Beide Basel
Nicht mehr Fälle – dafür heftigere: So war das Pandemiejahr für die Ombudsstellen

Die Ombudsstellen beider Basel haben ihre Jahresberichte 2020 veröffentlicht – es gab weniger Fälle im Zusammenhang mit Corona als angenommen. Der Basler Ombudsmann Thierry Moosbrugger erklärt, weshalb.

Kelly Spielmann
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Thierry Moosbrugger war überrascht, dass es nicht mehr Corona-Beschwerden gegeben hat.

Thierry Moosbrugger war überrascht, dass es nicht mehr Corona-Beschwerden gegeben hat.

Zvg

Eine alleinerziehende Mutter, die sich von der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde unfair behandelt fühlt, ein Mann, der nach dem Tod seines Vaters auf dessen Steuerbussen sitzen bleibt, die Polizei, die in einem Streit zwischen ehemaligem und aktuellem Partner einer Frau nicht auf einen Notruf reagiert: Die Ombudsstellen beider Basel setzten sich im Jahr 2020 mit den verschiedensten Fällen auseinander. Und, wie in allen Branchen: Auch auf die Arbeit der Ombudsfrauen und -männer hatte die Pandemie im vergangenen Jahr Einfluss.

Im Baselbiet hat die Stelle seit dem 1. Mai vergangenen Jahres eine neue Führung, wie es im Jahresbericht heisst. Die beiden Ombudsfrauen Béatrice Bowald und Vera Feldges haben ihre Co-Leitung mitten in der ersten Pandemiewelle begonnen. Es überrascht also kaum, dass als erstes Thema im Jahresbericht Corona genannt wird: «Corona hat die Art der Tätigkeit der Ombudsfrauen seit ihrem Amtsantritt massgebend geprägt.» Die Arbeit sei hauptsächlich am Telefon durchgeführt worden, Öffentlichkeitsarbeit musste warten. Aber: Wider Erwarten hat die Pandemie nicht zu einem starken Anstieg der Fallzahlen geführt. Besonders gegen Ende Jahr sei jedoch bei den um Rat Fragenden «eine starke psychische Belastung spürbar» gewesen.

Ist es doch zu pandemiebezogenen Anfragen gekommen, betrafen diese insbesondere den Schulbereich – beispielsweise den Fernunterricht –, den Erwerbsersatz, die Maskentragepflicht im öffentlichen Bereich oder auch die Einschränkung der politischen Rechte bei Gemeindeversammlungen. Insgesamt sind bei der Baselbieter Ombudsstelle im letzten Jahr 245 Geschäfte eingegangen, ähnlich viele wie 2019.

Nur wenige direkte Corona-Anfragen

Ähnlich lautet das Fazit im Stadtkanton – dort wurden 411 Fälle bearbeitet, was im Rahmen der Vorjahre liegt. Und auch hier: «Die Anzahl der Beschwerden zu den Coronamassnahmen war auffällig gering», heisst es im Jahresbericht der städtischen Ombudsstelle, «zumeist ging es um eine Abklärung, ob es für die eine oder andere Entscheidung, zum Beispiel einer Vorgesetzten oder eines Polizisten, eine rechtliche Grundlage gibt.» Weitere Corona-Beispiele: Eine Angestellte, die der Meinung ist, dass ihre Abteilung keine lebensnotwendigen Dienste erfüllt und während des Lockdowns ebenfalls geschlossen werden sollte, oder eine Frau, die sich darüber beschwert, dass Polizistinnen bei einer Personenkontrolle den Corona-Abstand nicht eingehalten haben.

Frustrationstoleranz versus Dünnhäutigkeit

Zu Beginn habe der Basler Ombudsmann Thierry Moosbrugger mehr Beschwerden zur Maskenpflicht oder zum Fernunterricht erwartet, wie er auf Anfrage sagt. «Wir waren selber auch überrascht, dass es verhältnismässig wenig direkte Corona-Beschwerden gab.» Er und Ombudsfrau Elisabeth Burger Bell gehen davon aus, dass dies daran liegt, dass die Bevölkerung den einzelnen Massnahmen gegenüber eine grosse Frustrationstoleranz hatte. Moosbrugger: «Es war den meisten bewusst, dass wir mit dieser Pandemie Neuland betreten und die Massnahmen nach dem «Trial and Error»-Prinzip ausprobieren müssen.»

Nichtsdestotrotz habe man gespürt, dass die Pandemie einen Einfluss auf die Menschen habe. «Die Leute sind dünnhäutiger geworden.» Mit dem Wegfall von Seelenstabilisatoren, wie Moosbrugger sie nennt – der Ausgang am Wochenende, Fussballspielen mit Freunden oder andere Hobbys – seien neue Konflikte schneller eskaliert und bereits länger andauernde Konflikte heftiger ausgebrochen.

Während man explizite Corona-Fälle auch gezielt bearbeiten konnte, sei dies bei solchen Stellvertreterkonflikten schwieriger gewesen. Derer habe es viele gegeben – «und das zeigt eine nachhaltigere Malaise als unsere anfängliche Annahme zu den Corona-Fällen», fasst Moosbrugger zusammen.