Freiwillig
Neophyten-Bekämpfung: Weils sonst niemand tut, tut ers

Der 74-jährige Walter Lenz hat den Muttenzer Wald fast vollständig vom invasiven Drüsigen Springkraut befreit.

Michel Ecklin
Merken
Drucken
Teilen
Sobald Walter Lenz im Wald ein Drüsiges Springkraut entdeckt, reisst er es aus.

Sobald Walter Lenz im Wald ein Drüsiges Springkraut entdeckt, reisst er es aus.

Martin Toengi

Es ist eine Sisyphus-Aufgabe, das weiss auch Walter Lenz. Denn der Wald zwischen Muttenz und dem Gempenplateau wird nie ganz frei von Drüsigem Springkraut sein. Trotzdem versucht der 74-Jährige dort seit sieben Jahren, die invasive Pflanze auszurotten. Und er ist damit schon recht weit gekommen. Inzwischen gibt es nur noch einige Herde, wo das Kraut wächst. Diese sucht er dafür umso akribischer ab.

Konzentriert durchstreift sein Blick den Waldboden, Inmitten von unzähligen anderen Arten entdecken seine Augen die unscheinbaren Pflänzchen. Sorgfältig rupft er sie raus, möglichst mit Wurzel. Wie Trophäen hängt er sie an Äste, zum Trocknen. «Wäscheleine» nennt er diese Vorrichtung, die inzwischen im Muttenzer Wald öfter zu sehen ist. Würde er die Pflanzen auf dem Boden lassen, stünde wieder ein Drüsiges Springkraut da. Und jedes Jahr spicken von jeder Pflanze Tausende von Samen weg, bis zu sieben Meter weit.

Das Perfide ist: Die Samen keimen entweder sofort oder erst nach einigen Jahren, den genauen Zeitpunkt kennt niemand. Darum weiss Lenz nie, ob eine Stelle wirklich sauber ist. «Die Art stammt aus dem Himalaja», sagt er. «Unter den Bedingungen dort ist sie zur Überlebenskünstlerin geworden.»

Er zeigt auf eine Böschung an einem Wegrand. Als vor sieben Jahren seine Jagd auf das Drüsige Springkraut begann, zählte er hier über tausend Pflanzen – auf einem einzigen Quadratmeter. Der Wald war meterhoch überwuchert, etwas anderes konnte nicht wachsen. Erst alleine, dann mit einigen Gleichgesinnten durchstreifte er systematisch den Muttenzer und Münchensteiner Wald, gemäss Zonen, in die er das ganze Gebiet eingeteilt hatte. Seither hat er jeden Fund protokolliert.

Hand geht durch Gartenzäune

In einer ehemaligen Kiesgrube entdeckte er unter einem überhängenden Felsen das unerwünschte Kraut. Lenz, viele Jahre ein engagierter Alpinist, seilte sich ab, um sie zu entfernen. Inzwischen darf er feststellen: Die Kiesgrube ist weitgehend frei von Springkraut.

Und sieht er die unerwünschte Pflanzenart mal in einem privaten Garten spriessen, spricht er den Besitzer an. «Leider sind Hobbygärtner oft nicht einsichtig», musste er feststellen. Da greift er schon mal eigenhändig durch einen Gartenzaun und reisst eine Pflanze aus. Nur in fremden Wäldern, sagt er, halte er sich zurück.

Alter Schulkollege klärte ihn auf

Schon immer streifte Lenz viel durch den Wald. «Ich bin ein geborener Naturmensch», sagt er. Bereits mit seinen Eltern sei er viel draussen gewesen. Als Pflanzenkenner will sich der gelernte Maschinenmechaniker aber nicht bezeichnen. Und es ist nicht so, dass er dem Drüsigen Springkraut nichts abgewinnen kann. Ihm fiel nämlich schon früh auf, dass an manchen Stellen im Muttenzer Wald grosse Blumen waren «Schön bunt waren sie», sagt er.

Erst vor zehn Jahren, nach einem Gespräch mit einem alten Schulkameraden und Biologieprofessor, wurde ihm klar: Das ist das gefährliche Drüsige Springkraut. Er war grad pensioniert worden, Bergsteigen konnte er wegen eines Unfalls nicht mehr. «Ich suchte mir eine Aufgabe, der ich nachgehen kann, solange ich geländegängig bin.» Da beschloss er, Springkraut zu bekämpfen, nach dem Motto «Es gibt nichts Gutes, ausser man tut es.»

Inzwischen hat er ein paar Mitstreiter gefunden, Rentner wie er. Einige ehemalige Alpinistenkollegen und Mitglieder des Natur- und Vogelschutzvereins Muttenz machen sich jedes Jahr nach Pfingsten mit ihm auf die Suche nach der auszurupfenden Pflanze. Insgesamt haben sie über die Jahre rund 3000 Stunden im Wald verbracht.

Aber es bleibt für Lenz schwierig, Gleichgesinnte zu finden. Eigentlich hätte er es gerne, wenn eine Organisation oder gar die Gemeinde den Kampf gegen invasive Pflanzen im Wald übernehmen würde. «Aber die heutige Politik hat kein Geld für solche Sachen übrig.» Er hat versucht, Schulklassen einzubinden. «Aber die richteten im Wald mehr Schaden als Nutzen an.»

Von den Gemeinden Muttenz und Münchenstein erhält er ab und zu einige hundert Franken, ein Nachtessen und die Erlaubnis, mit dem Auto in den Wald zu fahren. Mehr will er gar nicht.