Ortsunkunde
Wiriwärisbode oder Delirium gegen Blauen zu

Simon Morgenthaler besucht für die «Schweiz am Wochenende» frei assoziierend und fabulierend Basler Orte mit prägnanten Namen. Dabei macht er sich viele falsche Freunde und begibt sich zielstrebig auf Irrwege.

Simon Morgenthaler
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Wiriwärisbode, Aesch

Wiriwärisbode, Aesch

Bild: Simon Morgenthaler

Ich sitze auf einem Plastikstuhl in einem durchaus an Privatbesitz gemahnenden Garten, den zu betreten ich nie den Mut gehabt hätte, wären nicht schon zahlreiche Sonntagsgäste hinter der grobsteinernen Zaungrenze gesessen. Wie ich nach dem ungefähr achten Glas Gutedel hügelwärts zeige und sage, ich wolle noch gegen Blauen zu, und nur allgemeines Gelächter ernte, bleibt mir nichts anderes übrig, als ein weiteres Glas zu bestellen.

Die Aescher Weinberge stehen gut in der Sonne, mein Kopf allerdings auch, sodass ich unsicher bin, ob die Reben schwanken oder ich selbst. Überhaupt wär’s wohl besser gewesen, einen Halben oder gar einen Ganzen zu bestellen statt all dieser Gläser, kollabiert doch meine ohnehin ausgeprägte Rechenschwäche abrupt in einer regelrechten Rechenohnmacht. Erst jetzt, ziemlich blau, aber mit hochrotem Gesicht, begreife ich auch den Blauen-Kalauer, was mich endgültig dazu bewegt, aufzustehen und mich in Bewegung zu setzen.

Gegen das Tschöpperli zu, das ich zumindest vom Trinken her kenne, zur Ruine hoch, den Schalberg. Ich stelle mir wohllustig vor, wie ich oben in einen Landjäger beisse, mit Weitsicht und diesem eigenartig helvetischen Gefühl der Wandergerechtigkeit in der Brust, steige bergan. Bald stellt sich die Wirklichkeit ein: Ich schnappe nach Luft, auch der zarte, mostige Geschmack des Gutedels verändert sich wundergleich in einen metallisch-säuerlichen Odem, der von unten her recht penetrant in mir hochsteigt. Wie ich oben ankomme, finde ich es ungerecht, dass sich statt des Appetits eine grundlegende Übelkeit einstellt, die mich gleich wieder umkehren lässt. Die Landjäger im Rucksack werden plötzlich zur Bedrohung.

Weiter, dem Gefühl nach gegen Blauen zu. Waldwege und -strassen, oder sind es Feldwege? Alles mischt sich, Übergänge noch und noch, kurvenreich im mehrfach doppelten Sinn. Ich trete in eine Pfütze, Druckgefühle in der Blase, Anspannung. Mit diesem tierischen Drang manifestiert sich aber gleichzeitig schamlos ein zivilisatorischer Gegendrang: Um sich zu entleeren, müsste man sich verbergen. Direkt in den Wald hinein. Die brunzende Offenbarungswasserkunst ist aber derart übersinnlich, dass ich, blicke ich auf, plötzlich nicht mehr weiss, wo ich bin. Orientierungslosigkeit. Büsche, Bäume, Unterholz. Ich klettere auf einen morschen Hochsitz in der Nähe, sehe aber auch von dort nichts als ein Wirrwarr. Trotzig beisse ich in den Landjäger. Dann kracht alles zusammen.

Simon Morgenthaler besucht für die «Schweiz am Wochenende» frei assoziierend und fabulierend Basler Orte mit prägnanten Namen. Dabei macht er sich viele falsche Freunde und begibt sich zielstrebig auf Irrwege.

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