Ortsunkunde
Waghalsig in die Steinen

Simon Morgenthaler besucht für die ‹Schweiz am Wochenende› frei assoziierend und fabulierend Orte in der Region Basel mit prägnanten Namen. Dabei macht er sich viele falsche Freunde und begibt sich zielstrebig auf Irrwege.

Simon Morgenthaler
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Simon Morgenthaler ist in der Steinenvorstadt unterwegs.

Simon Morgenthaler ist in der Steinenvorstadt unterwegs.

Roland Schmid

Über die Steinenvorstadt habe ich einiges gelesen: Von pandemischen Testosteron- und Östrogen-Inzidenzen, von den ekstatischen Folgen alkoholischer Tröpfcheninfektion trotz oder wegen Masken, über archaische Männlichkeitsrituale und urtümliche, weibliche Körperbemalung. Auch habe ich gehört, es herrsche dort der adstringierend-süsse Duft roter, geschlechtsreifer Stiere vor und man vernehme stets einen pulsierend-bassigen Trommelschlag. Als ich aber vom Heuwaage-Viadukt her den Weg ‹Beim Wagdenhals› hinunter spaziere und in die Vorstadt einbiege, bin ich mir nicht bewusst, wie tollkühn diese Exkursion ist.

Ich protokolliere: ‹Margherita› linker Hand. Klare Assoziation von Italianità. Erweist sich dann beim ‹Molino› als redundant. Rechts Physiotherapie ‹activebalance›. Zuerst Psychotherapie gelesen. Aus dem Gleichgewicht geraten kopfvoran fast in das ‹Bubble House› gestolpert. Dort allerdings keinen Blasentee getrunken, da andere Beschwerden.

Die Frage, ob ‹Soho› oder ‹Bücheli› soziopolitisch brisanteres Terrain. Dann Rätseln, was die ähnliche Aussprache von ‹Pathé› und ‹Pâté› bedeuten könnte: Beides hat mit Farcen zu tun – hier tagesaktuell im Angebot ‹Schwarze Witwe› sowie ‹Schnell & Wütend›, geschmacklich unklar. Im ‹Holy Cow!› wird trotz Ausrufezeichen gehacktes Rind in Schichtbrot serviert. Intensives Erleben von Paradoxie.

Plötzlich, aus dem Nichts, bricht rechts ein ‹Pop up store› aus der Fassade hervor. Konzeptverlust. Pralle unvermittelt in das Schaufenster von ‹Nike› – Triumph der Siegesgöttin in Turnschuhen. Im ‹Clochard› abgewetzte Jeans ohne ungewaschenen Geruch, dafür respektable Preise. Frage, ob politisch korrekt. Auch bezüglich der asiatischen Fertigdüfte aus dem ‹Mister Wong› nebenan.

Im ‹Starbucks› liest niemand Moby Dick. Weiter vorne das ‹Snipes›, eine Schnepfenbraterei, die sich als Sneakergeschäft tarnt? Offenbar ein Treffpunkt für Schleicher und anderes Gesinde. ‹Street one› trägt die Hausnummer 8. Zu viele Reize. Verwirrung auch beim ‹Hans im Glück›: Geht es im Märchen nicht darum, einen Goldklumpen zwecks Glücksgewinnung zu verlieren, statt solche magnatenhaft zu akkumulieren? Der ‹Salt store› bietet Geräte feil, die alles können, ausser salzen. Ontologische Überforderung.

Abbruch.

Bin erschöpft und nervös. Auf dem Barfi zieht es mir endgültig die Schuhe aus. Die Jugend im durchschrittenen Stammesgebiet muss einen dicken Pelz haben. Ich habe meinen Hals gewagt und den Kopf verloren.