Oberwil
Oberwil-Woche: Vom Bauerndorf zur Schlafstadt

Menschen, Geschichte und Geschichten, Anekdoten, Typisches und Einzigartiges: Die bz berichtet eine Woche lang aus der Leimentaler Gemeinde.

Michel Ecklin
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Oberwil (in der unteren Bildhälfte) bettet sich unauffällig ins Siedlungsband des Leimentals ein.

Oberwil (in der unteren Bildhälfte) bettet sich unauffällig ins Siedlungsband des Leimentals ein.

Erich Meyer

Neulich wurde die Tramhaltestelle Oberwils umbenannt. Bisher hielten die gelben BLT-Trams einfach nur in «Oberwil». Aber gemäss einer schweizweiten Bestimmung müssen alle Haltestellen neben dem Namen der Ortschaft einen Zusatz erhalten. Naheliegend wäre die Bezeichnung «Oberwil Dorf» gewesen. Einige grössere Gemeinden in der Region, etwa Reinach, Allschwil, Münchenstein oder auch Riehen, benennen nämlich ihren Ortskern demonstrativ «Dorf», egal wie dörflich es dort zu und her gehen mag. Doch in Oberwil wollte man es anders. Die Haltestelle in der Ortsmitte heisst jetzt «Oberwil Zentrum».

Das ist typisch für Oberwil. In der 10'700-Seelen-Gemeinde mitten im Leimental gibt man sich nämlich keine verklärenden Allüren. Oberwil ist definitiv kein Dorf mehr, sondern längstens voll in der Agglo angekommen. Von der Luft aus zum Beispiel sind die Umrisse der Gemeinde nicht zu erkennen. Oberwil liegt nahtlos eingebettet im Siedlungsbrei, der sich von Basel bis fast an den Blauen erstreckt. Gemeindegrenzen scheinen hier willkürlich zu sein.

Im Fall Oberwils verlaufen sie im Norden durch unscheinbare Wohngebiete, im Süden mitten durch ein Gewerbegebiet, das mit den vielen nationalen und internationalen Ketten gar nicht erst versucht, lokale Heimeligkeit zu schaffen. Letztere muss man auch im historischen Kern lange suchen. Auch wenn dort noch einige historische Gebäude stehen und manch eine neue Überbauung zu überzeugen vermag: Es dominiert das Funktionale, also vor allem der Verkehr und Blöcke aus den 1960er-Jahren. Symptomatisch ist: Auf den Postkarten, die Oberwil zum Sujet haben (ja, das gibts!), dominiert das gelbe Tram. Es ist deutlich bunter als die vielen Bausünden aus der Nachkriegszeit.

«Schlafstadt» ist nichts Negatives

Zwar gibt es hier noch einige Bauern, wie deren Vertreter im Gemeinderat, Hanspeter Ryser, unermüdlich betont. Aber die Lebensrealität der allermeisten Bewohner hat nichts mehr mit Heuen und Melken zu tun. Man träumt hier eher von einem schönen Haus, möglichst mit Aussicht und Doppelgarage, von erträglichen Steuern, sicheren Schulwegen und hoffentlich nicht all zu verstopften Verkehrswegen nach Basel. Man lebt gerne hier, wobei mit «Leben» vor allem Wohnen gemeint ist. Oberwiler Gemeinderäte nehmen jedenfalls auffallend oft das Wort «Schlafstadt» in den Mund, und im Gegensatz zu anderswo meinen sie das nicht negativ.

Und so überrascht es nicht, dass es Zweifel daran gibt, ob Oberwil wirklich einen Dorfplatz als Raum der Begegnung braucht. Einen solchen gibt es nämlich nicht. Und die Idee des Gemeinderats, beim Eisweiher einen «Stadtpark» entstehen zu lassen, stiess an einer Infoveranstaltung im Herbst auf mässige Begeisterung.

Kurzum: Beim Versuch, Oberwil zu definieren, findet man schnell heraus, was Oberwil alles nicht ist. Wir bz-Redaktoren haben uns in Oberwil umgesehen und zeigen ab Montag eine Woche lang, dass man auch einen anderen Blick auf Oberwil werfen kann. Hinter einer rauen Oberfläche verstecken sich in Oberwil nämlich Menschen, Geschichte und Geschichten, Anekdoten, Typisches und Einzigartiges.