Juni: Der 38-jährige Thomi Jourdan wurde gestern in Liestal als von SP, Grünen und GLP unterstützter Anwärter auf die Nachfolge des verstorbenen Peter Zwick vorgestellt.

Kommentar: Wie ein Deus ex Machina

n Für die Baselbieter SP kommt die Regierungsratskandidatur des Muttenzer EVP-Gemeinderats Thomi Jourdan einem Geschenk des Himmels gleich. Sie kann sich jetzt voller Überzeugung hinter den jungen Mittekandidaten stellen und von dessen Achtungserfolg, den Jourdan am 9. Juni zweifellos verbuchen wird, eine Scheibe abschneiden. Nach geschlagenem evangelisch-katholischen Wahlduell wird vergessen sein, dass die Sozialdemokraten nach der gewaltigen Niederlage von Eric Nussbaumer am Sonntag personell und finanziell zu «platt» gewesen sind, um in diesem Jahr nochmals zu einer Regierungsratsersatzwahl anzutreten - für die zweitgrösste Partei im Landkanton ein bitteres Los.

In der Theatersprache kommt Jourdan deshalb für die SP einem Deus ex Machina gleich, dem plötzlich auftauchenden unverhofften Retter aus einer ausweglosen Situation. Dieser Mitte-Flirt verschafft der SP das, was sie jetzt an ihrem Tiefpunkt am nötigsten braucht: genug Zeit, um neue Kräfte und Moral für die Gesamterneuerungswahlen von 2015 zu sammeln. Nachdem durch Nussbaumers Nichtwahl für SP-Bildungsdirektor Urs Wüthrich keine taktische Notwendigkeit mehr besteht, 2015 nochmals anzutreten, müssen die Genossinnen und Genossen die nächsten eineinhalb Jahre dafür einsetzen, ein möglichst starkes gemischtgeschlechtliches Zweierticket für die Wüthrich-Nachfolge aufzubauen. Bis dahin überlässt die SP Thomi Jourdan die Plattform, sich für höhere Aufgaben zu empfehlen. Wobei es beinahe ausgeschlossen ist, dass das Baselbiet in absehbarer Zukunft einen EVP-Regierungsrat sehen wird, so sympathisch frisch Jourdans Kandidatur auch sein mag.

Gleichzeitig schlossen SP und Grüne aus, mit eigenen Kandidaten gegen Allschwils Gemeindepräsidenten Lauber, den Vertreter der Bürgerlichen Wahlallianz aus SVP, FDP, CVP und BDP, anzutreten. Im Gegensatz zum «verkappten Rechten» Lauber sei Jourdan ein echter Vertreter der Mitte, der für das Regierungsamt Sachkompetenz in Wirtschafts- und Gesundheitsfragen mitbringt: Dies betonten die Parteipräsidenten im Unterstützungskomitee.

«Thomi Jourdan bringt berufliche Kompetenz in Wirtschafts- und Gesundheitsfragen mit. Also genau das, was das Baselbiet momentan am dringendsten braucht und Anton Lauber nicht vorweisen kann», wirbt Klaus Kirchmayr. Der Fraktionschef der Grünen im Landrat übernimmt vorerst für Thomi Jourdan die Rolle des Wahlkampfleiters.

EVP-Präsident Urs von Bidder nannte Jourdan den «denkbar idealen Kandidaten aus der politischen Mitte». Es gehe darum, eine «wirkliche und demokratische Wahl zu ermöglichen». Es sei «kein gangbarer Weg, dass man das dem Stimmbüger das vorenthalten will», sagte er in Anspielung auf Wahlabsprachen von CVP, FDP und SVP.

Jourdan steht im Clinch mit FDP-Pegoraro

Auch sonst kann der 38-jährige Muttenzer EVP-Gemeinderat auf ein illustres Unterstützungskomitee zählen: Neben den Parteipräsidenten von SP, Grünen, GLP und EVP ist er besonders auf den Namen Marco Fischer stolz, den Ex-Vizepräsidenten der Handelskammer beider Basel. Dem Wahlvolk soll das signalisieren, dass Jourdan durchaus als Mann der Wirtschaft durchgehen kann. Momentan arbeitet der studierte Ökonom und vierfache Familienvater als Personalchef und Kadermitglied im Basler Felix-Platter-Spital. Von 2000 bis 2007 war er als Streetworker in Liestal unterwegs.

Trotz seiner Jugendlichkeit ist Jourdan alles andere als ein politisch unbeschriebenes Blatt: Von 2001 bis 2009 sass er acht Jahre lang im Landrat, wo er Mitglied der Finanzkommission war. Seit 2008 ist er Gemeinderat und Bauchef in seiner Wohngemeinde Muttenz; als einer von ganz wenigen EVP-Exekutivmitgliedern im Landkanton.

Zuletzt machte Jourdan durch seinen Clinch mit FDP-Baudirektorin Sabine Pegoraro in der Frage eines Gaskombikraftwerks auf Muttenzer Boden von sich reden; ein Projekt, das er bereits im Ansatz verhindern will. Für alle Lauber-Gegner stellt er das ideale Gegengewicht dar; für moderate Bürgerliche ebenso wählbar wie für das rot-grüne Spektrum.

Unterstützung für Jourdan muss von Parteibasis noch abgesegnet werden

Etwa vor einem Monat seien die Präsidenten von SP, Grünen und GLP wegen einer Regierungskandidatur auf ihn zugekommen, erzählt Jourdan die Geschichte hinter dem Überraschungscoup. Es habe mehrere Tage des Nachdenkens gebraucht, bis er sich zu diesem Schritt entschloss. Die EVP dagegen habe nicht einmal im Traum daran gedacht, sich um ein Regierungsamt zu bewerben.
SP-Parteipräsident Martin Rüegg bestätigt, dass er selbst im Falle eines Wahlsiegs von Eric Nussbaumer Jourdan unterstützt hätte, weil «die Mittebezeichnung für Anton Lauber einen Etikettenschwindel darstellt».

Wie sieht es mit CVP-EVP-Zusammenarbeit im Landrat aus?

CVP-Parteipräsidentin Sabrina Mohn habe es ja selbst gesagt, dass es einen Unterschied zwischen der Fraktionsarbeit im Parlament und dem Parteiverhalten bei Wahlen gibt. «Nun spielen wir dasselbe Spiel nach ihren Regeln», sagt der Bubendörfer EVP-Landrat Alain Tüscher im Hinblick auf mögliche Auswirkungen der Jourdan-Kandidatur auf die Zusammenarbeit innerhalb der CVP/EVP-Fraktion. Gingen die Meinungen der beiden Fraktionspartner zuletzt bei der Unterstützung von SVP-Kandidat Thomas Weber auseinander - die EVP setzte auf SP-Mann Eric Nussbaumer -, steht den Christlichen nun sogar eine direkte Wahlkampfkonfrontation bevor. «Natürlich könnte das Auswirkungen auf die Fraktionsarbeit haben», vermutet EVP-Parteipräsident Urs von Bidder, «doch sind wir eine unabhängige Partei und an niemanden Gängelband angebunden.» (bos)

Mit Lauber in der Regierung würde sich der Rechtsrutsch nach Thomas Webers Wahl bloss verstärken, und «es wäre für den Kanton ein Armutszeugnis, wenn das Baselbiet am 9. Juni keine echte Wahl hätte». Wie bei Rüeggs Amtskollegen Florence Brenzikofer (Grüne) und Hector Herzig (GLP) ist die Unterstützung von Jourdan vorerst eine präsidiale Angelegenheit, die von den Parteibasen zuerst noch abgesegnet werden muss.

Lauber reagiert gelassen

Im gleichen Atemzug gibt Rüegg zu, dass die SP personell und finanziell ausgelaugt ist, um im Kampf um die Zwick-Nachfolge noch eingreifen zu können. Deshalb darf Jourdan nun in die Rolle des offiziellen rot-grünen Gegenkandidaten zum Bürgerlichen Anton Lauber schlüpfen.

Sich selbst bezeichnet Jourdan als richtigen Mann «für die grossen Herausforderungen, vor denen das Baselbiet steht». Er sei wirklich unabhängig, seine Kandidatur kein Produkt irgendeines Parteienschachers. Seine Unterstützer loben ihn als den einzig wahren Mittekandidaten in diesem Wahlkampf. Davon gibt sich Jourdans Rivale Anton Lauber vorerst unbeeindruckt: «Ich mache mir wegen seiner Kandidatur keine grossen Sorgen, nehme ihn aber ernst.»