Stimmen-Festival
Mythos Orpheus als ein getanztes Ereignis

Im römischen Theater in Augst findet das Festival seinen Abschluss – mit dem Stück «Canto per Orfeo». Doch wegen dem Wetter fällt die heutige Vorstellung aus. Morgen gibt es dafür eine Extra-Runde.

Nikolaus Cybinski
Merken
Drucken
Teilen
Valerio Longo (Orfeo) und Charlotte Faillard (Euridice): Ihre Körpersprache wird Gesang. Juri Junkov

Valerio Longo (Orfeo) und Charlotte Faillard (Euridice): Ihre Körpersprache wird Gesang. Juri Junkov

Der legendäre Sänger erschien in antiker Zeit aus unbekannter Ferne, blieb eine Zeit lang unter den Menschen, erlöste mit seinem Gesang Eurydike vom Tode, verlor sie erneut, fiel in masslose Trauer und entschwand in göttlicher Auffahrt in die Ferne seiner Herkunft. Unter diesen Gegebenheiten war es zur Premiere des «Canto per Orfeo» am Freitag dramaturgisch naheliegend, dass Fritz Näfs Basler Madrigalisten vom Hügel herabkommend langsam auf das antike Theater zuliefen, es jedoch nicht betraten, sondern hinter der Bühne stehen blieben und, begleitet von einem kleinen Instrumentalensemble, eine Kürzestfassung von Claudio Monteverdis favola in musica «L ́Orfeo» sangen.

Stimmen von suggestiver Gewalt

Das Thema war damit vorgegeben und fand anschliessend seine Ausschmückung in der expressiven Sprache des Tanzes, anders gesagt in der fantastischen Performance der Compagnia Aterballetto aus Reggio Emilia. Choreograf Mauro Bigonzetti suchte, wie er sagt, nach neuen Wegen, den Mythos Orpheus «aktuell und lebendig für die Gegenwart» zu erzählen, und das glückt ihm in immer neuen überraschenden und zwingenden Bildern der gesamten Compagnia, vor allem aber im virtuosen Tanz seiner beiden Solisten: Valerio Longo (Orfeo) und Charlotte Faillard (Euridice). Ihre Körpersprache wird Gesang und in ihm erfüllt sich ihre Liebe, in ihm werden sie eins in ihrem Glück wie in ihrem Unglück.

Gesteigert wird das Geschehen durch die Musik von «Kitarodia», das sind der Akkordeonspieler Antongiulio Galeandro und die beiden Sängerinnen Christina Vetrone und Lorella Monti. Der herrliche Klang ihrer Stimmen ist von suggestiver Gewalt, die ihre Berichte in wilde Klagen verwandelt und im Zusammenspiel mit den Tänzern beweist, dass es hier um Leben und Tod geht. Am Ende geht alles zu Bruch: die 24 rostfarbenen Ölfässer, die Carlo Cerri als reale und mobile Welt auf die Bühne gestellt hatte, krachen aneinander und verharren in heilloser Unordnung.

Ohne versöhnliches Ende

Damit war der Epilog thematisch eröffnet: Hans Werner Henzes fünf A-cappella-Gesänge «Orpheus behind the Wire» (Orpheus hinter dem Stacheldraht) nach Texten des Briten Edward Bond (geb. 1934). Die Madrigalisten sangen sie vom obersten Rand des Theaters und verwiesen damit zum einen auf die Ferne, aus der Orpheus einst kam und in die er ging, liessen zum andern aber keinen Zweifel daran, dass sie keine Auffahrt zu den Sternen ist, sondern tatsächlich bedrängende Nähe ohne versöhnendes Ende. «When Euridice had been killed / killed Orpheus...» (Als Eurydike getötet war / Da starb auch Orpheus..., in Henze Übersetzung), das heisst, sein «singen zähmt keine Bestien»,/...sein «singen ist einfach / Es macht diesen Klang.» Doch den zu hören, «schwer bedrückt vom Gewicht unsrer Welt», sehnen wir uns nach Musik von der «Sanftmut des Orpheus», denn mit ihr verwandelt sich die Welt und lernt wieder, von «triumph» und «freedom» zu singen.

In dieser Zuversicht schloss das Stimmen-Festival, und das war ein schöner Schluss. Langer, begeisterter Beifall für Sänger und Tänzer, die sich auf der Bühne versammelten als wollten sie sagen: Da sind wir alle noch einmal.