Neuer Institutionsleiter
«Auf der Leiern» in Gelterkinden kommt es zu einem Stabwechsel

René Zumsteg übernimmt Anfang April von Leiterin Evelyne Bauer Richter. Diese blickt zurück auf ihre achtjährige Tätigkeit. Zumsteg will sich zuerst gründlich einarbeiten, bevor er Akzente setzt.

Simon Tschopp
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René Zumsteg (links) übernimmt in zehn Tagen die Leitung von Evelyne Bauer Richter.

René Zumsteg (links) übernimmt in zehn Tagen die Leitung von Evelyne Bauer Richter.

Bild: Roland Schmid

Ein derart turbulenter Start, wie ihn Evelyne Bauer Richter 2012 als neue Leiterin des Zentrums für Sonderpädagogik Auf der Leiern erlebt hat, bleibt René Zumsteg erspart. Dieser wird ab nächstem Monat das Zepter in der Gelterkinder Institution führen. Der 43-jährige Aargauer folgt auf Bauer, die pensioniert wird.

Integrative Schulform hatte massive Auswirkungen

Parallel zu Evelyne Bauers Arbeitsbeginn vor acht Jahren wurde im Kanton Baselland die Integrative Schulform (ISF) umgesetzt, was sich auf die «Leiern» massiv auswirkte. Ein Teil der geistig- und körperbehinderten Kinder besuchte neu die Regelschule. Die Folge waren weniger Anfragen und Zuweisungen sowie eine vorübergehende Unterbelegung.

«Wir mussten Leute entlassen, was nicht schön war. Das war kein super Start»,

erinnert sich Bauer.

Im Zug der ISF wandelte sich in der «Leiern» auch die Klientel. Von nun an galt es, vermehrt psychisch belastete Kinder und Jugendliche zu betreuen, zuvor waren es die klassisch Geistig- und Körperbehinderten gewesen. Diese Veränderung erforderte andere Kompetenzen von Mitarbeitenden. «Vereinzelt gab es Personen, die explizit aus dem Grund gekündigt hatten, weil sie nicht mit psychisch belasteten Kindern arbeiten wollten», was absolut legitim sei, erklärt Evelyne Bauer.

Es war ein fliessender Prozess, man musste sich zuerst in dieser neuen Situation zurechtfinden. Psychisch belasteten Kindern sieht man ihr Handicap oft nicht auf den ersten Blick an. Trotzdem haben sie Sonderschulungsbedarf und kognitive Defizite. Sie können jedoch lesen, schreiben und rechnen.

Gutes Gespür für Nähe und Distanz

Die «Leiern»-Kinder kommen teilweise aus psychisch stark belasteten Familiensystemen, in denen manche Eltern mit sich oder der Welt enorm beschäftigt sind. Wie geht man mit solchen Schicksalen um? Wichtig dabei sei ein gutes Gespür für Nähe und Distanz, eines der wichtigsten Themen in der Sozialpädagogik überhaupt. Trennen können sei sehr anspruchsvoll, erklärt Bauer.

«Kommt hinzu, dass unsere Kinder in Krisen sehr spezielle Verhaltensweisen haben. Sie können Mitarbeitenden gegenüber sehr verletzend sein, sie beleidigen oder ihnen Schlechtes wünschen.»

Dies nicht persönlich zu nehmen, sei sehr anspruchsvoll.

Ihre ersten Jahre in Gelterkinden prägten Evelyne Bauers «Leiern»-Zeit. Auch eine Analyse zu Abläufen in der ganzen Institution setzte viele Veränderungen in Gang, genauso die rasch fortschreitende Digitalisierung. Seit einem Jahr zählt die Coronapandemie zu einer grossen Herausforderung. Sie hätten von Beginn weg viel unternommen, damit sie möglichst geschützt seien. «Das ist uns recht gut gelungen.» Hin und wieder müsse man einzelne Kinder zwar auf die Maskenpflicht aufmerksam machen. «Aber ich finde: Sie machen es sehr gut», lobt die Noch-Leiterin.

Im Dorf bestens verankert

Obwohl sich das Zentrum Auf der Leiern an der Peripherie des Dorfs befindet, ist es in Gelterkinden bestens verankert. Mit dem jährlichen Leiernfest sowie dank Turnhalle und Kleinschwimmbecken, die vermietet werden, ist für regen Kontakt mit der Bevölkerung gesorgt. Der momentan geschlossene Spielplatz steht ansonsten ebenfalls der Öffentlichkeit zur Verfügung.

Wegen der Coronamassnahmen kann sich Evelyne Bauer Ende Monat nicht wie gewünscht verabschieden. Statt eines Anlasses mit sämtlichen Kindern und Mitarbeitenden wird sie in kleinen Grüppchen Adieu sagen. Wie sie ihre Zeit danach gestaltet, weiss sie noch nicht so genau. Bauer: «Es ist das erste Mal in meinem Leben, dass ich nicht arbeite.»

Mit «ganz guten Gefühlen» in die neue Tätigkeit

René Zumsteg wird in zehn Tagen seine neue Tätigkeit mit «ganz guten Gefühlen» aufnehmen. Seit seiner Wahl durch den Stiftungsrat im vergangenen Sommer konnte er die «Leiern» immer wieder ein Stückchen kennen lernen. Der im Aargau Wohnende arbeitet sich seit Anfang März ein und bereitet mit Evelyne Bauer die Übergabe vor. Er sei von den Mitarbeitenden und Kindern «wohlwollend» aufgenommen worden.

Zumsteg, gelernter Sozialpädagoge mit Weiterbildungen in Sozialmanagement, will zuerst einen genauen Einblick in den Betrieb erhalten und erst dann mit der Geschäftsleitung zusammen weitere Akzente setzen. Die Stiftung sei gut organisiert, die Kinder und Jugendlichen seien zufrieden, es bestehe ein gutes Gerüst, kommentiert René Zumsteg. Dieser war zuletzt für eine ähnlich grosse Institution tätig wie die «Leiern».

Das Baselbiet kennt der 43-Jährige noch nicht gut. Er freue sich darauf, diese Region zu erkunden.

«Ich bin sehr positiv gestimmt, es ist bereichernd, Neues zu lernen und zu erfahren.»

41 Kinder und Jugendliche, 80 Mitarbeitende

Das Zentrum für Sonderpädagogik Auf der Leiern in Gelterkinden hat derzeit 41 Kinder und Jugendliche in seiner Obhut. Sie stammen aus den Kantonen Baselland, Basel-Stadt und Aargau; je ein Kind ist aus dem Luzernischen und dem Bündnerland, was laut Leiterin Evelyne Bauer Richter «eher aussergewöhnlich» ist. Für Austretende bieten sich etwa die Eingliederungsstätte Baselland in Liestal oder das Wohn- und Bürozentrum in Reinach als weiterer Schritt an. «Es ist uns ein grosses Anliegen, dass wir für alle austretenden Jugendlichen eine gute Anschlusslösung finden», betont Bauer. In der 1912 gegründeten Institution Auf der Leiern arbeiten insgesamt 80 Mitarbeitende in diversen Bereichen: Wohngruppe, Schule, Therapie, Hausdienst, Administration. (stz)