Friedensarbeit
Pascal Ryf in der Ukaine: Erst den Frontalunterricht, dann den Krieg überwinden

CVP-Landrat und Schulleiter Pascal Ryf brachte in der Ukraine Lehrern offenere Unterrichtsformen und Feedback-Kultur näher. Ziel des Projekts des Vereins Friedensbrugg ist es, die verfeindete pro-ukrainische und pro-russische Seite des Landes an einen Tisch zu bekommen. Doch das ist nicht einfach.

Michael Nittnaus
Merken
Drucken
Teilen
Die Ukraine-Reise von Landrat Pascal Ryf
5 Bilder
Die Delegation der Friedensbrugg besuchte eine Schule in Lemberg im friedlichen Westen des Landes.
Die Schule bietet Platz für 400 Schüler von der ersten bis zur elften Klasse. 20 von ihnen haben Väter, die im Osten im Krieg kämpfen.
Die vier Schulleiter und Lehrer aus beiden Basel, die am Projekt teilnahmen, leiteten Workshops für 45 Lemberger Lehrer, Schulleiter und Psychologen.
Am Ende der Reise wurden Pascal Ryf und Co. von der Academy for internal Affairs, der Lemberger Uni für Polizeiausbildung, offiziell empfangen.

Die Ukraine-Reise von Landrat Pascal Ryf

ZVG Pascal Ryf

«Die Väter von 20 Kindern dieser Schule kämpfen im Krieg in der Ost-Ukraine, einer von ihnen starb erst kürzlich.» Was Pascal Ryf bei seinem Besuch in der Ukraine erfuhr, stimmt nachdenklich. Der Oberwiler CVP-Landrat fuhr während der Herbstferien für fünf Tage nach Lwiw (Lemberg) in den ruhigeren Westen des Landes. Dies, weil er im August in der bz vom Projekt des Vereins Friedensbrugg gelesen hatte. Dieser versucht mit Lehrern und Schulleitern aus beiden Basel, ukrainischen Berufskollegen kreative und integrative Unterrichtsformen näherzubringen. Das Ziel: Über moderne pädagogische Ansätze die Demokratie und das Zusammenleben in einem Land zu stärken, das vom Krieg tief gespalten ist.

Feindbild Russland

Ryf ist selbst Schulleiter in Allschwil und meldete sich bei der Friedensbrugg. «Ich war schon im Kosovo, in Malawi oder in Japan, um die dortige Schularbeit kennenzulernen. Doch in der Ukraine noch nie. Das Projekt sprach mich sofort an.» Zusammen mit drei weiteren Berufskollegen besuchte Ryf eine Lemberger Schule mit 400 Kindern von der ersten bis zur elften Klasse. Anders als erwartet gab es dort lediglich neun Flüchtlingskinder aus dem Osten des Landes, wo sich seit Jahren pro-russische und pro-ukrainische Kräfte bekämpfen. Andernorts bringt diese innerukrainische Migration grosse Probleme mit sich. Integration ist für viele ein Fremdwort.

Das merkte auch Ryf: Als er vom integrativen Unterricht, vom Umgang mit fremdsprachigen Kindern und von den Kursen in heimatlicher Sprache und Kultur berichtete, die es in der Schweiz gibt, machten die ukrainischen Lehrer grosse Augen. Dies sei, wie wenn in der West-Ukraine an Schulen russische Kultur gelehrt würde. «Da spürte ich, dass die russische Kultur nicht willkommen ist. Sie ist für viele wie ein Fremdkörper», sagt Ryf. Keine guten Voraussetzungen für eine offene Diskussion, weswegen die Delegation auch darauf verzichtet habe zu insistieren. Die Friedensbrugg wolle schliesslich politisch neutral auftreten.

Das soll nicht heissen, dass die 45 Lemberger Lehrer, Schulleiter und Psychologen, die an den Workshops teilnahmen, nicht wissbegierig gewesen wären. Zu gross sind ihre Sorgen: der niedrige Lohn von 300 Euro im Monat, der Mangel an männlichen Lehrkräften und vor allem der hohe Zentralisierungsgrad, der ihnen jegliche Freiheiten beim Unterrichten nimmt. «Sie waren froh um alle Tipps, wie man wegkommt vom reinen Frontalunterricht und auch spielerisch lernen kann», sagt Ryf und fügt an: «Das braucht viel Mut, wenn man so lange in festen Strukturen gefangen war.» Zu sehen, dass alle aus Überzeugung Lehrer sind und ihnen das Wohl der Kinder am Herzen liegt, das sei das Schönste gewesen.

Verein Friedensbrugg macht Druck

Illusionen, das ukrainische Bildungssystem zu revolutionieren, macht sich Ryf aber keine. «Das ist auch nicht unsere Aufgabe», ergänzt Marc Joset. Der ehemalige SP-Landrat sitzt im Vorstand der Friedensbrugg. Seine Haltung ist klar: «Wir machen in erster Linie Friedensarbeit.» Die Lehrer-Fortbildung sei letztlich nur Mittel zum Zweck, um die verfeindeten Volksgruppen an einen Tisch zu bekommen. Der Verein werde die Reise nun evaluieren und dann entscheiden, ob die Lemberger genügend Willen zeigen, auch wirklich über den Russland-Konflikt zu sprechen. Nur dann mache eine Fortführung des Projektes an diesem Ort Sinn.