Erfolgsgeschichte
Münchensteiner Erfindung weist Millionen New Yorkern täglich den Weg

Sie ist weltweit nicht mehr wegzudenken, ist Grundlage für viele Firmenlogos und ziert Shirts, die in aller Welt getragen werden: Die Schrift Helvetica. Was viele nicht wissen, Helvetica ist eine Münchensteiner Erfindung.

Michel Ecklin
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Szene aus dem Film «Helvetica» aus dem Jahr 2007. Das Bild zeigt Lettern im Museum of Modern Art in New York.
13 Bilder
Viele Firmen benützen für ihr Logo die Schrift Helvetica. Hier einige Beispiele: SBB
Toyota
Panasonic
Microsoft
Jeep
Kawasaki
3M
BASF
American Airlines
Die Münchensteienr Schrift Helvetica ist überall.
Auch in der Mode - gerade für T-Shirt-Aufdrucke - wird Helvetica gerne verwendet, wie hier bei diesem Beatles-Fanshirt.
Die Beatles selbst benutzen die Münchnesteiner Schrift auf ihrem Plattencover.

Szene aus dem Film «Helvetica» aus dem Jahr 2007. Das Bild zeigt Lettern im Museum of Modern Art in New York.

Keystone

4,9 Millionen Menschen benützen täglich die New Yorker U-Bahn – und keiner davon kommt darum herum, eine Münchensteiner Erfindung anzuschauen. Denn im New Yorker Untergrund ist alles mit einer Schrift angeschrieben, die in Münchenstein erfunden wurde: mit der Helvetica.

Und dies ist nur eines von unzähligen Beispielen weltweit für die Allgegenwärtigkeit dieser wohl neutralsten aller Schriften. Es gibt nichts Gedrucktes, wo sie nicht angewendet worden wäre. Wer durch eine Stadt läuft, sieht alle zwei Meter Helvetica. Die Logos von unzähligen Firmen, vom Multi bis zur Einpersonenbude: Helvetica. Hinweisschilder: Helvetica. Sogar Coca-Cola verwendet sie neben dem geschwungenen Markensignet. Vermutlich sieht weltweit eine Mehrheit der Menschen mindestens ein Mal pro Tag Wörter und Texte mit den schlicht gehaltenen Lettern (Beispiele oben in der Bildergalerie).

Ihren Siegeszug begann die Schrift im Jahr 1957, im unscheinbaren Heiligholz-Quartier. Wo heute die Steiner-Schule ist, befand sich die Haassche Schriftgiesserei, ein Unternehmen mit Wurzeln im 17. Jahrhundert. Der Grafiker Max Miedinger (1910–1980) erhielt die Aufgabe, das Schriftenangebot der Firma zu erweitern. Er tat dies an seinem Münchensteiner Schreibtisch in der Tradition der Schweizer Typografie, die in der Zwischenkriegszeit im Laufe der Bauhausbewegung entstanden war. Sachlich, einfach, luftig sollte die Schrift werden. Für Miedinger war es keine Frage, dass er auf Serifen («Füsschen») verzichten würde. Stattdessen setzte er auf universelle Verwendbarkeit. Deshalb kann man Helvetica besonders leicht im gleichen Dokument in unterschiedlichen Grössen und Dicken verwenden.

Ab 1960 wurde sie rasch zur beliebtesten füsschenlosen Schrift weltweit, dank der Vermarktung durch die Frankfurter Schwesterfirma Stempel. Grafiker ersetzten mit dieser universell einsetzbaren Schrift das bisherige Schriftenwirrwarr. Zeitweise kam die Haassche Schriftgiesserei nicht mit dem Liefern der damals noch in Metall gegossenen Schriftsätze nach. 1989 verschwand die Firma, aber ihr bekanntestes Produkt überstand den Sprung ins Computerzeitalter. Kein Betriebssystem kommt ohne sie aus.

«Schrift des Vietnamkriegs»

Zwischenzeitlich geriet sie allerdings in Verruf, nämlich im gesellschaftlichen Aufbruch Ende der 1960er- und am Anfang der 1970er-Jahre. Da galt Helvetica als konservativ und seelenlos. Im Film «Helvetica» zum 50-Jahr-Jubiläum 2007 ist sogar die Rede von der «Schrift des Vietnamkriegs». Deutlich wurde der Wandel auf den Plattenhüllen der Beatles: Zuerst verwendeten sie Helvetica, in ihrer Spätphase blumige Fantasiebuchstaben.

Heutzutage löst die Schrift aus Münchenstein gemischte Gefühle aus. Manche sehen in ihr eine zeitlose Perfektion, die oft, aber nur schlecht kopiert wird. Anderen gilt sie als einfallslos: Sie ist einfach zu allgegenwärtig. Geschätzt wird sie von Laien, die vor der riesigen Schriftauswahl ihres Computers kapitulieren. Mit Helvetica kann man eben nichts falsch machen. Da ist es nur logisch, dass sie den Namen des neutralsten Landes der Welt trägt. Den erhielt sie allerdings in Frankfurt, von den Marketing-Leuten der Firma Stempel. Man befand «Helvetica» für kommerziell vielversprechender als die ursprüngliche Fachbezeichnung «Neue-Haas Grotesk».

Verwaltung schreibt in Helvetica

In Münchenstein erinnert heute nicht mehr an die Helvetica als anderswo. Immerhin verfasst die Gemeindeverwaltung öffentliche Dokumente mit ihr – vermutlich ohne grosse Überlegung –, wie Abermillionen andere Computer-User auch.

Kaum auszudenken, was mit Münchenstein passiert wäre, hiesse das berühmteste Lokalprodukt «Münchensteinia».

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