Gemeindewahlen
Multi-Millionär Klaus Endress liebäugelt mit dem Präsidium

Der Mann mit der Fliege überrundete am Sonntag den Reinacher Gemeindepräsident Urs Hintermann klar - und spielt nun mit dem Gedanken, diesen herauszufordern.

Benjamin Wieland
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Bei einer Wahl würde Klaus Endress (FDP) die jahrzehntelange SP-Herrschaft im Reinacher Gemeinde-Präsidium beenden.

Bei einer Wahl würde Klaus Endress (FDP) die jahrzehntelange SP-Herrschaft im Reinacher Gemeinde-Präsidium beenden.

Roland Schmid

Daran muss sich Urs Hintermann erst noch gewöhnen. Seit er 2004 zum Reinacher Gemeindepräsidenten gewählt wurde, musste er sich nie mehr einer Kampfwahl stellen. 2008 und 2012 wurde der Sozialdemokrat jeweils in stiller Wahl bestätigt. Diesen Sommer könnte jedoch alles anders sein. Denn Hintermann ist gewichtige Konkurrenz erwachsen: Klaus Endress. Der FDP-Politiker und Unternehmer (Markenzeichen: die Fliege) überlegt sich eine Kandidatur.

Überrundet hat er den Amtsinhaber bereits – zumindest bei den Stimmenzahlen: Am Sonntag vermeldete das Wahlbüro 3588 Wahlzettel mit Endress’ Name, der 66-jährige erzielte fast 700 Stimmen mehr als Urs Hintermann (2909 Stimmen) und verwies diesen auf Rang zwei.

Erst seit 2014 im Gemeinderat

Er messe dem Resultat grosse Bedeutung bei, sagt Endress zur bz. «Fast 70 Prozent der Reinacherinnen und Reinacher, die einen gültigen Wahlzettel einwarfen, haben auch meinen Namen notiert. Ich muss dieses Votum natürlich sehr ernst nehmen!» Auch Urs Hintermann anerkennt das gute Abschneiden seines Gemeinderats-Kollegen: «Das ist ein beachtliches Resultat von Endress. Vor allem, wenn man bedenkt, dass er ja erst seit eineinhalb Jahren im Gremium sitzt.»

Endress rückte im September 2014 für seinen zuvor im Amt verstorbenen Parteikollegen Hans-Ulrich Zumbühl in die Gemeindeexekutive nach. Bis dahin hatte Endress über zwei Jahrzehnte für die FDP im Ortsparlament, dem Reinacher Einwohnerrat, politisiert. Schon vor seinem Einzug in den Gemeinderat hatte der Wirtschaftsingenieur sein Interesse fürs Präsidium kundgegeben, seine Aussagen später jedoch wieder relativiert.

Urs Hintermann macht deutlich, dass er gewillt ist, eine weitere Amtszeit als Präsident der zweitgrössten Gemeinde im Baselbiet anzuhängen. Er habe einen grossen Leistungsausweis und viel Erfahrung vorzuweisen, sagt der 61-jährige Biologe und Unternehmer zur bz: «Ich habe von niemandem gehört, dass ich irgendetwas falsch gemacht hätte. Reinach geht’s gut, ist stark, wird wahrgenommen, hat einen hervorragenden Ruf.»

Jahrzehntelange SP-Herrschaft beenden

Auch gibt Hintermann zu Bedenken, dass die Resultate vom Sonntag mit Vorsicht zu geniessen seien: «Bei den Wahlen in den Gemeinderat können sie eine Auswahl aus bis zu sieben Namen treffen. Bei der Wahl ins Präsidium muss man sich für eine Person entscheiden. Die Karten werden neu gemischt.» Anders deutet die Zahlen Klaus Endress. Zwar lobt er die Verdienste von Hintermann. In Sachen Städtebau und Birsstadt etwa habe dieser «viel erreicht.» Trotzdem könne man den Wahlausgang so deuten, dass die Wählerinnen und Wähler «den Wechsel wollen».

Endress spielt damit auf die mittlerweile 26 Jahre an, während denen die SP das Gemeindepräsidium inne hat. 1990 wurde Eva Rüetschi, als erste Frau überhaupt, zur Reinacher Gemeindepräsidentin gewählt; 2004 setzte sich Hintermann gegen Hans-Ulrich Zumbühl durch.

«Müsste mich gut organisieren»

Gestern Abend besprach Endress seine mögliche Kandidatur an der Vorstandssitzung der FDP-Ortssektion. Und heute tagt der Reinacher Gemeinderat. Auf der Traktandenliste stehen auch hier allfällige Wahlen fürs Präsidium, die am 5. Juni abgehalten würden (Nachwahlen am 26. Juni).

Das Amt entspricht einem 50-Prozent-Pensum, wobei die tatsächliche Präsenzzeit erheblich höher ist. «Ich müsste mich also zeitlich gut organisieren», sagt Klaus Endress. Er ist Verwaltungsratspräsident von Endress + Hauser, dem international tätigen Anbieter von Messgeräten. Bis 2014 war er CEO des Unternehmens, das sich in Familienbesitz befindet.

In dieser Hinsicht sind sich Endress und Hintermann gleich: Auch er war bei der von ihm mitaufgebauten Umweltberatungsfirma Hintermann & Weber AG Mitglied der Geschäftsleitung. 2012 zog er sich aus dieser zurück – im Verwaltungsrat sitzt jedoch auch er nach wie vor.