Persönlich
Das graue Haar

Wie merkt man, dass man älter wird? Die EM hilft.

Kelly Spielmann
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Italien-Fans hatten Grund zum Feiern.

Italien-Fans hatten Grund zum Feiern.

Cecilia Fabiano / AP

Älter werden – viele denken da zuerst an körperliche Merkmale. Falten im Gesicht, knackende Knie beim Aufstehen, das erste graue Haar. Das habe ich bei mir übrigens letzte Woche entdeckt. Zwischen all den braunen Haaren blitzte plötzlich, als wäre es aus dem Nichts aufgetaucht, ein helles hervor.

Doch die äusseren Merkmale sind es eigentlich nicht, die mich merken lassen, dass ich langsam älter werde. Es sind eher die inneren Gefühle, die sich plötzlich ändern. Während ich vor zehn Jahren noch die Liedtexte jedes Chart-Songs auswendig kannte, ärgere ich mich heute über Jugendliche, die mit Lautsprechern die aktuellen Hits durch die Gegend schmettern lassen. Während ich vor einigen Jahren noch lieber im Chaos lebte, als die Wohnung aufzuräumen, kann ich mich heute über einen neuen Wischmopp mit integrierter Bodenreiniger-Sprüh-Funktion freuen, als hätte man meinem sechsjährigen Ich ein Pony geschenkt.

Und obschon ich gerne im Stadtzentrum lebe, musste ich nach dem Spiel Schweiz-Italien feststellen, dass mich das Gehupe euphorischer Tifosi um 23 Uhr zur Weissglut treiben kann. Besonders, wenn die Temperaturen mich dazu zwingen, mit offenen Fenstern zu schlafen.

Wann dieser Wandel stattgefunden hat, weiss ich nicht. Ich glaube, er kam schleichend. Was ich aber weiss: Ich muss in den nächsten Wochen mit geschlossenen Fenstern schlafen – oder insgeheim hoffen, dass die Teams, für die meine Nachbarschaft fiebert, verlieren. Sonst finde ich nach der EM wohl das nächste graue Haar.