Öffentlicher Verkehr
öV-Chef Meisinger: «Ich gehe ausdrücklich nicht im Zorn»

Markus Meisinger, der öV-Chef, verlässt den Kanton – unfreiwillig, aber auf eigenen Wunsch. Er spricht im Interview über Gerüchte, das U-Abo und seine Zukunft.

Boris Burkhardt
Merken
Drucken
Teilen
Die Baselbieter Busse waren sechs Jahre lang sein Metier: Jetzt muss Markus Meisinger der neuen Direktionsstruktur weichen. Juri Junkov

Die Baselbieter Busse waren sechs Jahre lang sein Metier: Jetzt muss Markus Meisinger der neuen Direktionsstruktur weichen. Juri Junkov

Herr Meisinger, die Gerüchteküche brodelt: Sind Sie gegangen oder gegangen worden?

Markus Meisinger: Mein Abschied von der Bau- und Umweltdirektion (BUD) erfolgte in gegenseitigem Einvernehmen. Ich gehe ausdrücklich nicht im Zorn. Es gab in der Direktion eine Reorganisation, durch die die Abteilung öffentlicher Verkehr vom Amt für Raumplanung ins Tiefbauamt verschoben wurde. Die externen Planer, die diese Umstrukturierung vorschlugen, wussten offensichtlich nicht, was ich in der Abteilung überhaupt mache und für was es mich überhaupt braucht. Das gab eine relativ unschöne Stimmung; und nach eingehenden Gesprächen merkte ich, dass aus einer weiteren Zusammenarbeit langfristig nichts Gedeihliches werden konnte. Und auch persönlich spürte ich, dass ich Lust auf etwas Neues habe. Wir einigten uns darauf, dass ich noch ein halbes Jahr die Übergabe organisieren würde. Deshalb kann ich jetzt mit einem guten Gefühl gehen.

Können Sie die «Entscheidung» der externen Berater nachvollziehen?

Die Rolle des Beratungsbüros war sehr bedauerlich. Sie hatten, das sage ich offen, von der Materie sehr wenig Ahnung und planten ohne Rücksprache mit mir eine neue öV-Verwaltung. Das habe ich dann doch etwas eigenartig gefunden: Wir haben relativ viel Know-how im Kanton; und das Beratungsbüro wollte die öV-Abteilung auf der grünen Wiese neu planen, ohne Leute zu haben, die schon mal in solch einer Position waren. Als das Büro die neue Organisation erstmals allen Mitarbeitern vorstellte, wurde vor den Anwesenden über meine Stelle verhandelt. Das war wirklich unschön.

Hat Frau Pegoraro eingesehen, dass dieser Umgang nicht angemessen war?

Ich gehe ausdrücklich nicht im Streit mit Frau Pegoraro. Das wurde schon kolportiert, ist aber überhaupt nicht der Fall. Ich habe trotz gelegentlich unterschiedlicher Ansichten sehr gerne mit ihr zusammengearbeitet, genauso mit ihren Vorgängern Elsbeth Schneider und Jörg Krähenbühl.

Dann gab es für Sie auch keinen Maulkorb, nachdem Sie sich vergangenen Herbst gegen ihre Chefin öffentlich für eine Zonierung des U-Abos ausgesprochen hatten?

Ich kann damit professionell umgehen. Ich weiss, wie Politik funktioniert; und wenn das Ein-Zonen-Modell die Meinung meiner Direktions- vorsteherin ist, dann vertrete ich die. Sie ist ja auch durchaus begründbar. Das ist der normale Ablauf in einer staatlichen Verwaltung. Loyalität ist für mich zentral; und das muss innerhalb einer Direktion auch funktionieren.

Jetzt sind Sie noch gegen die Zonierung des U-Abos – oder dafür?

Das U-Abo ist jetzt gut so, wie es ist. Die Frage stellt sich aber, ob es so zukunftsfähig ist. Denn die Preise werden immer wieder erhöht werden, und dann könnte es für Kurzstreckenpendler, unter anderem auch Schüler, plötzlich teuer werden. Dann sollten wir über eine Zonierung nachdenken. Ich habe allerdings nie verstanden, warum in der Öffentlichkeit von der Abschaffung des U-Abos gesprochen wurde: Das stand nie zur Diskussion; es ging immer nur um eine Erweiterung des Angebots für kurze Strecken, wenn die Preise weiter steigen. Aber wenn man die Zonierung aus politischen Gründen nicht will, dann ist das so. Ich mache mir allerdings Sorgen, ob das System in Zukunft tragfähig ist.

Wenn Sie vorher über Loyalität sprachen: Es hiess, die Mitarbeiter der BUD hätten die Sparmassnahmen im öV absichtlich so drastisch ausfallen lassen, damit sie im Landrat keine Chance haben.

Das ist absoluter Unsinn. Das war niemals der Fall. Ganz im Gegenteil: Wir haben alles getan, dass wir möglichst viele Kunden behalten können. Wir haben die Fahrpläne eingehend analysiert, um das Sparpaket so abgemildert wie möglich rüberzubringen. Aber wenn der Landrat will, dass wir ein Drittel der Kurse einsparen, dann gibt das in einer Region, die sowieso ein sehr dürftiges Angebot hat, natürlich Löcher von zwei Stunden und mehr; dann gibt es natürlich Betroffene. Deshalb ging mir dieser Vorwurf echt an die Nieren.

Dann ist die Vernehmlassung des neuen Fahrplans auch keine Alibiübung?

Nein, das ist eine Vorgabe des Bundes. Die Vernehmlassung ist jeden Juni und Juli eine Riesen-Übung für uns: Wir bekommen jedes Jahr zwischen 200 und 500 Einwendungen und gehen jede einzelne mit den Transportunternehmen durch.

Unter Herrn Krähenbühl war es für die Journalisten noch relativ einfach, die Informationen direkt von den Fachpersonen zu bekommen. Mit dem Wechsel zu Frau Pegoraro hiess es auf einmal, Auskunft gebe nur noch der Direktionssprecher.

Für die öV-Abteilung hat sich nichts geändert. Es war bei uns auch unter Herrn Krähenbühl üblich, dass wir alles absprechen, bevor wir an die Öffentlichkeit gehen. Das ist keine «Spezialität» von Frau Pegoraro oder dem Pressesprecher Dieter Leutwyler. Oft mussten wir nämlich aus der Zeitung erfahren, dass andere Abteilungen uns bei einem Thema – bewusst oder unbewusst – angegriffen hatten, ohne dass wir uns hätten wehren können, weil wir ja nichts davon wussten. Oft war es auch so, dass Projekte schon einen Schritt weiter waren, als die Auskunftsperson einer anderen Abteilung wusste. Deshalb halte ich es für richtig, dass wir ein «Eingangsportal» haben. Die interne Kommunikation in der BUD funktioniert.

Auch wenn Sie vom Planungsbüro nicht begeistert waren: Halten Sie denn die Umstrukturierung an sich für sinnvoll?

Ich bin ein ganz klarer Befürworter der neuen Organisation, auch wenn sie mich den Job kostete. Sie ist deutlich besser als die vorherige Situation; wir sind im Tiefbauamt deutlich besser aufgehoben. Bis jetzt waren der Betrieb und die Infrastruktur des öV auf zwei völlig verschiedene Abteilungen mit zwei Dienstwegen verteilt. Das war sehr ineffizient. Die neue öV-Verwaltung unter einem Dach ist deutlich besser. Sie findet einfach ohne mich statt.

Dann gab es auch keinen Konkurrenzkampf zwischen Ihnen und Ihrem Nachfolger Jörg Jermann?

Nein. Die Vorgabe war von Anfang an, dass der Leiter des neuen Bereichs Mobilität ein Ingenieur sein sollte. Deshalb gab es für mich als Betriebswirt keine Zukunft in der neuen Struktur.

Was werden Sie am 1.Juli tun?

Ich arbeite ab August für ein Beratungsbüro in Basel. So kann ich in der Region bleiben, in die ich mich recht verliebt habe.

Sie sind nun in Ihrer zukünftigen Laufbahn gebrandmarkt für andere Kantone?

Nein, nicht, dass ich wüsste. Ich gehe auch aus den nationalen Gremien mit den anderen Kantonen und den Transportunternehmen nicht im Streit. Nun nutze ich die Chance, auch mal eine andere Branche kennen zu lernen. Das ist das Privileg als Ökonom.