Soldaten-Idol
Nach der Versteigerung gehts aufwärts: Der Gilberte-Kult lebt

Lange sah es nicht gut aus für das Hôtel de la Gare, die Gaststätte, in der sich während des Ersten Weltkriegs die Wirtstochter Gilberte de Courgenay zum Soldatenliebling mauserte. Jetzt blüht der Betrieb wieder auf – auch dank Basler Hilfe.

Benjamin Wieland
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Benjamin Wieland

Eine Frechheit eigentlich, was sich die Komponisten erlaubten. Sie reimten «O, herrjeh!» auf «Courgenay» in «LaPetite Gilberte de Courgenay», dem bekanntesten Soldatenlied der Schweiz. Aber das «O, herrjeh!» gab wohl ziemlich genau die Gemütslage der Soldaten wieder, als sie in diesem Zipfel der Schweiz eintrafen, um sich, falls nötig, den Truppen des Deutschen Reichs in den Weg zu stellen.

O, herrjeh! Das hiess es auch im Juli 2015. Damals wurde bekannt, dass das Hôtel de la Gare unter den Hammer kommt, das Gasthaus am Bahnhof in Courgenay, wo sie gelebt und gewirtet hat, die legendäre Gilberte Montavon. Robert Schmidli, Mäzen mit Wurzeln in Gempen, war nicht mehr bereit, noch mehr Geld in die Stiftung zu pumpen, der die Liegenschaft gehörte. Es kam zur Zwangsversteigerung. Im Dorf war schon lange gemunkelt worden, dass der Betrieb wohl dichtmacht.

Vater war echter Jurassier

Doch die Versteigerung hatte einen guten Ausgang. Es geht aufwärts mit dem Haus, das einen nationalen Mythos beheimatet, an denen die Schweiz ansonsten nicht gerade reich ist. Den Zuschlag erhielten Evelyne und Bruno Bernasconi. Sie betreiben in Killwangen AG und Zürich eine Anwaltskanzlei, dazu kommt ein starkes Bein im Immobiliensektor.

Anne-Marie Blanc als Petite Gilberte (1941).

Anne-Marie Blanc als Petite Gilberte (1941).

Cinematheque Suisse

Evelyne Bernasconi-Mamie widmet sich seither hauptberuflich dem Betrieb. Sie absolvierte sogar das jurassische Wirtepatent, fast täglich pendelt sie derzeit von ihrem Wohnort Killwangen in die Ajoie.

«Wir wurden gut aufgenommen», sagt sie. Das habe auch damit zu tun, dass sie im Jura nicht als Deutschschweizerin wahrgenommen werde. «Französisch ist meine zweite Muttersprache, mein Vater stammte aus der Gegend, ich bin Bürgerin der Nachbargemeinde Alle und kenne die Mentalität der Leute hier. Das hilft.»

Die Erinnerung hochhalten

In den zwei Jahren seit dem Besitzerwechsel ist einiges geschehen. Die neuen Eigentümer sehen sich dem «patrimoine culturel» verpflichtet: Es sei ihr Auftrag, die Herberge wieder so authentisch wie möglich herzurichten – also so, wie sie sich vor hundert Jahren präsentierte: zur Zeit des Ersten Weltkriegs, als ihre berühmteste Bewohnerin Soldaten bediente: la petite Gilberte.

Und in der Tat: Die Gäste erwartet eine kleine Zeitreise. Im Restaurant und im Hotel erinnern dutzende von Zeichnungen und Fotografien an die hübsche Wirtstochter mit den dunklen Haaren. In einem der sieben Hotelzimmer steht sogar das Ehebett von Gilberte. Sie heiratete im Jahr 1923. Der Glückliche war aber kein Soldat und auch kein Offizier, sondern ein Jelmoli-Direktor, zu dem sie nach Zürich zog. Dort starb sie 1957 im Alter von 61 Jahren.

 Die «echte» Gilberte Montavon, mit Soldaten vor dem Wirtshaus. 

Die «echte» Gilberte Montavon, mit Soldaten vor dem Wirtshaus. 

zvg

Anekdoten wie diejenige zu Gilbertes Ehebett lieben die Besucher. Die Gäste kommen wieder in Scharen in den Jura, um das Hôtel zu sehen. Die Zeitzeugen jedoch verschwinden. Von den damaligen Soldaten, die im Ersten Weltkrieg in der Ajoie stationiert waren, lebt wohl keiner mehr, und die Aktivdienst-Generation des Zweiten Weltkriegs ist ebenfalls am Aussterben.

Trotzdem sei die Erinnerung noch lebendig, sagt Bernasconi. «Die Generation über 40 kennt das Lied aus der Schule, und vor allem der Film von 1941 ist weiterhin präsent, mit der bezaubernden Anne-Marie Blanc als Gilberte.»

Gefahr von ennet der Grenze

Für historische Einführungen zur Gilberte wird häufig Liliane Vindret engagiert. Die gebürtige Baslerin lebt schon lange im Jura. So lange, dass ihr Baseldeutsch einen französischen Einschlag erhalten hat.

undefined Erstrahl im neuen alten Glanz: Das Hôtel de la Gare in Courgenay.

undefined Erstrahl im neuen alten Glanz: Das Hôtel de la Gare in Courgenay.

Benjamin Wieland

Vindret ist es wichtig, dass die Gäste realisieren, wie gefährlich die Situation für die Schweiz war während des Ersten Weltkriegs. «Die Ajoie liegt in der Burgunderpforte. Die Deutschen Truppen wären nur zu gerne auf Schweizer Territorium ausgewichen, um die französische Verteidigung zu umgehen. Das Elsass gehörte damals zum Deutschen Reich, die Grenze verlief bei Bonfol. Im Jura war die Bedrohung beinahe greifbar.»

Sensationelles Namensgedächtnis

Da wären wir wieder beim «O, herrjeh!» Die abkommandierten Soldaten, mehrheitlich Deutschschweizer, sprachen kaum Französisch. Nun sassen sie in einer abgelegenen Ecke der Schweiz, zu Zehntausenden, untergebracht bei Bauern, denn Kasernen gab es keine. Ihr einziger Lichtblick war die Petite Gilberte, ganz verrückt seien die Männer gewesen nach ihr – so heisst es im Lied. Kein Wunder: Gilberte sprach Schweizerdeutsch. Und sie muss ein sensationelles Gedächtnis gehabt haben, denn sie kannte alle Soldaten beim Namen, dreihunderttausend an der Zahl, «et tout les officiers», behauptet jedenfalls der Refrain.

Das Lied feierte kürzlich ein Jubiläum, den 100. Geburtstag: Am 10. Oktober 1917 bot es Hanns In der Gand zum ersten Mal dar, im Hôtel de la Gare. Uraufgeführt wurde das Stück aber bereits im Dezember 1915, von den Komponisten, drei Soldaten aus dem Entlebuch.

Die Schweiz im Mythos vereint

Richtig populär wurden Lied und Figur aber erst Jahre später, während des Zweiten Weltkriegs. Der Stoff war wie gemacht für die Geistige Landesverteidigung: Romands und Suisse-allemands in der Beiz vereint. Georg Kreis erwähnt den Mythos in seinem Buch «Schweizer Erinnerungsorte». Für den Historiker ist er ein «Kristallisationspunkt eidgenössischer Selbstvergewisserung».

Was Vindret den Gästen jeweils besonders gerne in Erinnerung ruft: Dem Film voraus ging ein Buch eines Baslers: der Roman «Gilberte de Courgenay» von Rudolf «Bolo» Maeglin, veröffentlicht 1939. Im selben Jahr kam das Stück auf die Theaterbühne und wurde so zum wohl bekanntesten Werk des Autors und Journalisten, der 1973 in Binningen starb.

Das nächste Projekt der Bernasconis ist bereits in Planung. Die Nachbar-Liegenschaft soll zur Dépendance umgebaut werden. Es ist das Hotel du Mont Terrible, früher ein Konkurrenzbetrieb.

Die Bernasconis haben Gefallen gefunden an der «Petite Gilberte». Dabei erfuhren sie nur per Zufall von der Versteigerung. Evelyne Bernasconi entdeckte die Anzeige in der Zeitung – drei Tage später erhielten sie den Zuschlag.

«Manche Dinge», sagt Bernasconi, «kann man eben nicht planen.»