Öffentliches Schlachten
Nicht nur Tierschützer sind empört: Metzger wendet sich gegen Sissacher Metzgete

Mit Hans Rufer kritisiert ein erfahrener Berufsmann den Anlass. Der 75-jährige Pensionär aus Frenkendorf war selbst Metzgermeister. Dennoch meldete er sich vergangene Woche bei der bz und mit der Empfehlung, die Metzgete nicht zu besuchen.

Michael Nittnaus
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Hans Rufer mit seinen zwei Eseln Selma und Momo und der Ziege Ida, die er oberhalb Frenkendorf hält.

Hans Rufer mit seinen zwei Eseln Selma und Momo und der Ziege Ida, die er oberhalb Frenkendorf hält.

Michael Nittnaus

Tierschützer, Tierfreunde und ein Pfarrer: Bisher sah sich die kommenden Samstag stattfindende öffentliche Metzgete in Sissach mit Kritik konfrontiert, deren Urheber vielleicht viel von Tieren, aber wenig vom Metzgen verstehen. Diesen Vorwurf kann man ihm beim besten Willen nicht machen: Hans Rufer. Der 75-jährige Pensionär aus Frenkendorf war selbst Metzgermeister und sogar Prüfungsexperte für Metzger-Lehrlinge. Dennoch meldete er sich vergangene Woche bei der bz, weil das Schlachten von zwei Schweinen mitten im Dorfzentrum in ihm tief verwurzelte Widerstände auslöst. «Ich empfehle, die Sissacher Metzgete nicht zu besuchen. Insbesondere Eltern mit Kindern rate ich davon ab, da Kinderherzen sehr feinfühlend sind», sagt Rufer.

Diese Sorge um die Kinder spricht er nicht unbedarft aus. Sie hängt mit Rufers Biografie zusammen. 1943 im Berner Zuzwil geboren, wuchs er mit vier Brüdern auf einem Bauernhof auf. «Unser Vater war sehr autoritär und streng. Er bestimmte, dass ich später fürs Hofschlachten zuständig sein solle und zwang mich, eine Metzgerlehre zu machen.» Von Anfang an habe er einen inneren Widerstand gegen das Töten und Verarbeiten der Tiere gespürt. Egal, wie oft er es tat, gewöhnen konnte sich der junge Rufer nie daran. «Schon von Klein auf war ich sehr tierlieb», ist seine einzige Erklärung.

Öffentliche Metzgete in Sissach

Sogar aus dem Wallis reisen Besucher an

Dass das Schlachten von zwei Schweinen mitten im Sissacher Zentrum so ein Aufruhr auslösen würde, das hätte der Veranstalter, Metzgermeister Rolf Häring, nie gedacht. Eine Woche vor dem Anlass vom Samstag, 28. Oktober, ist für ihn aber definitiv klar, dass er die Metzgete wie geplant durchführt, wie er der bz sagt. Schliesslich lägen alle nötigen Bewilligungen vor. Was Häring mittlerweile am meisten zu denken gibt, sind nicht allfällige Protestaktionen, sondern die möglichen Menschenmassen: «Ursprünglich rechnete ich vielleicht mit 20 Leuten, die der Schlachtung beiwohnen würden, doch nun habe ich Rückmeldungen aus der ganzen Schweiz erhalten», sagt er. Sogar Personen aus dem Wallis oder auch Zürich hätten sich gemeldet. Gerade beim Tötungsakt um 8 Uhr morgens hofft Häring aber, dass der mit Sichtschutz versehene Raum auf dem Schaffner-Areal an der Hauptstrasse 43 nicht zu voll ist. «Da brauchen wir Ruhe.» Fotografieren und Filmen seien nicht erlaubt. Bis um 14 Uhr werden die Schweine zerlegt, ab 16 Uhr folgt für Angemeldete ein Wurstmahl.

Rufer schützte seine Lehrlinge

Bei der Lehrabschlussprüfung kam es dann zu einer Situation, die ihn sein ganzes restliches Leben prägen sollte: «Ich sollte ein Rind schlachten, war aber wie blockiert und stellte mich daher sehr ungeschickt an. Ein älterer Prüfungsexperte nahm mich zur Seite und sagte mir, ich solle kurz etwas trinken gehen. Währenddessen tötete er für mich das Rind.» Zeitsprung in die Achtzigerjahre: Als 40-Jähriger arbeitete Rufer mittlerweile bei der Migros Basel selbst als Prüfungsexperte. «Da traf ich auch einmal auf einen Jungen, der Hemmungen hatte, das Tier zu töten. In ihm erkannte ich mich wieder. Also sagte auch ich, er solle einen Kaffee trinken gehen. Währendessen sprang ein anwesender alter Metzger ein.»

Da ist sie eben, diese Sorge um die Kinder. «Früher sagte man oft den Schwächsten in der Familie, sie sollen Metzger werden. Für sie wollte ich mich einsetzen», sagt Rufer. Er habe auch nie einen Lehrling durch die Prüfung rasseln lassen und sich dabei teils gegen den Widerstand der anderen Prüfer durchgesetzt, denn: «Was wäre sonst aus den Jungen geworden? Ich habe ja keine Ärzte ausgebildet.» Auch seine persönliche Hemmung, Tiere zu töten oder der Schlachtung zuzusehen, konnte Rufer nie ablegen. Nach seiner Ausbildung habe er nie mehr in einem Schlachthof gearbeitet, und sogar als Prüfer verliess er während des Bolzenschusses jeweils den Raum.

Metzgete historisch ein ernster Tag

Es mag erstaunen, dass Rufer überhaupt so lange im Beruf bleiben konnte. Doch der Frenkendörfer geriet in seinem Leben immer wieder an die richtigen Vorgesetzten, die seine moralische und soziale Ader nicht als Schwäche sahen. So arbeitete er lange als Verkaufsleiter bei Coop und Migros und in der Lehrlingsbetreuung, auch war er beim internationalen Fleisch-Importeur GVFI in Basel tätig.

Rufer betont, nicht grundsätzlich gegen das Schlachten zu sein, auch esse er selbst Fleisch: «Vor allem der Volksfestcharakter stört mich am Sissacher Anlass.» Jeremias Gotthelf etwa, über den sich Rufer ein profundes Wissen angeeignet hat, habe die Metzgete im 19. Jahrhundert als «ernsten Tag» beschrieben, der nötig war, um die hungernden Menschen zu ernähren. Heute erledigten regionale Kleinschlachthöfe diese Arbeit. Für Hans Rufer ist klar: «Genau dort gehört so etwas auch hin.»