Liestal
Notfalls müssen auch Frischlinge geschossen werden

In starken Jahren wie diesen stehen Wildschweine unter besonderer Beobachtung. Das Tier mit der feinen Nase sucht sich nun leckere Würmer oder untergepflügte Maiskolben und bricht dabei den Boden auf.

Boris Burkhardt
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Der Hochsitz ist versteckt in den Bäumen.
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Wildschweine stehen unter besonderer Beobachtung.
Aussicht vom Hochsitz.
Der Hochsitz
Am Waldrand im Röserntal zwischen Liestal und Arlesheim sieht man deutlich die Flurschäden von Wildschweinen
Am Waldrand im Röserntal zwischen Liestal und Arlesheim sieht man deutlich die Flurschäden von Wildschweinen
Waldweg zwischen Liestal und Arlesheim.
Jäger Ruedi Schweizer.
Wellness-Oase für Wildschweine: Im Morast werden sie ihre Parasiten los. Links sieht man die Lebendfalle.
Wellness-Oase für Wildschweine: Im Morast werden sie ihre Parasiten los. Links sieht man die Lebendfalle, im Hintergrund den Hochsitz.

Der Hochsitz ist versteckt in den Bäumen.

zvg

Um diese Jahreszeit kommen die ersten Wildsauen auf die Flur. Wie in der Nacht auf vergangenen Donnerstag: Am Liestaler Waldrand im Röserntal entlang der Verbindungsstrasse nach Arlesheim brachen sie den Boden auf gut hundert Meter Länge auf. Der Streifen zwischen Waldrand und Getreidefeld wurde als Kuhweide benutzt, erklärt der Liestaler Jäger Ruedi Schweizer. Durch den Naturdünger ist der Boden enorm reichhaltig an Würmern und Engerlingen, einer wichtigen, eiweisshaltigen Nahrungsergänzung für den Allesfresser Wildschwein. Das Tier hat eine extrem feine Nase: Leckere Würmer oder untergepflügte Maiskolben riecht es selbst bei Frost bis zu 30 Zentimeter im Boden.

Wildschweine lieben Maisfelder

Das Feld selbst ist jetzt noch uninteressant für die Wildschweine. Erst wenn die Frucht in der Milchreife steht und ihr Inneres besonders weich und süss ist, wird sie attraktiv. Dann blieben die Wildschweine am liebsten sechs Wochen in einem Maisfeld, wo es keinen Wind und genug Flüssigkeit gibt und die Temperatur konstant ist. «Wenn der Bauer dann nicht rechtzeitig einzäunt, hat er ein Problem», sagt Schweizer. Erst letzten August durchkämmten 75 Helfer auf Bitten eines Landwirtes sein Maisfeld und trieben 15 Schweine hinaus, die sich dort versteckt hatten.

Wildsäue passen sich dem Klima an

Wie viele Wildsäue sich derzeit im rund 1000 Hektar grossen Liestaler Wald aufhalten, kann Schweizer nicht sagen. Er muss die kommenden zwei Monate abwarten: Erst, wenn die Jungen auf die Welt kommen, werden die Bachen sesshafter und wandern nicht mehr kilometerweit. Erfahrungsgemäss dürften es dieses Jahr über 100 Tiere werden. Richtig nachtaktiv sind Wildschweine laut Schweizer erst in den letzten drei bis vier Jahrzehnten geworden. «Wildschweine sind extrem anpassungsfähig», sagt Schweizer; «Kein anderes Wildtier ist so intelligent.» So merkten die Wildschweine nicht nur, dass es für sie am Tage zu gefährlich wird, sondern verlegten ihre Tragezeit auch nach hinten: Weil aufgrund der immer häufigeren späten Frostperioden im Februar und März viele Frischlinge eingingen, verlegten die Bachen, die den Moment der Empfängnisbereitschaft selbst bestimmen können, die Geburt in die Monate April bis Juli.

Der Jäger stinkt nach Frischling

Auf sogenannten Kirrungen, mit Mais ausgelegten Lockstellen, beobachten die Jäger die Wildschweine. Besonders lieben die Tiere morastigen Untergrund: Im Dreck können sie lästige Parasiten loswerden. Eine dieser «Wellness-Oasen» auf dem Liestaler Muni ist deshalb auch mit Fotofalle und Wecker ausgestattet. An Letzterem hängt an einer Schnur ein Stein, der wiederum auf einer Kiste mit Fressen liegt. Wird der Stein vom Wildschwein hinuntergestossen, zieht die Schnur an der Uhr; und diese bleibt stehen. So weiss Schweizer exakt, wann nachts die erste Rotte auf der Kirrung war. Ausserdem steht auf dieser Kirrung, die Schweizer vor neugierigen Wanderern geheim halten will, eine grosse Gitterfalle.

Schweizer ist kantonsweit der einzige, der Frischlinge markieren darf. Er lässt sie dazu einige Nächte unbehelligt in der Lebendfalle fressen. Sind die Tiere zutraulich, schliesst er die Falle von Hand. Er nimmt sich dann ein Frischling nach dem anderen und markiert die Männchen am rechten Ohr, die Weibchen am linken: «Das merken sie kaum. Ich kraule sie immer zuerst am Bäuchlein; dann sind sie ganz ruhig.»

Im Gegensatz zu Rehgeissen akzeptieren Bachen, die während der Markierung auf Abstand bleiben, ihre Jungen auch nach menschlicher Berührung noch. Aber selbst wenn: «Nach der Markierung stinke ich mehr nach Frischling als der Frischling nach mir», versichert Schweizer. Mit den Kleidern könne er ungewaschen nicht mehr in die Wohnung. Über die Markierung weiss Schweizer, wie alt die Tiere werden und wohin sie wandern: ein Keiler sogar bis in den Kanton Zürich.

«Es macht keinem Jäger Spass»

Obwohl die jungen Wildschweine mit ihrem gestreiften Fell, wie er selbst sagt, so «niedlich» sind, wies Schweizer als Kantonaler Jagdaufseher und Obmann der Schwarzwildkommission seine Kollegen für dieses Jahr an, vermehrt Jungtiere zu schiessen. «Es macht keinem Jäger Spass, auf Frischlinge zu schiessen», sagt Schweizer. Aber er müsse auch unpopuläre Massnahmen treffen, um den Bestand zu regeln. Denn 2009 und 2011 waren besonders wildschweinreiche Jahre; und die Flurschäden beliefen sich 2011/2012 auf über 120000 Franken. Schon im eigenen Interesse müssen die Jäger handeln: Sie zahlen über einen Schadenfonds und den Pachtzins den grössten Anteil der Wildschäden selbst. Deshalb betont Schweizer: «Es ist ein ganz grosses Anliegen der Jägerschaft, die Schäden in den landwirtschaftlichen Kulturen so gering wie möglich zu halten.»