Pratteln
Schneider-Gruppe tritt Flucht nach vorne an – zwei Firmen gehen in Konkurs, eine neue übernimmt

Den früheren Stadler-Rail-Zulieferer Systemtech Schneider samt der Schreinerei Schneider AG gibt es nicht mehr. Die Schneider Holding hat jedoch eine neue Firma gegründet, welche die Mitarbeitenden übernimmt.

Benjamin Wieland
Merken
Drucken
Teilen
Der Sitz der Schneider Holding in Pratteln. Die Firmenschilder müssen ersetzt werden.

Der Sitz der Schneider Holding in Pratteln. Die Firmenschilder müssen ersetzt werden.

Bild: Kenneth Nars

Die Mitarbeitenden der Schreinerei Schneider AG und der Systemtech Schneider AG wissen jetzt, wie es mit ihren Betrieben weitergeht. Die zwei Prattler Unternehmen gehen in der neu gegründeten Schneider System AG auf. Sie übernehme von den beiden Vorgängergesellschaften verschiedene Projekte und angefangene Arbeiten, teilte die Schneider Holding AG am Montag mit. Das neue Unternehmen wird Spezialitäten wie Brandschutzelemente, Innenausbau und Spezialprodukte für den Fahrzeugbau herstellen. Übernommen werde auch die gesamte Belegschaft, es handle sich um 30 Angestellte.

«Mit der neu gegründeten Gesellschaft ist es uns gelungen, wichtige Arbeitsplätze in Pratteln zu erhalten», wird Andreas Schneider, Verwaltungsratspräsident der Schneider Holding, zitiert.

Öffentlich ausgetragener Zwist mit Peter Spuhler

Mit dem Konkurs der Schreinerei Schneider AG und der Systemtech Schneider geht ein über lange Zeit erfolgreiches, zuletzt aber auch äusserst tragisches Kapitel Baselbieter Wirtschaftsgeschichte zu Ende. Systemtech Schneider hatte in den vergangenen Jahren stark expandiert, führte mehrere Erfolgsprodukte im Sortiment. So war etwa Stadler Rail Abnehmer von WC-Modulen aus dem Hause Schneider. Auch die WC-Kabinen in den Flirt-Zügen der Regio-S-Bahn wurden in Pratteln gefertigt.

Schon vor der Coronakrise geriet die Schreinerei Schneider jedoch in Schwierigkeiten, konnte die WC-Module nicht mehr rechtzeitig abliefern. Stadler Rail kündigte den Vertrag, Systemtech verlor 80 Prozent des Auftragsvolumens. Im vergangenen November kreuzte Stadler Rail mit eigenen Lastwagen in Pratteln auf, transportierte das restliche Material ab – heute stellt der Thurgauer Bahnbauer die Kabinen selber her. Von 105 Schneider-Angestellten verloren rund 70 ihren Job.

Andreas Schneider griff in einem Brief an die Belegschaft auch Peter Spuhler an, er trage eine Mitschuld am Untergang. Doch der Verwaltungsratspräsident der Stadler Rail Group dementierte die Vorwürfe vehement.

In Zügen gibt's «nur» noch Verkleidungen Marke Schneider

Doch man wolle jetzt nach vorne blicken, sagt Andreas Schneider, der auch die Wirtschaftskammer Baselland präsidiert, zur bz. «Das Wichtigste war mir, dass wir unseren Angestellten eine Anschlusslösung anbieten können.» Systemtech Schneider war laut eigenen Angaben zusammen mit einem deutschen Hersteller der grösste Anbieter von WC-Kabinensystemen in Europa. Zwar werde man für Rollmaterialhersteller weiterhin Verkleidungen, Böden und Decken fertigen, sagt Schneider. «Aber Zug-WC-Kabinen gibt’s keine mehr aus Pratteln.» Das Produkt binde zu viel Personal und Kapital.

Ebenso eingestellt wird eine Sparte, mit der die Schreinerei Schneider gross geworden ist: der Fensterbau. Der Preiskampf sei extrem hart, sagt Schneider, gegen die Grossen sei man chancenlos – mit einer Ausnahme: mit selber entwickelten Brandschutzfenstern aus Holz.