Ethno-Pop
PJ Wassermann: «‹Muh!› hätte ein Werbespot werden sollen»

Im Frühsommer 1985 stürmte die Single «Muh!» die Schweizer Hitparade. Der in Hersberg wohnhafte PJ Wassermann vermischte Elektro-Sounds mit Kuhlauten und Jodelklängen. Und erfand damit nebenbei den Ethno-Pop.

Hans-Martin Jermann
Drucken
Teilen
Der Tüftler in seinem Studio: PJ Wassermann vor seinem ARP 2600, einem Analog-Synthesizer aus den späten 1970er-Jahren mit Kultstatus.

Der Tüftler in seinem Studio: PJ Wassermann vor seinem ARP 2600, einem Analog-Synthesizer aus den späten 1970er-Jahren mit Kultstatus.

Roland Schmid

Die Geschichte des Matterhorn Project und der vor exakt 30 Jahren erschienenen Hitsingle «Muh!» ist voller Kuriositäten: Etwa der Tatsache, dass DRS 3 den Song boykottierte, weil er zu schweizerisch war. Erst viel später zeigte sich: Das Matterhorn Project war seiner Zeit voraus und initiierte – eher unfreiwillig allerdings – den Ethno-Boom. Auch brachte ihre Teilnahme bei «Muh!» die Jodlerin Heidi Blum in Bedrängnis. PJ Wassermann, der in Hersberg ob Liestal wohnhafte Schöpfer der legendären Hitsingle, erklärt im Gespräch mit der bz, weshalb «Muh!» auch für ihn und seine Frau Stella zu einem zweischneidigen Schwert wurde.

PJ Wassermann, exakt vor 30 Jahren rangierte der Song «Muh!» auf Platz zwei der Schweizer Charts. Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie heute Ihren grössten Hit hören?

PJ Wassermann: Es gibt zwei Ebenen: Einerseits analysiere ich den Song sofort auf die Produktionstechnik. Da bin ich ganz der Tüftler mit déformation professionelle. Ich kann auch heute hinter der Produktion stehen. «Muh!», ja das ganze Album, klingt überhaupt nicht angestaubt, finde ich. Anderseits sehe ich vor meinem geistigen Auge sofort Bilder und Situationen aus der damaligen Zeit. Das Matterhorn Project war für meine Frau Stella und mich nicht einfach eine Quelle des Glücks, sondern durchaus ein zweischneidiges Schwert.

Wie meinen Sie das?

Das Matterhorn Project zerstörte unser Image als kultiger Untergrund-Act, den wir zuvor mit dem Schaltkreis Wassermann aufgebaut hatten. Unsere alten Fans reagierten frustriert und warfen uns Ausverkauf vor. Umgekehrt konnten die neuen Fans, die wir mit dem Matterhorn Project gewannen, nichts mit dem anfangen, was uns wirklich interessierte. Ich werde noch heute mit dem Matterhorn Project identifiziert. Das Positive war, dass wir das erste Mal mit der Musik Geld verdienen konnten. So viel war es zwar nicht. Die Leute haben das Gefühl, mit einem Platz 2 in der Single-Hitparade werde man Millionär. Das stimmt nicht. Doch immerhin hatten wir die Möglichkeit, in unser Studio und Equipment zu investieren.

«Muh!» war nicht nur in der Schweiz, sondern auch in Südafrika ein Hit. Weshalb ausgerechnet dort?

Wir präsentierten «Muh!» an einer Musikmesse in Cannes. Dort wurde ein Labelchef aus Südafrika auf uns aufmerksam, und der veröffentlichte die Single prompt. Der Erfolg von «Muh!» in Südafrika zeigt, dass mehr drin gewesen wäre und wir einen Welthit hätten landen können – sofern das Umfeld mit entsprechendem Management zur Verfügung gestanden wäre. Wir trafen damals leider nicht die richtigen Leute. Die einen waren unfähig, die anderen korrupt.

Wie kamen Sie auf die Idee, elektronische Musik zu vermischen mit Tierlauten und Versatzstücken aus der Volksmusik? In den 80er-Jahren war dies alles andere als naheliegend.

Eine unverstandene Hit-Single

Im Frühling 1985 stieg «Muh!» in die Schweizer Single-Hitparade ein und kletterte bis auf Rang 2. Von ihrem ersten Hit verkaufte das Matterhorn Project 25 000 Exemplare, was für eine Schweizer Single eine stattliche Zahl ist. Die nachfolgende zweite Single vom August 1985, «Yo-Lollo-Diuh», schaffte es immerhin auf Rang 8 der Charts; kurze Zeit später veröffentlichte das Matterhorn Project ein volles Album mit den beiden Hit-Singles sowie sechs weiteren Tracks (darunter «The Gnomes of Zurich» und «The Ballad of the Alpin Horns»).

Die Kombination von elektronischen Sounds und Volksmusik wirkt heute konventionell. Damals aber brach das Matterhorn Project Tabus – davon zeugen Boykotte und erboste Reaktionen sowohl aus dem «fortschrittlichen» Pop- als auch dem Ländler-Lager. Im Gegensatz zum später populären Alpen-Techno bediente sich das Matterhorn Project fernab jeglicher Heimattümelei mit spielerischer Ironie bei den Elementen der Volksmusik. Allerdings haben das damals wie heute nicht alle verstanden, wie PJ Wassermann, der Kopf hinter dem Matterhorn Project, immer wieder erfahren muss.

«Muh!» wurde ein Hit, obwohl es von DRS3, dem «amtlich bewilligten Störsender» laut damaliger Eigenwerbung, boykottiert wurde.

Ja, und das ist eigentlich ein Skandal. Ich denke, dass «Muh!» den DRS3-Machern nicht passte, weil es schweizerische Elemente beinhaltete. Damals war das in der Jugendkultur eher verpönt. Absurd war, dass ich zu jener Zeit mit François Mürner Jingles für DRS3 produzierte, als Musiker aber im Programm nicht stattfinden durfte. So gesehen war es für mich ein grosser Erfolg, dass es «Muh!» trotz Boykott durch DRS3 auf Platz zwei der Charts schaffte.

Matterhorn, Kühe, Jodeln: War das pure Ironie oder auch eine Hommage an die Schweiz?

Beides. Die Amerikaner nennen es tongue in cheek. Wir haben «Muh» mit einem Augenzwinkern aufgenommen. Interessant ist, dass uns kaum jemand auf unseren Bandnamen Matterhorn Project anspricht. Es ist eine ironische Anspielung auf das Manhattan Project, das militärische Forschungsprojekt der USA zur Entwicklung der Atombombe.

Für den Jodel-Teil engagierten Sie die bekannte Jodlerin Heidi Blum.

Das ist auch so eine verrückte Geschichte. Heidi Blum fand den Song toll und war sofort bereit mitzumachen, dies unter einer Bedingung: Wir durften niemandem sagen, wer da singt. In der Volksmusikszene waren damals viele engstirnig und stur: «Eine Jodlerin in einem Elektronik-Song? Das geht nicht.» Heidi kriegte dann prompt Probleme und wurde von den Verbandsoberen geschnitten, als diese herausfanden, dass sie die Jodelstimme in «Muh!» und danach auch in unserem zweiten Hit «Yollo-Lo-Diuh» war. Darunter hat Heidi Blum lange gelitten. Trost fand sie erst Jahre später, als ihr Fernsehmann und Ländlerexperte Wysel Gyr eröffnete, er habe «Muh!» super gefunden.

War das 30-Jahr-Jubiläum von «Muh!» für Sie überhaupt ein Thema?

Wegen des Jubiläums sind zwei Musikverlage auf mich zugekommen und wollten etwas mit mir machen. Bis jetzt ist leider nichts zustande gekommen. Ein Verlag wollte einen Remix veröffentlichen, was spannend wäre. Er forderte aber, dass ich mich finanziell beteilige. Darauf habe ich keinen Bock. Ich mag die Musik des Matterhorn Project, die ich mit meiner Frau Stella realisiert habe, noch immer. Doch Geld investieren mag ich in diese Sache nicht mehr. Da habe ich heute spannendere Projekte.

Sehen Sie sich als Elektronik-Pionier?

«Muh!» war einer der ersten Schweizer Elektronik-Songs, der Erfolg in den Charts hatte. Was Stella und ich zuvor mit Schaltkreis Wassermann gemacht haben, wird noch heute als Avantgarde der frühen 80er-Jahre anerkannt, und unser damaliges Album «Psychotron» wurde erst kürzlich von einem Berliner Label auf Vinyl wiederveröffentlicht – sehr erfolgreich übrigens. In der Schweiz gab es weitere spannende Künstler mit internationaler Geltung: Den Zürcher Jazz- und Elektronik-Tüftler Bruno Spoerri, den in Basel an der Musikakademie tätigen Zürcher Komponisten Thomas Kessler, einige weitere im Untergrund – und natürlich Yello.

Elektronische Musik ist heute etabliert, galt aber in den 80er-Jahren in weiten Kreisen – da nicht handgemacht – nicht als «richtige» Musik.

Diese Vorbehalte waren sehr verbreitet. Wir Elektronik-Künstler galten als etwas weltfremde Spinner, was heute kurios anmutet: Heute werden selbst Schlager und viele Volksmusiklieder weitgehend elektronisch produziert.

Sie sind heute in der Goa- und Psy-Trance-Szene aktiv und geben Konzerte. Wie reagieren die Menschen auf Sie, wenn sie realisieren, dass der Schöpfer von «Muh!» vor ihnen steht. Rümpfen die Kenner die Nase?

Überhaupt nicht. Die Vorbehalte, von denen ich aus den 80er-Jahren berichtete, erlebe ich heute nicht mehr. Ich habe kürzlich live in einer Psy-Trance-Sendung im Berner Radio Rabe gespielt. Da haben wir zur Auflockerung «Muh!» gespielt, das stilistisch ja überhaupt nicht in die Sendung passte. Doch die Radiomacher haben sich totgelacht. Ich kriege heute immer wieder tolle Feedbacks auf das Matterhorn Project, was mich freut.

Wie erklären Sie sich, dass Sie später nie mehr an die Erfolge des Matterhorn Project anknüpfen konnten?

Das hat verschiedene Gründe. Einerseits wollte ich nicht im gleichen Stil mit dem Matterhorn Project weitermachen. Das wäre zwar bequem, wahrscheinlich erfolgreich, aber künstlerisch wenig interessant gewesen. Anderseits lag es auch an Kleinigkeiten, dass es später nicht mehr im grossen Stil klappte. In den 90er-Jahren bastelte ich an einem Song «I’d love to be your Tampax now» in Anspielung an die berüchtigten Telefonmitschnitte von Prinz Charles an Camilla Parker. Ich engagierte extra englische Schauspieler, welche die Textzeilen akzentfrei nachsprachen. Die Rohfassung kam bei britischen Plattenfirmenleuten super an, allerdings zeichnete sich ein markenrechtlicher Streit mit Tampax ab. Zudem befürchteten einige, der Song könnte in England für politische Probleme sorgen. Ich überlege mir, den Song nochmals zu launchen, wenn Prinz Charles zum König gekrönt wird (lacht).

Aktuelle Nachrichten