Nach dem Hochwasser
Muttenzer Gemeindepräsident: «Die Bevölkerung erwartet jetzt Signale von uns»

Die heftigen Regenfälle am Wochenende trafen Muttenz erneut hart. Nach der Verwüstung, die die Unwetter an Pfingsten anrichtete, müssen die Muttenzer erneut aufräumen. Der Gemeinderat erwägt Sofortmassnahmen.

Andreas Hirsbrunner
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Der Dorfkern von Muttenz wurde am Samstagnachmittag das zweite Mal innerhalb von sechs Wochen geflutet. Keystone

Der Dorfkern von Muttenz wurde am Samstagnachmittag das zweite Mal innerhalb von sechs Wochen geflutet. Keystone

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Der Muttenzer Gemeindepräsident Peter Vogt kann es kaum fassen: «Ich bin in Muttenz aufgewachsen. Aber zwei solche Hochwasser wie jetzt innerhalb von sechs Wochen habe ich noch nie erlebt. Da fühlt man sich machtlos.»

Hochwasser in Muttenz
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Am Samstag vor dem Pfingstsonntag 2016 sah es so aus.
Am 26. Juni 2016 wiederholte sich die Szenerie.
Lange ging gar nichts mehr.
Einige Liegenschaften wurden arg in Mitleidenschaft gezogen.
Die Aufräumarbeiten dauerten jeweils mehrere Tage.
Ein mutiger Velofahrer.
Die Gemeinde richtete eine Hotline ein, unter der Betroffene ihre Schäden melden konnten.
Für die Kinder war das Hochwasser auch etwas Aufregendes.
Die Wehrkirche wurde gleich von zwei Seiten umspült.
Ein Brautgeschäft erwischte es übel. Etliche Brautkleider versanken in der Brühe.
Die Tramlinie 14 war bei beiden Ereignissen jeweils lange unterbrochen.
Auch Sandsäcke halfen nichts gegen die Fluten.
Nochmals ein Bild aus dem Brautgeschäft.
Diese Anzüge können nicht mehr vermietet werden.

Hochwasser in Muttenz

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Die erste Flut überschwemmte Muttenz an Pfingsten, die zweite am Samstagnachmittag. Die sintflutartigen Niederschläge machten all die kleinen Wässerlein im Gebiet Egglisgraben-Schönmatt zu reissenden Bächen, der Dorfbach konnte die Wassermassen nicht fassen und überschwemmte das «Epigebiet», so Vogt, Gempengasse-Oberdorf und danach die Hauptstrasse bis zum Kreisel beim Coop.

Vogt will Gas geben

Was Vogt besonders frustriert: «Es hat wieder genau die Gleichen getroffen wie an Pfingsten. Sie haben zum Teil eben erst neue Heizungen und Waschmaschinen installiert, die sie jetzt wieder auswechseln müssen.» Im «Epizentrum» waren das Keller und Wohnräume vor allem von Einfamilienhäusern, an der Hauptstrasse auch diverse Geschäfte.

So auch wieder das Brauthaus Plüss, das am Tag des Wiedereröffnungs-Apéros erneut geflutet wurde, wie der Baselbieter Polizeisprecher Roland Walter sagte.

Insgesamt habe es am Samstagnachmittag mehrere 100 Notrufe gegeben. Allein 80 Meldungen seien aus Muttenz gekommen, wo 130 Helfer im Einsatz standen. Als zweites Schwerpunktgebiet bezeichnet Walter den Raum Sissach-Gelterkinden, von wo 50 Meldungen eingingen.

Also wieder Muttenz, wo das Pfingst-Hochwasser mittlerweile zu einem Politikum geworden ist. Dies, weil ein schon mehrere Jahre altes Projekt, das die Wasserableitungskapazität des Dorfbachs wesentlich erhöhen soll, noch nicht umgesetzt wurde. Vogt hat bereits vor dem neusten Hochwasser angekündigt, dass der Baustart im Spätherbst erfolge. Doch das ist nicht mehr sakrosankt. Vogt: «Ab Montag erfolgt die vierwöchige Planauflage. Wenn keine Einsprachen eingehen, erwägt der Gemeinderat, den Baustart vorzuziehen.»

Grosses Aufräumen in Muttenz nach dem Hochwasser vom Pfingst-Samstag.
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Klaus Hüsler konnte gerade noch rechtzeitig Sandsäcke stapeln: Sein Haus blieb trocken.
Hochwasser in Muttenz
Die Wehrkirche St. Arbogast besass kurzzeitig einen Wassergraben.
Der freischaffende Illustrator Stefan Niederhauser sah sich schon in Venedig ...
Verschlammte Möbel landen in Mulden.
Noch immer ist der Höchstwasserstand an der «Dreckmarke» zu sehen.
In der Wohnung riecht es noch immer übel nach Schlamm.
Dutzende Zivilschützer sind mit dem Räumen von gefluteten Wohnungen und Kellern beschäftigt.
Der ehemalige Weinkeller von Peter Burgener: Flasche für Flasche muss er reinigen.
Dass fast alle Flaschen noch heil sind, freut den Pensionär.
Im Kellergeschoss stand das Wasser bis an die Decke.
Auch Nachbarn helfen mit.
Wie man sieht, hätte man im Keller den Kopf kaum über Wasser halten können.

Grosses Aufräumen in Muttenz nach dem Hochwasser vom Pfingst-Samstag.

Benjamin Wieland

Vogt will heute Montag auch mit dem Kanton Kontakt aufnehmen, um weitere Hochwasser-Schutzmassnahmen zu diskutieren. Denn die Massnahmen beim Dorfbach alleine genügten nicht. Vogt denkt an Verbauungen bei den kleinen Bächen im Naherholungsgebiet und im Wald ob Muttenz. Das Thema werde auch an der nächsten Gemeinderatssitzung am Mittwoch diskutiert: «Die Bevölkerung erwartet jetzt Signale von uns.»

Die Schadenssuppe finanziell auslöffeln muss die Basellandschaftliche Gebäudeversicherung. Die Frage deshalb an deren Direktor Bernhard Fröhlich, ob er Muttenz in Anbetracht der Häufung der Hochwasserschäden nun noch zusätzlich Beine machen will? Fröhlich antwortet: «Das Projekt mit den Präventionsmassnahmen ist bereit. Muttenz weiss, dass es vorwärtsmachen muss.» Einfach immer wieder Schäden zu zahlen, gehe nicht und wäre auch ungerecht jenen gegenüber, die die Hausaufgaben gemacht hätten.

Hochwasser kosten 25 Millionen

Die Gebäudeversicherung schaltete gestern Sonntag das Telefon frei und musste laut Fröhlich gegen 300 Schadensmeldungen vor allem aus Muttenz, Pratteln, Sissach, Gelterkinden, Ormalingen und Zeglingen entgegennehmen; Fröhlich rechnet mit bis zu 700 Schäden mit einer Summe zwischen fünf und sieben Millionen Franken. Zusammen mit den Hochwasser-Schäden von Pfingsten und jenen der vergangenen Tage ergebe das eine Summe von bis zu 25 Millionen Franken. Zum Versicherungsjahr 2016 kann Fröhlich deshalb schon heute sagen: «Das wird wesentlich schlechter als jenes von 2015.»

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