Bahnlärm
Prattler wehrt sich gegen Güterzüge und wirft dem Bund «geheime Planungen» vor

Robert Degen ist besorgt über das, was da «hinter den Kulissen» abläuft. Der IG-Präsident gegen Eisenbahnlärm befürchtet eine «Katastrophe» durch die enorme Zunahme des Güterzuglärms, dem Pratteln und Umgebung ausgesetzt werden.

Boris Burkhardt
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Pratteln wird besonders vom Lärm durch Güterzüge geplagt. In Zukunft werden es nicht weniger werden. Archiv/Nicole nars-Zimmer

Pratteln wird besonders vom Lärm durch Güterzüge geplagt. In Zukunft werden es nicht weniger werden. Archiv/Nicole nars-Zimmer

Robert Degen ist besorgt über das, was da «hinter den Kulissen» abläuft. Der Präsident der «Interessengemeinschaft gegen Eisenbahnlärm Pratteln und Umgebung» befürchtet eine «Katastrophe» durch die enorme Zunahme des Güterzuglärms, dem Pratteln und andere Anrainergemeinden der Baselbieter Hauptschienenachse in Zukunft ausgesetzt werden.

In einem Brief an das Eidgenössische Departement für Umwelt, Verkehr, Energie, Kommunikation (Uvek) bringt er diese Befürchtungen vor und bittet um Aufklärung.

1,5 Kilometer lange Megazüge

Degen, der in Pratteln direkt an der Gabelung zwischen den beiden Bahnlinien Richtung Rheinfelden und Liestal wohnt, wirft dem Bund und den SBB vor, die Entwicklung des Güterverkehrs unter Ausschluss der Öffentlichkeit zu planen.

Zu einer Vernehmlassung zum Beispiel für die Bahnplanungsprojekte FABI oder STEP sei die Interessengemeinschaft nie eingeladen worden. Degen fürchtet ausserdem megalange Güterzüge von anderthalb Kilometern Länge und zitiert aus der aktuellen Ausgabe des Fachmagazins «Eisenbahn-Revue», wonach unter anderem BLS Cargo und SBB Cargo fordern, die europäische Bahninfrastruktur zwischen Rotterdam und Genova auf 750 Meter lange Güterzüge auszulegen. Neue Infrastruktur solle sogar für die doppelte Länge gebaut werden.

Die IG vertritt nach Degens Aussage «Bahnanwohner zwischen Birsfelden und Tecknau». Verschiedenen öffentlichen Stellen zufolge ist als IG-Vertreter bisher aber niemand ausser ihm selbst in Erscheinung getreten.

Rückendeckung bekommt Degen jedenfalls von Prattelns Gemeinderat Felix Knöpfel, der ebenfalls nicht mehr allzu gut auf die SBB zu sprechen ist. Das Thema Erschütterungen, das Degen ebenfalls aufgreift, bezeichnet Knöpfel als «Trauerspiel».

Vor vier Jahren hätten die SBB zwischen Pratteln und Kaiseraugst ein einschlägiges Pilotprojekt mit Schottermatte angekündigt. Seither habe die Gemeinde trotz Nachfragens nichts mehr vom Projekt gehört. Knöpfel weiss allerdings auch, dass es schwierig ist, Erschütterungen zu messen und damit Grenzwerte festzulegen.

BAV-Sprecher Andreas Windlinger bestätigt, dass es in der Schweiz derzeit keine Verordnung für Massnahmen gegen Erschütterungen gibt: Bei Neubaustrecken werde mit baulichen Massnahmen Rücksicht darauf genommen.

Beim bestehenden Netz von 5000 Kilometern seien die bisher möglichen Lösungen aber viel zu teuer. Der Bund sei auf der Suche nach einer günstigeren Variante. Eine Prioritätenliste für besonders betroffene Strecken gebe es jedoch nicht.

Adlertunnel nicht für Güterzüge

Markus Meisinger vom Amt für Raumplanung hat Verständnis für Degen: Der Kanton habe zwar zuletzt viel getan für den Lärmschutz entlang der Bahn; in Pratteln seien die Arbeiten 2004 abgeschlossen worden.

Tatsächlich nehme man Erschütterungen aber stärker wahr, wenn Lärmschutzwände vorhanden sind. Degens Vorwurf, der Volkswille sei beim Adlertunnel umgangen worden, weist Meisinger zurück: 99 Prozent der Güterzüge würden in Muttenz hinter dem Tunnelabzweig zusammengestellt. Deshalb sei immer schon klar gewesen, dass nur wenige Güterzüge durch den Tunnel fahren würden.

Allzu lange wird sich Meisinger mit solcherlei aber nicht mehr herumschlagen müssen. Gestern gab die Bau- und Umweltschutzdirektion bekannt, dass Jörg Jermann, bisher stellvertretender Leiter der Abteilung öffentlicher Verkehr, ab 1.April Meisingers Nachfolge übernimmt.