Fessenheim
Münchenstein schreibt François Hollande

Atomenergie In einem Offenen Brief fordert die Gemeinde den neuen französischen Präsidenten auf, das AKW Fessenheim abzuschalten.

Benjamin Rosch
Merken
Drucken
Teilen
Das AKW Fessenheim mit dem Rheinseitenkanal.

Das AKW Fessenheim mit dem Rheinseitenkanal.

Keystone

Im Wahlkampf um das französische Präsidentenamt versprach François Hollande, sofort das dienstälteste AKW in Fessenheim abzuschalten. Drei Monate nach dem Antritt ist aber noch nichts geschehen. Das ärgert die Gemeinden im benachbarten Umland. Schon lange hatten sich diese zu einem grenzübergreifenden Bündnis zusammengeschlossen und wiederholt die Stilllegung des Kraftwerks am Rheinufer gefordert.

Bewusste Umgehung der Dienstwege

Münchenstein, Mitglied dieses trinationalen Atomschutzverbandes (Tras), geht jetzt einen Schritt weiter. In einem Offenen Brief, adressiert an den französischen Präsidenten, fordert Münchenstein den Vorsteher der Republik auf, seinem Versprechen nachzukommen. So heisst es im Text: «In diesem Schreiben wird (...) darum gebeten, noch in diesem Jahr einen Beschluss zur definitiven Schliessung des AKW zu fassen.» Münchenstein umgeht mit dieser Forderung die normalen Dienstwege der Bundesdiplomatie. Dessen bewusst ist sich auch Simon Eglin, Leiter Öffentlichkeitsarbeit der Gemeinde Münchenstein: «Wir wollen dieses Thema wieder auf das Parkett bringen.»

Angst vor Arbeitslosigkeit

Natürlich geschehe das mit einem gewissen Augenzwinkern. «Wir sind uns bewusst, dass unser Brief nicht die wichtigste Pendenz auf dem Bürotisch von Monsieur Hollande ist», sagt Eglin weiter. Man sei mit dem Offenen Brief aber auch einer Weisung des Tras gefolgt. Diese forderte die Mitgliedsgemeinden dazu auf, sich direkt und unabhängig vom Verbund an die französische Regierung zu wenden, um den eigenen Interessen Nachdruck zu verleihen.

Allem Anschein nach dürfte Frankreich diesen in nächster Zeit aber nicht nachkommen. Beim Nachbarn rechnet man nicht damit, dass Fessenheim demnächst vom Netz genommen wird. Die Betreiberin Électricité de France investierte in den letzten Jahren zirka 380 Millionen Euro in die sanierungsbedürftige Anlage. Bei der Wahl hatte das Elsass weitgehend für Nicolas Sarkozy gestimmt, der sich für eine Weiterführung des Betriebs in Fessenheim bis 2037 stark machte. Die Angst vor der Arbeitslosigkeit Hunderter Mitarbeiter in der Region um Fessenheim bei einer Abschaltung ist gross.

Störungsanfälliges Kraftwerk

Dennoch ist klar, dass Handlungsbedarf besteht. Der 1977 fertiggestellte Bau ist nicht nur das älteste, sondern auch das störungsanfälligste Kernkraftwerk Frankreichs. Darüber hinaus liegt es nur 50 Kilometer von der Agglomeration Basel entfernt in einem erdbebengefährdeten Gebiet. Alleine seit 2009 musste jedes Jahr mindestens einer der zwei Reaktorblöcke kurzzeitig heruntergefahren werden. Das Thema eint Münchenstein: Obwohl im Gemeinderat das politische Spektrum von SP bis SVP vertreten ist, sprachen sich alle Mitglieder für diese Massnahme aus.