Preisverleihung
Nach Genf und Luzern: Performancepreis wird in Lupsingen vergeben

Das diesjährige Performancepreis-Festival samt Preisverleihung findet unter offenem Himmel in Lupsingen statt. Die Veranstalter hoffen, dass ihnen ihr Publikum auch beim Event am abgelegenen Kontonsmittelpunkt treu bleibt.

Susanna Petrin
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Nicht spektakulär anzusehen, aber trotzdem eine starke Aussage: Das ist der Mittelpunkt des Baselbiets in Lupsingen.

Nicht spektakulär anzusehen, aber trotzdem eine starke Aussage: Das ist der Mittelpunkt des Baselbiets in Lupsingen.

Kenneth Nars

Lupsingen. Was hat Lupsingen, das andere nicht haben? Einen Mittelpunkt. Zwar nicht der Erde, aber immerhin des Kantons Baselland. Draussen auf einer Lupsinger Wiese, an einem Wald- und Wegesrand, zeugt ein von einem roten Dächlein geschütztes Schild von dieser geografischen Spezialität. Und obwohl dieser Mittelpunkt auf einen denkbar unspektakulären Ort fällt, regt die Tatsache die Fantasie an. Vielleicht kann an diesem Ort etwas Besonderes entstehen? Wenn nicht ein fixes Kunstwerk – das ist offenbar gesetzlich dort nicht möglich – so vielleicht ein temporäres? Also eine Performance?

Entlang solcher Koordinaten müssen die Veranstalter gedacht haben, als sie darauf kamen, das diesjährige Performancepreis-Festival beim Mittelpunkt des Baselbiets anzusiedeln. Der Performancepreis wird heuer zum sechsten und zum ersten Mal vom Kanton Baselland durchgeführt. 55 Performerinnen und Performer haben bereits ihre Bewerbungen eingereicht – eine Person mehr als im Vorjahr. Eine Jury sucht sieben aus, die dann am 20. August ihre Werke live vor Publikum in Lupsingen performen werden.

35'000 Franken Preisgeld

Die Jahre zuvor waren Genf, Luzern, Aargau und der Initiativkanton Basel-Stadt an der Reihe gewesen – zusammen mit Baselland tragen sie diesen nationalen Preis. Der jeweilige Gastgeber befiehlt und zahlt. Insgesamt gibt es 35'000 Franken zu gewinnen. Bisher wurden 30'000 Franken auf zwei Performer oder Performerinnen - die Frauen stellen in diesem
Genre die Mehrheit – verteilt, hinzu kommt der Publikumspreis in der Höhe von 5000 Franken.

Die Kunst dazwischen

Die Performance ist im Grunde das Lupsingen der Kunst. Es steht irgendwo zwischen bildender Kunst, Tanz, Theater und Sprechakt – mal näher beim einen, mal näher beim anderen. Wikipedia sagt: «Performance wird eine situationsbezogene, handlungsbetonte und vergängliche künstlerische Darbietung eines Performers oder einer Performancegruppe genannt. Die Kunstform hinterfragt die Trennbarkeit von Künstler und Werk sowie die Warenform traditioneller Kunstwerke.» Als Mutter der Performancekunst gilt Marina Abramović.

Trotz Mittelpunkt-Status: Lupsingen ist nicht gerade weltberühmt und nicht gerade sehr zentral gelegen. Wird das Publikum den Weg dahin finden? «Es tönt so, als ob es weitab läge, aber Lupsingen ist gut erschlossen, mit dem Bus sind es ab Bahnhof Liestal nur gut 10 Minuten», sagt Bernadette Hauert, Ressortleiterin Kunst & Musik bei kulturelles.bl, der Kulturabteilung des Kantons Baselland. Anhänger und Vertreter der Performanceszene bildeten ein treues Publikum, «das Jahr für Jahr aktiviert werden kann». Hinzu kämen sicher generell an Kultur Interessierte aus der Region. Um es allen einfacher zu machen, werde morgens und abends ein zusätzlicher Shuttlebus ab und nach Liestal eingesetzt.

Das zweite Wagnis: Zum ersten Mal sollen sämtliche Performances unter freiem Himmel gezeigt werden. Die Performer müssen also mit allem rechnen, von Hitze bis Platzregen. Nur im schlimmsten Unwetterfall möchten die Veranstalter in die Mehrzweckhalle ausweichen. Ansonsten werden nur Bäume und ein überdachtes, mobiles Restaurant - gestaltet von zwei Szenografiestudentinnen- vor Sonne oder Regen Schutz bieten.

Mehr Sorgen als Lage und Wetter bereitet dem Basler Künstler Christian Mueller das Auswahlverfahren. In den ersten Jahren hätten die Performance-Künstler ein konkretes Projekt eingereicht. Zum dritten Mal würden nur ganz allgemein ein Dossier und ein Lebenslauf verlangt. Mueller befürchtet, dass dadurch «tendenziell nur Leute, die schon bekannt sind» ausgewählt würden. «Eher unbekannte Künstler haben kaum eine Chance, wenn die Auswahl über Dossiers getroffen wird– und nicht über eine konkrete Idee.

Nachwuchskünstler mit Chancen

Nachwuchskünstler hätten sehr wohl gute Chancen, setzt Andrea Saemann, Koordinatorin des Performancepreis Schweiz, dem entgegen: «Die Neugier auf neue Positionen ist sehr gross.» Und wer wolle, könne seiner Bewerbung gerne ein Video oder einen konkreten Konzeptvorschlag beilegen. Die Performance habe ihre Stärke im Liveauftritt, dieser müsse überzeugen. Auf Papier oder auch auf Video sei schwer zu beurteilen, wie etwas live vor Publikum wirke. Deshalb habe man die Bewerbungskriterien nach einigen Jahren Erfahrung geändert und entschieden, die Preise aufgrund von Live-Auftritten zu vergeben.

Und wie hat man eigentlich den Mittelpunkt des Baselbiets errechnet, wie funktioniert das generell? Würde man das Baselbiet auf einem grossen Stück Karton ausdrucken und ausschneiden, so wäre der Mittelpunkt dort, wo dieser Karton auf einer Nadelspitze balanciert werden kann.

Aber rechnerisch sei das Ganze sehr viel komplexer, erklärt Kantonsgeometer Patrick Reimann. Teilflächen aus vielen Dreiecken würden gebildet und deren jeweilige Schwerpunkte ausgerechnet. So komme man nach und nach auf die richtigen Koordinaten; inzwischen erledige das ein Computerprogramm. Bei manchen Gebilden könne der Schwerpunkt auch ausserhalb liegen, sagt Reimann. Das ist beim Baselbiet zum Glück nicht der Fall. Sonst hätte das von ihm ausgetragene Performancefestival am Ende in der Stadt oder in Solothurn stattfinden müssen, und nicht in Lupsingen.

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