Geringe Nachfrage
Muslimische Grabfelder werden in der Schweiz kaum genutzt

Die einstige Aufregung hat sich längst gelegt, die Gemeinden zeigen sich heute vom Entscheid für muslimische Grabfelder überzeugt. Muslime lassen sich jedoch lieber in ihren Heimatländern bestatten.

Daniel Ballmer
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In den vergangenen zehn Jahren sind in Liestal keine fünf muslimischen Gräber genutzt worden.

In den vergangenen zehn Jahren sind in Liestal keine fünf muslimischen Gräber genutzt worden.

Kenneth Nars

Die Reaktionen waren heftig, als der Liestaler Stadtrat im Frühling 2007 bekannt gegeben hatte, auf dem Friedhof ein eigenes Grabfeld für Muslime errichten zu wollen. Die Emotionen kochten hoch. Gehässige Leserbriefe und sogar Morddrohungen waren an der Tagesordnung. Selbst der Einwohnerrat musste unter Polizeischutz tagen.

Knapp zehn Jahre sind seither vergangen. Die Gemüter haben sich längst beruhigt. Für die Öffentlichkeit sind die Muslimgräber schon lange kein Thema mehr. Und offensichtlich nicht nur für die Öffentlichkeit: «Die Gräber werden von den Muslimen kaum genutzt», sagt Stadtrat Daniel Spinnler. Insgesamt 150 Grabfelder wurden ausgeschieden. In den zehn Jahren seien weniger als fünf Gräber genutzt worden. «Der Stadtrat ging damals davon aus, dass immer mehr Muslime in der Gemeinde leben und der Bedarf entsprechend steigt», erklärt Spinnler. «Nun zeigt sich: Das ist gar kein so Riesenthema.»

Eine Bestattung in zehn Jahren

Liestal bildet hier keine Ausnahme. Schweizweit werden die muslimischen Grabfelder, die es heute in rund 30 Gemeinden gibt, wenig genutzt. Das zeigt auch eine Umfrage in der Region Basel: Von den rund 100 Gräbern für Muslime ist bis heute erst eines belegt. So gilt für die Gemeinde Pratteln: Seit der Einführung der beiden nach Geschlechtern getrennten Grabfelder im Jahr 2010 liess sich lediglich ein Muslim nach islamischem Ritus bestatten.

Und selbst in Basel sind die Zahlen nicht gross. Auf den zwei nach Mekka ausgerichteten Flächen mit insgesamt 501 Grabfeldern erfolgten in den vergangenen gut zehn Jahren insgesamt 73 Beisetzungen – also rund sieben pro Jahr. Ein möglicher Grund für die tiefen Zahlen könnte sein, dass vielen Muslimen das Angebot gar nicht bekannt sei, vermutet Marc Lüthi, der Leiter Bestattungswesen bei der Basler Stadtgärtnerei. Doch es gibt auch noch andere Gründe.

Ein Grund ist beispielsweise die Generationenfrage. Viele Muslime der ersten Generation sind Migranten. Sie würden sich meist in ihrem Herkunftsland bestatten lassen, sagt der Sissacher Gemeindeverwalter Godi Heinimann. Sein Prattler Kollege Beat Thommen schätzt die Quote auf stattliche 80 bis 90 Prozent.

Bestätigt wird das von Enver Fazliji, der im Kanton Solothurn ein muslimisches Bestattungsunternehmen führt: «Meine Aufträge für Rückführungen nehmen jedes Jahr um 10 bis 15 Prozent zu», wurde er vor kurzem in der «Sonntagszeitung» zitiert. Insgesamt wurden im vergangenen Jahr gut 800 verstorbene Muslime von der Schweiz in ihre Heimatländer zurückgeführt und dort beerdigt. Tendenz steigend. Zusätzlich angekurbelt werde das Geschäft durch die tiefen Preise. Mittlerweile kostet eine Überführung je nach Land nur noch wenige tausend Franken.

Nicht alle Regeln eingehalten

Trotzdem glaubt der Prattler Gemeindeverwalter Thommen, dass sich das mit der zweiten und dritten Generation ändern werde. Das kann sich auch der Liestaler Stadtrat Spinnler vorstellen – wenn auch mit Einschränkungen: Denn auch auf den muslimischen Grabfeldern könnten nicht alle Regeln eingehalten werden. So gibt es keine ewige Grabesruhe. «Nach maximal 25 Jahren werden die Gräber aufgelöst», sagt Spinnler, «das wollen nicht alle Angehörigen.»

Vom Entscheid für muslimische Grabfelder zeigen sich die Gemeinden dennoch überzeugt. Es diene der Rücksicht auf andere Religionen und deren Rituale, zeigt sich Heinimann überzeugt. Das sieht Thommen genauso: «Die muslimische Bevölkerung soll die gleichen Rechte und Möglichkeiten haben wie alle anderen», sagt der Prattler Gemeindeverwalter. Komme hinzu, dass für die ausgeschiedenen Grabfelder ohnehin keine Investitionen nötig gewesen seien, ergänzt Spinnler. «Wir bieten aber keine Sonderlösungen», sagt der Liestaler Stadtrat. «Das Friedhofsreglement gilt letztlich für alle gleichermassen.»