SBB
Pratteln probt bereits den Aufstand gegen SBB-Projekt

Die SBB machen erste Vorschläge zum Gleisneubau; die Gemeinde wehrt sich bereits heftig. Dabei handelt es sich erst um Ideen im Anfangsstadium.

Boris Burkhardt
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Keystone

Ab 2020 wird es zwischen Mannheim und Chiasso ausreichend Kapazität geben für die bis zu 300 Güterzüge, die dann pro Tag Waren von Europas Norden in den Süden und zurück transportieren sollen. Nach der Fertigstellung der beiden Basistunnel Gotthard und Monte Ceneri bis 2019 sehen die SBB laut Sprecher Christian Ginsig kein Problem mehr für die freie Zugfahrt. Pratteln schon.

Dort planen Politik und SBB Überwerfungsbauten, die den Güter- und Personenverkehr am Zusammenfluss aus Osten und Süden entflechten sollen. Mögen die Kapazitäten in Pratteln für die bis zu 300 prognostizierten Güterzüge reichen – mit dem gewünschten Viertelstundentakt der S-Bahnen nach Liestal und Rheinfelden wäre das Mass offensichtlich übervoll.

Für Pratteln, wo noch beide Linien parallel laufen, bedeutete das 16 S-Bahnen pro Stunde, die im Bahnhof halten, plus zusätzliche Regionalzüge. Überwerfungsbauwerke, also Brücken von einem Gleis übers andere, sollen die kreuzungsfreie Trennung der Züge gewährleisten: von Olten oder Zürich gesehen die Güterzüge rechts, die Personenzüge links. Bisher werden ganze Gleise blockiert, wenn Züge über Weichen fahren.

«Bahn dreiteilt Pratteln bereits»

Die Notwendigkeit, angesichts der Prognosen die Verkehrstrennung zu optimieren, wird auch vom Prattler Gemeinderat und von den Parteien nicht bestritten. Jedoch vertritt der Gemeinderat offensichtlich die Einstellung: «Gerne, aber nicht bei uns.» Gross war die Aufregung vor zwei Wochen im Einwohnerrat, als der Gemeinderat Details der Planung an die Öffentlichkeit brachte. Den zwei oder vier neuen Gleisen könnte im Süden die Zehntenstrasse, eventuell auch im Norden die Industriestrasse zum Opfer fallen.

Ausserdem wären mehrere geplante Hochhäuser und der Ausbau der Coop-Zentrale so nicht mehr möglich; das neue Bahnhofgebäude und der Nordausgang müssten neu errichtet werden. Die FDP kündigte deshalb eine Volksinitiative gegen den Ausbau an (die Basellandschaftliche Zeitung berichtete).

«Für uns als Laien ist es relativ schwierig, zu sagen, wo die zukünftigen Gleise liegen sollten», sagt der zuständige Gemeinderat Felix Knöpfel, gleichzeitig FDP-Mitglied; «wir können nur Ideen unterbreiten. Ob sie machbar sind, müssen andere entscheiden.» Klar sei für den gesamten Gemeinderat jedenfalls, dass die SBB «nicht durchs Dorf durch» sollten. Pratteln sei heute schon durch die Schallschutzwände dreigeteilt und würde weiter in der Entwicklung des Ortsbildes eingeschränkt.

Ein bisschen wirkt die Aufregung in Pratteln aber wie der sprichwörtliche Sturm im Wasserglas. Markus Meisinger, in der Baselbieter Baudirektion zuständig für den öffentlichen Verkehr, macht klar, dass die Planungen in Pratteln nur Ideen im Anfangsstadium seien: «Es stehen morgen noch keine Bagger in Pratteln.» Es handle sich bei den Planungen auch nicht um ein Gesamtpaket: Die Realisierung solle in Etappen zwischen 2020 und 2040 erfolgen.

«Noch viele Fragen offen»

SBB-Sprecher Roman Marti findet Vorgehen und Tonart des Prattler Gemeinderats «etwas irritierend». Die Entflechtung Basel Ost in Muttenz und Pratteln sei Teil einer Planung, für die die SBB momentan im Auf-trag der Kantone eine Studie zur Kapazitätssteigerung bei den S-Bahnen durchführten.

Vor einer Veröffentlichung der Studienergebnisse müssten aber noch «viele offene Fragen» gemeinsam mit Gemeinden und Kantonen geklärt werden. «Die Prattler Behörden», sagt Marti, «entschlossen sich, ihre Stellungnahme direkt an die Medien weiterzuleiten.»

Kanton und SBB sehen keine Alternativen zum Ausbau des Prattler Bahnhofs. Der «Bypass Nord», eine Schienenumfahrung des Baselbiets entlang der deutschen A98, den auch der Kanton gerne hätte, ist im trinationalen Einverständnis aufgegeben worden. Auch der Ausbau des Adlertunnels hülfe nichts: Die Strecke zweigt bereits vor dem Rangierbahnhof Muttenz ab und ist damit uninteressant für den Güterverkehr.